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2020 – Ein verlorenes Jahr?

6 Minuten Lesedauer

War das jetzt ein verlorenes Jahr? Ein gewonnenes Jahr?  Ist die Fragestellung falsch oder wissen wir nicht mehr, wie uns geschah, wenn wir darauf keine klare Antwort finden?

Ein paar Sowohl-als-auch-Antwort-Vorschläge:

Was haben wir dieses Jahr verloren, was gewonnen? Zeit? Wir wissen jetzt, wir verbringen viel zu viel Zeit mit Unnötigem, aber wir haben auch bemerkt, gerade das macht das Leben eigentlich schön. Und wenn wir früher über Zeitnot jammerten, dann war´s eigentlich darüber, dass uns irgendwer anderer unsere Zeit einteilte. 2020 durften wir sie uns selbst einteilen. War aber auch nicht wirklich toll.

Was haben wir dieses Jahr verloren oder gewonnen? Gesundheitsbewusstsein? Gesundheit sei das Wichtigste im Leben, heißt es. Auch diesmal. Aber es ist halt doch nicht das einzige. Mit ein bisschen Krankheit kann man sich nötigenfalls abfinden, um einen Rest von Leben genießen zu können. Dumm nur: Zwischen Gesundheit und Krankheit und Tod verlaufen fließende Grenzen, die wir nicht beherrschen. Unsere Körperlichkeit zumindest haben wir jetzt klar erkannt.

Was weiter haben wir dieses Jahr verloren oder gewonnen? Familienzusammenhalt? Die Familie sei alles, was einem in Krisensituationen bleibt, sagt man. Wenn man mit seiner Familie nicht zusammenwohnte, hatte man diesmal aber ein Problem. Wenn man mit der Familie eng zusammenwohnte, ebenfalls.

Was sonst haben wir dieses Jahr verloren oder gewonnen? Einkommen? Neueste Erkenntnis: Einkommen kann tatsächlich solidarisch erwirtschaftet werden. Oder man kann sich zumindest gemeinsam verschulden. Nur sind leider nicht alle in gleichem Maße dabei. Und manchmal ginge es auch mit weniger Einkommen, das zumindest haben wir jetzt ausprobiert. Wenn ich weniger arbeite und weniger verdiene und weniger einkaufe, geht es sich bei den meisten hierzulande sogar in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit eine Zeitlang aus.  Und wo nicht, kann, wenn man nur will, schnell und solidarisch geholfen werden. (Nicht jedoch denen, bitte, die eh schon genug haben und bei jeder Gelegenheit auch noch beim Staat, das heißt bei allen, die weniger haben, abkassieren. Geiz und Sozialbetrug von Reichen und gutgehenden Firmen ist nicht geil!) Vielleicht wurde 2020 gerade ein neues Wirtschaftssystem aus der Taufe gehoben?

Was außerdem haben wir dieses Jahr verloren, was gewonnen? Neue Erlebnisse? Die Erfahrung von 2020 zeigt:  Erleben kann man allerhand, auch wenn es unorganisiert geschieht, denn Events sind nicht immer schon Erlebnisse, virtuelle Events erst recht nicht. Und wenn die Event-Industrie zeitweilig zusammenbricht, müssen wir uns wohl oder übel selbst unterhalten. Aber schön wär´s dennoch, wenn Theater, Kino, Ausstellungen und Konzerte wieder stattfänden, denn allein erlebt sich´s nicht so schön wie mit Gleichgesinnten. Und, auch wenn Kunst sich eine Zeitlang von Luft und Liebe zu ernähren imstande ist, Kultur ergibt sich nur, wenn mehr als einer daran beteiligt ist.

Was ging dieses Jahr verloren, was wurde gewonnen? Vertrauen in die Politik? Zumindest haben manche von uns kapiert, dass die Politik allein noch keinen Staat macht, sondern: der Staat sind tatsächlich wir! Ob wir uns die Lösung großer Probleme selbst zutrauen, ist die andere Frage.

Was haben wir dieses Jahr verloren, was gewonnen? Uns selbst? Selbstfindung, das Wort allein ist schon ein modernistischer Blödsinn. Entweder ich bin bei Sinnen und somit bei mir oder eben nicht. Wenn nicht, ist es höchste Zeit, sich auf die Suche zu machen, mit oder ohne Therapeuten, mit oder ohne Corona und Lockdown. Wer nichts im Leben sucht, kann auch nichts finden. Nicht einmal sich selbst.

Was wir sicher gewonnen haben: Ein klein wenig Gefühl dafür, was eine exponentielle Entwicklung und was Solidarität in der Praxis bedeutet: Ein Einzelner passt nicht auf, nimmt das Problem locker, und zehn Tage drauf explodieren die Fallzahlen und mit Zeitverzögerung auch die Todesfälle, dann bricht das Gesundheitssystem zusammen und dann die Wirtschaft und dann geben alle einander oder irgendwelchen Politikern die Schuld am Desaster und schlagen sich am Ende womöglich gegenseitig die Köpfe ein. Wenn wir das jetzt kapiert haben und nicht gleich wieder vergessen, dann haben wir für die nächsten anstehenden Probleme der Menschheit zumindest etwas dazugelernt. Und wenn wir es darüber hinaus auch noch geschafft hätten, unsere pure Existenz, unseren Wohlstand und den sozialen Frieden und auch unsere Gesundheit als nichts Selbstverständliches, sondern als außerordentlichen und, wenn wir nicht achtgeben, nur temporären Glücksfall anzusehen, dann wären wir sogar weise geworden. Aber so viel kann man nicht einmal von einem Jahr wie 2020 verlangen.

Also wahrscheinlich fällt die Jahresbilanz 2020 doch meistenteils ausgeglichen aus, so wie jedes Jahr. Und man wünscht sich, dass das kommende Jahr besser wird, obwohl´s eh in Anbetracht schlimmer Möglichkeiten leidlich gut ging. Wünschen wir uns also ein 2021, in dem wir wieder ein wenig, aber nicht zu viel, gewinnen und ein wenig, aber nicht zu viel, verlieren.

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin, tätig in der Flüchtlingsbetreuung und im Gemeinderat Sistrans. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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