(c) Helmuth Schönauer

Good To Be Back

8 Minuten Lesedauer

In der Literatur feiern wir manchmal so etwas wie Sonnenschein ohne Sonne, dabei setzt sich jemand eine Sonnenbrille auf und sieht die Welt für einen Abschnitt lang einfach schön.

H.W. Valerians Sonnenbrille heißt England, er setzt sie schon ein Leben lang während der Sommerferien auf und fährt dorthin. Entstanden ist dabei ein Lebensgefühl, das sich sogar erzählen und nachprüfen lässt. In seinen „Bekenntnissen eines Anglophilen“ geht es um diesen aufregenden Erzählstandpunkt, mit dem man verlässlich glücklich werden kann, ohne deshalb gleich Drogen nehmen zu müssen. „Good To Be Back“ ist eine Begrüßungsformel für einen Einheimischen in England, der zufällig das Jahr über in der Nähe von Innsbruck lebt.

An der Oberfläche gelesen besteht der dritte Band der Bekenntnisse aus drei biographischen Erzählungen, die jene Epoche des Autors beleuchten, die allgemein als „the long middle passage“ bezeichnet wird. Diese Zeit erscheint, wenn man sie durchlebt hat, kurz und lang zugleich, kurz, weil man immer busy gewesen ist, lang, weil man sich vielleicht auf einem falschen Pfad bewegt hat. Der Autor gibt nämlich unumwunden zu, dass er das Glück des Lebens nicht durch Unterrichten gefunden hat. Er hat seinen Lehrerjob irgendwie ordentlich gemacht, ist aber dabei zu keinem Heißläufer an schulischer Begeisterung geworden.

Ein weiterer biographischer Zug führt verlässlich während der Sommermonate nach England, wo er bei Verwandten im Dorf „Inkpen“ lebt und Einheimischer auf Zeit wird. Diese exklusive Disposition führt zu den Vorzügen der „Bekenntnisse“, die schöne Eigentümlichkeiten aufweisen, wie sie in der Literatur sehr selten vorkommen.

Das Dorf Inkpen wird nicht touristisch vorgestellt, wie das in der österreichischen Gegenwartsliteratur bis hin zum Landkrimi leider immer häufiger vorkommt. Inkpen bleibt ein Rätsel, das aber allmählich entblättert wird, sodass der Leser ein verschwiegener Eingeweihter werden kann. Aus alten Chroniken aus der Zeit vom „Domesday Book“ geht hervor, dass es sich dabei um eine befestigte Ansiedlung handelt, die in eine Seelenlandschaft eingestreut ist. Das Dorf wird quasi quer durch die Jahrhunderte als etwas Beruhigendes beschrieben, eingegrenzt von Hügelketten und Vegetation, die in einem ikonographisch verwurzelten englischen Rasen münden.

Während dieser Schilderung, in der es um tiefenpsychologische Glückszonen geht, taucht die konkrete Gegenwart auf. Das Dorf ist deshalb idyllisch und unversehrt geblieben, weil es mittlerweile von reichen und erfolgreichen Zuzüglern aus London besiedelt wird. Und diese neuen Bewohner haben nichts anderes im Sinn, als ihre Erwartung von Glück zu pflegen. Die ursprünglichen Bewohner verdingen sich dabei als Handwerker und Zuträger, aber alle verkehren in einem wertschätzenden Ton, sodass sich jene Umgangsformen entwickeln können, die man in literarischen Vorlagen nur in Südengland spielen lassen kann.
Neben dieser Schilderung um einen anglophilen Standpunkt herum ist vor allem die Verquickung des Englischen mit dem Deutschen eine solitäre Eigenheit. Der Autor erzählt, dass er erst dann Frieden in seinem Kopf findet, wenn er ein aufgegriffenes Wort in beiden Sprachen unterbringt. An diesem Suchen nach den richtigen Fügungen soll auch der Leser teilnehmen, der dadurch automatisch Insiderwissen gewinnt.

Vor allem bei der Deutung der jüngeren Zeitgeschichte ist dieser Zugang zum offiziellen Narrativ bedeutsam. Selten einmal ist der Thatcherismus so klar von innen her beschrieben worden wie in der Erzählung „Inkpen“. Eine unsterblich gültige Erzählung braucht auch ein fixes Ende, damit die erklärten Zeitabschnitte auf der historischen Skala eingetragen werden können. „Inkpen“ geht in ein Fade-Out über, als die Verwandten sterben oder es aus Altersgründen aufgeben, wobei sie die Erinnerung als schönes Stück Harmonie mitnehmen.

In der zweiten biographischen Erzählung „Ways With Words“ (167) geht es um ein Literaturfestival in Dartington Hall, das der Autor mehrere Jahre hindurch besucht. Auch hier gilt mit der Zeit die schöne Formel: Good To Be Back. Es entstehen Freundschaften mit literarischen Disputanten, unbekannte Dichter stellen ihre Jahresproduktion vor, die Fiktionen werden mit historischen Vorbildern abgeglichen und anschließend dem steifen Wind der Außenwelt ausgesetzt. Nicht alles, was im Sommer beim Festival für Aufruhr und Anerkennung sorgt, hat im Winter noch die Kraft, als vergängliche Zeilen in einem Buch zu überleben. Der Autor nimmt vor allem eine Weisheit mit aus diesen Sommern: „Kauf nie ein Buch, das soeben präsentiert wurde.“ (182) Damit reagiert er prophetisch auf den zunehmenden Gap zwischen Literatur und Literaturbetrieb.

Die dritte biographisch-literarische Exkursion „By The Old Canal“ (232) führt entlang des historischen Kanals zwischen Bristol und London durch wellige Landschaft und aufgeschäumte Geschichte. Esther, die Ursache und tapfere Begleiterin dieser anglophilen Wunderwelt, ist in ein altersgemäßes Quartier gezogen und hat Inkpen zurückgelassen. Auch die Stimmung des Autors ist mit übersiedelt, denn auch in neuer Umgebung ist das kulturelle Umfeld noch unversehrt zugänglich, wie es sich seit Jahrhunderten entwickelt hat. Die Wanderungen entlang des Kanals lassen ständig die Geschichte der Industrialisierung des Landes aufblitzen. Dabei kommt diese bronzene Stimmung auf, wenn etwas schon verloschen ist, aber noch einen Restglanz abstrahlt wie ein aufgelassener Stern. Der mild gewordene Kapitalismus, wie er in Erzählungen des Realismus herüber gefiltert wird in die Gegenwart, lässt sich als Urfratze hinter all dem Business erahnen, wie es von der Metropole aus bis in die letzte Landritze hinausströmt. Und dann stirbt Esther, und das Buch müsste eigentlich zu Ende sein.

So kann es nicht aufhören, sagt der Autor und fügt noch ein paar Reiseerlebnisse an, wieder an einem Ort, an dem sich das Anglophile auskosten lässt. Aber die Zeit gibt keine Ruh und bringt alles zu einem Ende, was einst als helle Kindheit begonnen hat. Auch dieses Pärchen, das die letzten Jahre Quartier gegeben hat, geht ins Altersheim und verkauft das Anwesen.

Mit diesem unbarmherzigen Bild geht dieser schöne Echt-Roman zu Ende. Erst wenn alles verkauft ist, darfst du von dieser Welt gehen und sie als Erinnerung mitnehmen! 

H. W. Valerian: Good To Be Back. Bekenntnisse eines österreichischen Anglophilen. Band 3. Berlin: edition inkpen 2020. 332 Seiten. EUR 17,45. ISBN 978-3-753104-70-6.
H. W. Valerian (= Pseudonym), geb. 1950, lebt und arbeitet in Innsbruck.
Helmuth Schönauer  

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2246

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code

Vorheriger Text

2020 – Ein verlorenes Jahr?

Nächster Text

Rituale

Aktuelles aus Kategorie

Steile Tarife

Eines eint alle Alpenbewohner: Sie schauen am Morgen aus dem Fenster (auch

Geheimes Plauscherl

In Österreich ist der Geheimdienst so geheim aufgestellt, dass die Bevölkerung gar