(c) Helmuth Schönauer

Die Ziegen des Herrn Bundespräsidenten

2 Minuten Lesedauer

Dieser Tage läutete aufgeregt meine Nachbarin: Ich habe zwanzig Gedichte in einer fremden Sprache bekommen! 

Tatsächlich läutet sie immer, wenn es um etwas Politisches oder Literarisches geht, in diesem Fall traf beides zu.
Nach ein paar Streifzügen durch das Netz, wobei wir wie die Wilden die Google Übersetzungsmaschine einsetzten, kamen wir zu einer interessanten Geschichte, die wir uns prompt ins Deutsche übersetzen ließen. 

In der entlegenen Stadt Workuta, wo ich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das Besserungsarbeitslager besuchen durfte, ist im Hotel „Vorkuta“ meine Adresse hinterlegt, wonach man mir Forschungsergebnisse schicken kann, wenn sich etwas auf dem Sektor Bibliothek und Wissenschaft tun sollte. 

Tatsächlich hat im März ein angesehener Rentier-Züchter einen größeren Lottogewinn gemacht und einen Teil davon der Oberschamanin der Republik Kumi in Gestalt von Gedichten gespendet.
Die Gedichte sind Übertragungen aus der Sprache der Nenzen, die in einer weiteren Übertragung ins Deutsche wie ein magischer Text von Mayröcker wirken.
Die Oberschamanin war so lieb, mir die Textspende zukommen zu lassen, freilich an die Nachbarin adressiert, weil sie nach ihrem Glauben nur weibliche Formen für Adressangaben verwenden darf.

Meine Nachbarin und ich glaubten an einen einmaligen Vorgang in der Weltgeschichte, da sahen wir am Abend in getrennten Wohnungen und auf getrennten Bildschirmen, wie unser Herr Bundespräsident dem Papst zwanzig Ziegen schenkte, die dieser schon am nächsten Tag als Text nach Burundi schickte, wo eine Familie mit den verbalisierten Tieren beglückt werden konnte. 

Der Burundischen Familie erging es wie meiner Nachbarin und mir: Sie war überrascht und erfreut, konnte aber den tieferen Sinn der Geschichte nicht verstehen, weil sie weder vom Papst noch vom Bundespräsidenten eine Ahnung hat. Es soll sich um zwei große Tiere handeln, die einander kleinere Tiere geschenkt haben, sagte man ihnen.

STICHPUNKT 21|43, geschrieben am 08.06. 2021

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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