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Endlich einmal Leistung!

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Die Forderung kommt so regelmäßig wie der Regen nach dem Föhn: Die Lehrer, heißt es dann, sollen nach Leistung entlohnt werden. Endlich einmal Leistung! Oder zumindest soll die Leistungskomponente eine größere Rolle bei ihrer Besoldung spielen.

Klar. Es ist uns allen nur zu gut bewusst, dass es sich bei der Leistung erstens um eine Heilige Kuh unserer Gesellschaft handelt, dass sie zweitens in Bezug auf Lehrer und deren Besoldung schon oft, schon seit langem gefordert wurde und dass dem auch in Zukunft so sein wird; sowie drittens dass jeder Einwand flugs ad hominem gekontert wird: Klar, die Lehrer, wollen nichts leisten!

Mag ja sein. Trotzdem stellen sich zumindest zwei peinliche Fragen:

(1) Worin besteht eigentlich die Leistung eines Lehrers?

(2) Wie könnte sie gemessen werden?

Vorweg sei daran erinnert, dass es eine gewisse Art der Differenzierung schon immer gegeben hat. Fächer mit größerem Aufwand bei Vorbereitung und Korrektur zählen mehr als andere. Die Abgeltung erfolgte früher in Form von Abschlagsstunden oder – an Mittleren und Höheren Schulen – durch die Wertigkeit einer Schulstunde (sie wurde also mit einem kleinen Faktor mul­tipliziert). Wie das heute ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Da wurde nämlich fürchterlich herumreformiert.

Bloß – ist das wirklich gemeint mit der „Leistungskomponente“, mit leistungsorientierter Belohnung? Geht es da nicht vielmehr um das, was gemeinhin als Leistungsanreiz bezeichnet wird?

Und eben hier erhebt sich unsere erste Frage: Worin besteht denn nun eigentlich die Leistung eines Lehrers? Besteht sie darin, möglichst gute Noten zu geben? In der Freizeit an der „Schulentwicklung“ teilzunehmen? Möglichst viele Haus­übungen zu korrigieren? Oder womöglich gute Evaluierungen zu bekommen, sich also bei den Schülern einzuschmeicheln?

Laien mögen sich bloß keine Illusionen machen. In der Praxis wird die „Leistung“ ganz einfach definiert: Der Lehrer hat „engagiert“ zu sein. Und was heißt das? Er hat (a) gratis in seiner Freizeit in Projekten und ähnlichen Aktivitäten herumzuwursteln, zur höheren Ehre des Direktors − und er hat (b) mit naivem Enthusiasmus die jeweils neueste Linie der pädagogischen Doktrin umzusetzen. Leistungs­orientierte Bezahlung ent­puppt sich somit als Herrschaftsinstrument. Sie soll Lehrer willfährig machen.

Woraus sich bereits die Antwort auf die zweite Frage ergibt. Wer in den Genuss leistungsorientierter Bezahlung kommt, entscheidet der Direktor. Oder der Inspektor. Oder ein Erziehungswissenschaftler. Das ist an sich schon bedrohlich genug. Doch sind wir in Österreich. Ich bin Österreicher, die meisten Leser werden’s sein. Wir wissen schon, was folgt. Wie man in Wirk­lich­keit dann als „engagiert“ eingestuft wird. Es geht doch nichts über gute Freunde, oder? (Oh pardon! Netzwerke, müsste es heute wohl heißen.)

Aber – so wird man einwenden – was willst du dann? Überhaupt keine Leistungs­komponente? Das kann doch nicht sein! Denk an den privaten Sektor, wirtschaft­liche Prinzipien, Effizienz und so!

Nun, schamhaft errötend gestehe ich’s ein – ich will in der Tat keine Leistungskomponente bei der Bezahlung von Lehrern. Ich will überhaupt viel weniger „Leistung“, viel weniger „Effizienz“. Und ich will auch sagen, warum.

 Worin besteht denn nun wirklich die Leistung eines Lehrers? Doch wohl im Unterrichten. Und was ist das nun wieder? Wie funktioniert das? Wie macht man’s besser?

Es gibt keine eindeutigen Antworten, ebenso wenig wie auf die Frage, „Wen liebt man?“. So viele Menschen, so viele Antworten. Na ja, nicht ganz, vielleicht; aber Eindeutigkeit, Einstimmigkeit wird man bestenfalls in Aus­nahmefällen erzielen. Wenn wir zurückdenken – wer waren denn die Lehrer, die uns nachhaltig beeinflusst haben? Die uns etwas mitgegeben haben, das blieb? Waren das wirklich immer jene, die der jeweiligen offiziellen Päda­gogik-Linie entsprachen – aalglatt, zeitgeistig, effizient? Oder waren’s viel­leicht andere: bunte Vögel, schrullige Originale?

Wenn man die Schule unter das Diktat der „Leistung“ stellt, der Effi­zienz – droht dann nicht die Gefahr, dass eben solche Menschen in den Hinter­grund gedrängt werden, ja dass sie überhaupt keinen Platz mehr finden an unseren Schulen? Wenn neuerdings Aufnahmsprüfungen statt­finden an den so genannten Pädagogischen Hochschulen, dann weist das genau in diese Richtung. Direktoren und Inspektoren werden’s begrüßen. Aber wen bekomme ich denn mittels Selektion, wen fördere ich mittels „leistungs­orientiertem“ Anreiz? Will ich wirklich ein Schulwesen voll von beflissenen Leistungsfreaks?

Wie wär’s demgegenüber mit folgenden Vorschlägen:

  • Das Besoldungssystem soll so verfeinert werden, dass unterschied­licher Arbeitsaufwand möglichst zielsicher abgegolten wird.
  • Jegliche „leistungsorientierte“ Komponente wird aus der Lehrer­besol­dung verbannt, ein für allemal.
  • Die Pragmatisierung wird wieder eingeführt, zwecks geistiger Freiheit (Freiheit der Lehre), und zwar für alle Lehrer, welche gewisse, rein formale Mindestanforderungen erfüllen.
  • Wenn schon Aufnahmebedingungen, wie wär’s mit den Folgenden: Noten­durch­schnitt in der Oberstufe nicht besser als Zwei Komma Fünf; Ver­hal­tensnote nie besser als „Zufrieden­stellend“; und mindestens ein Diszipli­nar­verfahren im Laufe der Schulzeit.

 Letzteres ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, könnte uns aber doch zum Nachdenken anregen: Wer soll nun wirklich un­sere Kinder unterrichten, welche Art von Persönlichkeit?

H. W. Valerian (Pseudonym), geboren um 1950. Lebt und arbeitet in und um Innsbruck. Studium der Anglistik/Amerikanistik und Germanistik. 35 Jahre Einsatz an der Kreidefront. Freischaffender Schriftsteller und Journalist, unter anderem für die Gegenwart. Mehrere Bücher. Mehr Infos auf der persönlichen Website.

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