(c) Helmuth Schönauer

Der Morgenmoderator (3)

4 Minuten Lesedauer

Versuch einmal ein Frühstücksei zu kochen, und finde dazu einen Frühstückssender, der eine Ei-Länge lang die Gosche hält und Musik spielt.
Seit „Afta Grins“ in Rente ist, merkt er erst, wie sich der Schwachsinn durch eine Morgensendung in die Wohnung setzt und stundenlang nicht mehr weggeht.

Der Aufenthalt in der Psychiatrie hat seine Wurzeln oft in einem wütend gekochten Frühstücksei. Während du einen Sender suchst, der Musik spielt, zerspringt dir das Ei im Kocher.
Du gehst die Wände hoch, kriegst dich nur schwer ein und hast anschließend eine Harnverhaltung, so hast du dich aufgeregt.
Daraus folgt eine Blasenentzündung, wenn du nicht aufpasst, es kommt zu einer aufgegeilten Prostata, die sich plötzlich nicht mehr gendern lässt und in der Folge den Geist aufgibt. 

Du landest beim Urologen, der aber nichts machen kann, solange du nicht die Ursache der Wutentzündung bekämpfst.
Du wirst stationär auf der Psychiatrie aufgenommen, wo sie dir das Eierkochen ohne Frühstückssendung beibringen wollen.

Aber wie soll das gehen, „Afta Grins“ hat ja ein Leben lang selbst jene Morgensendungen moderiert, die ihn jetzt in Rente wahnsinnig machen. 

In den Richtlinien für Morgensendungen, die wohl auch nach der Pensionierung gelten, steht ausdrücklich, dass das Publikum sediert werden soll, damit dieses, eingekreist von Werbung, die anschließenden Weltnachrichten erträgt.

So soll man als flinker Momo (Morgenmoderator) jeden Tag ein besonderes Thema ausgeben und gleich nach dem Aufwachen mit einem Telefonspiel beginnen. 

Als Zuhörer sollst du aber auf jeden Fall die erste Nachricht wegschmeißen wie den Vorlauf beim Schnapsbrennen. Daher darfst du als Momo wichtige Nachrichten nie in den Vorlauf packen, da schlafen nämlich noch alle. 

Heute ist übrigens Welttag der Katze und im Telefonspiel dürfen alle anrufen, die im ersten Stock wohnen und schon einmal eine Katze überfahren haben. 

Gleich der erste Anrufer ist, wie beim Tiroler Publikum üblich, ein Fehlanrufer. Er sagt, dass er zwar im Parterre wohne, aber schon einmal ein Kind überfahren habe, und das sei mindestens so schrecklich, wie das überfahren einer Katze.
– Und wo wohnen Sie?
– In Mieming.
– Nein, in welchem Stockwerk?
– Im Parterre.
– Da kann ich sie nicht drannehmen, obwohl das Überfahren eines Kindes sicher schrecklich ist. 

Liebes Publikum, vergesst die Nachricht, die Anrufer aus dem Parterre kommen erst nächste Woche dran. 

Das Ei ist mittlerweile aufgesprungen und zerplatzt, der ehemalige Morgenmoderator ärgert sich, dass er sich von der Rhetorik seines Nachfolgers dermaßen hat ablenken lassen, dass das Frühstück versaut ist. 

Beim Ausdrehen des Radios kommt noch ein Südtiroler Sender zum Vorschein. Die spielen tatsächlich No-Milk-Today und machen ein Interview mit dem Milchhof Sterzing. 

Die meisten Nordtiroler liefern jetzt zu uns, weil wir besser zahlen und den attraktiveren Landeshauptmann haben, sagt der Milchexperte schon halb aus dem Off.

STICHPUNKT 21|84, geschrieben am 16.11. 2021

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code