(c) Helmuth Schönauer

Drei salige Reisende

7 Minuten Lesedauer

Diese Form des dahin summsenden Geschichtenerzählens ist vorbei. Die Literatur wird sich wie viele Branchen nach der Seuche überlegen müssen, wie sie wieder in die Luft kommt, um in der Sprache der Aeronauten zu reden. 

Längst nämlich kann aus den dargebotenen Romanen oft nichts Nützliches mehr herausgelesen werden. Ja im Gegenteil, um den Roman halbwegs sinnhaft abzuwickeln, muss man als Leser der Gegenwartsliteratur meist noch eigene Erfahrungen hinein spendieren, damit das Erkenntnisdefizit nicht allzu groß wird.

Auch für das Lesen von Neuerscheinungen gilt diese Testfrage, mit der in diesem Jahr alle Felder des Lebens abgecheckt werden: „Was tatest du gerade, als die Seuche ausbrach?“

Ein Rezensent und Bibliothekar hat zu jeder Zeit während der Seuche naturgemäß gelesen. Den ersten Klacks hat es freilich gemacht, als die üblichen Bücher im Kopf nicht mehr richtig funktionieren wollten.

Aus Tiroler Sicht sind im Frühjahr 2020 drei Reiseromane erschienen, verfasst von „drei saligen Reisenden“, wie die Kritik bemerkt. Der Begriff „Salige“ geht auf die Mythologie der Dolomiten zurück, ist gerade im Feminismus äußerst positiv besetzt, und bedeutet so viel wie hilfreiche Wesen, die schüchtern im Hintergrund eines Matriarchats werkeln. Die drei Werke der Hintergrundautorinnen handeln vom Reisen nach alter Art, das mittlerweile wohl einem endgültigen Relaunch unterzogen werden muss. 

Erika Wimmer Mazohl verbindet in ihrem Roman „Löwin auf einem Bein“ (Laurin, Innsbruck 2020) das aufregend Historische der öffentlichen Gegenwart mit dem Bedächtigen, das als Biographie entsteht, wenn das Leben nur lange genug dauert. Im Mittelpunkt einer „Lebensausgrabung“ steht Ariane, sie stammt aus Bozen und ist internationale Archäologin, die sich mit Hotspots wie dem Syrischen Palmyra auseinandersetzt.
Dann verschwindet ihre Tochter und als abgeklärte Mutter denkt sie an ihre eigene Reise vor dreiundzwanzig Jahren, als sie eine entlegene Kultur im Himalaya erforschen wollte und mit einem Kind im Bauch heimgekommen ist. Jetzt wird sie wie in Trance auf ihren alten Reisepfaden in die Vergangenheit gezogen, getreu dem Motto: „Veränderung ist das Ziel jeder Reise.“
In der Wiederholung der Reise vor fast einem Vierteljahrhundert erlebt Ariane den wahren Sinn. Die Gegenden haben sich im Zuge der Globalisierung wie überall verändert, aber der romantische Kern ist der gleiche geblieben:  In den Ausgrabungen liegt die Struktur des Daseins. 

Die zweite bemerkenswerte Publikation des Tiroler Frühjahrs stammt und Carolina Schutti und spielt in „Patagonien“ (Laurin, Innsbruck 2020). Manche Gegenden dienen nicht nur Reiseführern zum Austoben, sie ziehen oft eine eigene Literaturform nach sich. So sprechen wir von Patagonien-Literatur, wenn das Ende der Welt eine Rolle spielen soll. Das Land an der Südspitze des amerikanischen Kontinents ist im angesprochenen Fall kein Rahmen für einen Reiseführer, sondern dient in der Erzählung, als ein Schachbrett für Figuren am Ende der Welt. Darin treten in äußerst reduzierter Form Alltagsgegenstände und Alltagspersonen auf in Grenzsituationen. Die Figuren sind aufgestellt wie bei einer Familienaufstellung für das Jenseits. Aber eine Reparatur kaputter Sachen und Verhältnisse kann nicht dadurch gelingen, dass man sie dem Unwetter am Ende der Vegetation aussetzt. Die Heldinnen werden enttäuscht. 

Die dritte Überraschung kommt von Eva Maria Gintsberg. In ihrer Erzählung „Die Reise“ (Scheffau: edition himmel 2020) stellt sie ein paar Protagonisten am Bahnsteig zusammen und lässt sie im Morgengrauen losfahren. Die Ich-Erzählerin, die das Reisen nicht gewöhnt ist, sticht aus der Menge der Wartenden hervor, vielleicht, weil sie ein besonderes Ziel hat. Sie will nämlich in die Vergangenheit ihres Vaters reisen, der während des Krieges eine Affäre gehabt hat. Bald einmal ist klar: „Der eigentliche Grund meiner Reise ist mir abhanden gekommen.“ Die „Reise“ ist eine subtile Auseinandersetzung mit den Schatten einer Familiengeschichte. Darin werden die Verwundungen abermals angeritzt, damit sie durch Erzählen neu verbunden werden können. Vielleicht ermöglicht erst dieses Aufsuchen versunkener Erwartungen eine Heilung. Die Erzählung nimmt letztlich viel Druck aus dem angestauten Zerwürfnissen der Heldinnen. Wie bei großen Reisen üblich, ist sie nie zu Ende. 

Bislang funktionierte diese Literatur nach dem Motto: Stipendium ausfassen, Reise antreten, Buch daraus machen, wieder um ein Stipendium ansuchen, und so weiter.
Der Leser finanziert nach diesem Modell einen Lebensstil der Autorinnen, hat aber nur bedingten Nutzen vom Buch, weil mittlerweile alle gereist sind und ein eigenes imaginäres Buch im Kopf haben.

Wieso soll ich ein Patagonien-Buch lesen, wenn der ganze Stadtteil letztes Jahr in Patagonien gewesen ist? Die Literatur nach der Seuche wird wieder Nutz- und Heilstoffe aufbieten müssen. So bezahlt man ja beim Arztbesuch dessen Dienstleistung, aber nicht seine Reisen. 

Wenn alle unterwegs sind und an allen Orten das gleiche erlebt werden kann, wird auch die Literatur sich etwas einfallen lassen müssen. Vielleicht schreibt man wieder stationär, vom Nachdenken, vom Spielen mit sich selbst, vom Aushalten der Zeit. Hoffentlich wird das Reisen generell redimensioniert, und damit sollte durchaus eine Schrumpfung der Literatur einhergehen. Momentan haben wir einfach zu viel Literatur am Markt. Und nicht jede ist so edel wie die von den drei saligen Reisenden. 

Achtung: Dieser Text ist Literatur und kann nicht be-postet werden.

Geschrieben am 21/11/20, STICHPUNKT 20|41

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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