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Kaschmir – Nährboden für Al-Qaida und IS!

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5 Minuten Lesedauer

Der Kaschmir-Konflikt wird von ACLED (Armed Conflict Location and Event Data Project) als einer von zehn Konflikten geführt, die man im Jahr 2021 im Auge behalten muss. In der medialen Rezeption – vor allem in Europa – wird der Konflikt von deutlich präsenteren Auseinandersetzungen in den Schatten gestellt. Der Kaschmir-Konflikt hat jedenfalls enorme Sprengkraft, immerhin treffen in der umstrittenen Region mit Pakistan und Indien zwei Atommächte aufeinander und mit China hat eine dritte Atommacht ihre Finger im Spiel. Vom Konflikt sind fast 18 Millionen Einwohner der Region betroffen, auf einer Fläche mehr als doppelt so groß wie Österreich. Befeuert durch terroristische Organisationen, haben die innenpolitischen Spannungen im indischen Teil zugenommen. Dort regiert Indien über eine muslimische Mehrheit. Knapp 70 Prozent der mehr als 12 Millionen Einwohner sind Muslime.

Mehr bewaffnete Konflikte!

Das Coronajahr 2020 hat auch den Kaschmir-Konflikt neu angeheizt. Das Jahr 2020 hat die meisten bewaffneten Zusammenstöße seit langem in die Konfliktregion gebracht. In den sieben Monaten von März bis September 2020 hat es 500 bewaffnete Zusammenstöße mit 130 Todesopfern an der umstrittenen Grenze zwischen Indien und Pakistan gegeben und 120 bewaffnete Zusammenstöße mit 215 Todesopfern innerhalb des indischen Teils Jammu & Kaschmir. Für das ganze Jahr 2020 zählt ACLED mehr als 26.000 Proteste, Kämpfe oder Ereignisse politischer Gewalt. Das sind mehr als 70 solcher Ereignisse pro Tag.

Kaschmir – Rückzugsort für Al-Qaida und IS!

Innere Spannungen und separatistische Bewegungen haben im indischen Teil Kaschmirs bereits in den 90er-Jahren zugenommen. Für transnationale terroristische Organisationen wie Al-Qaida oder IS war Kaschmir lange Zeit nur ein Randthema. Religiös motivierter Terrorismus wird im indischen Teil Kaschmirs aber zunehmend zum Problem. Vor allem junge Muslime werden radikaler und fundamentalistischer. Ein „Dschihad“ gegen das hinduistische Indien wird zum geläufigen Narrativ. Sprechen junge, radikale Muslime über den Kaschmir-Konflikt, ist nicht der Konflikt zwischen Indien und Pakistan gemeint, sondern der „Heilige Krieg“. Das Ziel der terroristischen Organisationen ist es nicht, das Volk von der indischen Regentschaft zu befreien, um dann von Pakistan regiert zu werden. Viele wollen ein islamisches Kalifat aufbauen, sie wollen, dass Kaschmir nach den Gesetzen der Scharia regiert wird.

Vom Gedankengut zur realen Gefahr!

Von den radikalen Botschaften mitgerissen werden vor allem männliche Jugendliche ab dem 13. Lebensjahr. Sie sehen Selbstmordattentäter als Märtyrer, die für den Islam gestorben sind. Das online verfügbare Propagandamaterial macht sie bereits in jungen Jahren zu Fundamentalisten. Bisher mangelt es den Ablegern von Al-Qaida und IS in Kaschmir vor allem an strategischer Organisation, an einer strukturierten Ausbildung, finanziellen Ressourcen und ausreichend Waffen. Deshalb und weil Al-Qaida, IS und Co. in anderen Ländern stark zurückgedrängt werden konnten, nimmt Indien die Bedrohung nicht ausreichend ernst. Gerade weil der IS stark an Territorien und Einfluss eingebüßt hat, könnte er sich auf Kaschmir konzentrieren, um sich zu erholen und neue Angriffe zu lancieren. Bisher wirken die terroristischen Organisationen vor allem durch die tiefe Verwurzelung eines gefährlichen Gedankenguts bei jungen Burschen und Mädchen in Kaschmir. Wenn der strukturelle Organisationsgrad von Al-Qaida, IS und anderen terroristischen Gruppen in der Region zunimmt, kann dieser Nährboden noch gefährlicher werden, als er jetzt schon ist!

Ist eine Lösung in Sicht?

Kaschmir war ein unabhängiger Fürstenstaat und dieser Drang zur Unabhängigkeit ist immer noch tief verankert in der Region. Indien hat Kaschmir einen semi-autonomen Status eingeräumt, diesen aber im Jahr 2019 gestrichen. Ohne weitreichende Autonomie für die Region, kann der Kaschmir-Konflikt keinesfalls gelöst werden. Pakistan müsste zur Lösung des Konflikts beitragen, radikale Gruppierungen nicht mehr zu unterstützen und sei es nur dadurch, dass sie durch das Land geschleust werden. Alle weiteren Schritte der Unterstützung für terroristische Organisationen würden den Konflikt jedenfalls nur anheizen und eine Lösung unmöglich machen. Solange sich Indien und Pakistan kaum bewegen und ihr Grenzmanagement nicht überdenken, wird der Kaschmir-Konflikt jedenfalls weiter schwelen. Es bleibt zu hoffen, dass Kaschmir nicht endgültig zum Rückzugsort für terroristische Organisationen wird, die dort zu alter Stärke zurückfinden wollen.

Informationsquellen:

ACLED https://acleddata.com/

Happymon, Jacob (2020): Toward a Kashmir Endgame? How India and Pakistan Could Negotiate a Lasting Solution, US Institute of Peace.

Pandya, Abhinav (2020): The Threat of Transnational Terrorist Groups in Kashmir, In: Perspectives on Terrorism , February 2020, Vol. 14, No. 1, pp. 13-25. Terrorism Research Initiative.

Politischer Mensch. Ausgeprägtes Bewusstsein für Umwelt, Ökologie und Gerechtigkeit. Hat Politikwissenschaften studiert. Arbeitet aktuell in der Politik. Auf Landesebene. Interessiert sich für Weltpolitik. Schreibt gerne Analysen.

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