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„Rasse“ u.ä.

3 Minuten Lesedauer

Großartige Zeiten. Jeden Tag dürfen wir etwas erleben, wovon wir uns nie gedacht hätten, daß die Welt so etwas auf Lager haben könnte, und zwar speziell für uns, in unserer Zeit. Und das noch auf allen Gebieten, von allen Seiten, aber eigentlich aus einer Quelle: aus den englischsprachigen Elite-Universitäten. Dort, in Oxford und Cambridge, in Harvard und Johns Hopkins und wie sie sonst noch heißen, also überall dort, wovon wir selbst in jugendlicher Selbstüberschätzung nicht einmal träumen konnten, je auch nur einen Fuß hinzusetzen, wird Unsinn in die Welt posaunt. Dabei hätten wir geglaubt, von dort kämen die ganz gescheiten Sachen. Aber vielleicht stimmt der Spruch doch, den vor Zeiten meine Mutter äußerte: Gescheit ist schon gut, aber zu gescheit ist auch wieder nichts.

In letzter Zeit hat der Unsinn nicht nur mit „Geschlecht“ oder „Klima“ zutun, sondern auch mit „Rasse“. Seien wir uns ehrlich: Wer hätte das gedacht? Hat man nach den Schauerlichkeiten, die die Generationen knapp vor uns im Namen dieses Begriffs getrieben hatten, nicht allgemein beschlossen, „Rasse“ nur noch, wenn überhaupt, mit größtmöglicher Zurückhaltung zu verwenden, aber eigentlich gar nicht mehr, also über den Umstand, daß die Leute, die den Erdball bevölkern, da und dort ein bißchen anders ausschauen, einfach einmal hinwegzusehen und so zu tun, als wären wir alle gleich.

Nun, dabei ist es nicht geblieben. Jetzt ist man auf den lichten Höhen der denkenden Welt dazu übergegangen, alles, was „die Weißen“ hervorgebracht haben, ebenso zu diffamieren wie „die Weißen“ selber. Und jeder, der auch nur irgendeinen „farbigen“ Urururgroßvater aus dem Talon zaubern kann, beschreibt und fühlt sich als „schwarz“ oder „farbig“, und alle anderen sind „indigen“ oder irgendwas, nur ja nicht weiß. Das wird offenbar vom Kolonialismus hergeleitet, mit dem „die Weißen“ das Böse in eine Welt gebracht haben sollen, in der es vorher zugegangen sei wie im Paradies. Und nachdem diese Auffassung von der Weltgeschichte nun schon weithin in den Geisteswissenschaften verankert ist, dürfen wir uns nun jeden Tag über eine neue Spezial-Einsicht aus einem Spezial-Gebiet freuen. So erreichten mich etwa heute (30.3.) gleich zwei: „Universität Oxford nennt Mozart und Beethoven kolonialistisch.“ Und zwar offenbar deswegen, weil sie zur Zeit der Kolonialismus komponiert haben. Und wo man sich in Oxford mit Unsinn profiliert, kann Berlin nicht zurückstehen. Ebenfalls heute meldet man aus Berlin: „‚Fotografie ist rassistisch!‘ Die Belichtungstechnologie wurde für weiße Haut entwickelt, meint die schwarze Berliner Uni-Dozentin Natasha A. Kelly …“

Man kann sich also beruhigt zurücklehnen.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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1 Comment

  1. Hallo Walter,

    etwas Journalismus würde deiner Kolumne echt gut tun. Abschreiben von Heute kann in der heutigen Zeit eigentlich jeder und jede.

    https://www.classicfm.com/music-news/oxford-university-decolonising-music-syllabus/

    wie man von „Wir wollen den Lehrplan erweitern, damit (und jetzt kommt das Entscheidende) nicht nur Beethoven und Mozart, sondern auch andere Musiktraditionen vorkommen.“ in ein „SIE WOLLEN BEETHOVEN STREICHEN WEIL ER WÄHREND DER SKLAVEREI GESCHRIEBEN HAT!!1!“ wird, ist mir und allen die lesen können, ein Rätsel. Aber was tut man nicht alles für den wichtigen clickbait, die eigene Bubble und die moralische Selbsterhöhung in Zeiten des Echauffismus.

    Wenn es nicht so traurig wäre…

    Schöne Ostern!

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