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The Austrians

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Im Guardian stoße ich auf folgenden Satz: „For decades the Austrian variant of political economy – the small state, non-interventionist, trickle-down, free-trade, low-tax model based around the ideas of Friedrich von Hayek – was dominant.“ Zu deutsch: Jahrzehntelang war die österreichische Variante der politischen Ökonomie vorherrschend – das auf den Ideen Friedrich von Hayeks basierende Modell eines schlanken Staates, der Nichteinmischung, des Trickle-Down-Effekts, des Freihandels und der niedrigen Steuern.

Meine Landsleute mag es überraschen, dass sie – the Austrians – plötzlich im Zusammenhang mit politischer Ökonomie genannt werden. Kenner der britischen Debatte werden sich sofort erinnern. The Austrians, das waren ab der zweiten Hälfte der siebziger Jahre bis in die achtziger hinein eine Handvoll Berater von Margaret Thatcher – allen voran wohl Alan Walters und Alfred Sherman. Beide kamen von so genannten think tanks. Die wurden damals ganz allgemein immer wichtiger, erstmals erregten sie breite Aufmerksamkeit – for better or for worse.

Worum’s den Austrians ging, das hat unser Guardian-Redakteur bereits kurz und prägnant aufgezählt. Aber was hat das mit uns Österreichern zu tun? Hatten und haben wir nicht eine ganz andere Auffassung von politischer Ökonomie – geradezu entgegengesetzt?

Nun, die Bezeichnung bezieht sich auf die so genannte Österreichische Schule der Wirtschaftswissenschaft. Ihre Anfänge reichen zurück ins 19. Jahrhundert. Ein bekannter Vertreter war Ludwig von Mises (1881–1973), der berühmteste und einflussreichste hingegen Friedrich von Hayek (1899–1992). An sich ein Ökonom, beschäftigte er sich viel mit politischer Theorie. Sein bekanntestes Werk dürfte The Road to Serfdom sein, Der Weg in die Knechtschaft (1944). Seiner Vorstellung nach führt jede Form von staatlicher Intervention im freien Markt unweigerlich auf eben diesen Weg. Deshalb stellte er dem Buch auch die Widmung voran, „to the Socialists of all parties“. Das war natürlich eine Ohrfeige, nicht nur für Sozialdemokraten, sondern besonders für die one-nation Tories in Großbritannien oder für Christlichsoziale am Kontinent. Dass deren Kurs seit 1945 Frieden und Wohlstand in Europa brachte – und, nicht zu vergessen, Freiheit! –, das zählte offenbar nicht. Diese strenge Dogmatik zeichnete auch die erwähnten think tanks aus sowie ihre Protagonisten – und er inspirierte Margaret Thatcher.

Mises und Hayek bilden freilich die einzige fadendünne Verbindung zu uns Österreichern. Unser Land folgte nach 1945 einem ganz anderen wirtschaftspolitischen Kurs, nämlich dem einer sozialen Marktwirtschaft (oder, wenn man so will, einer marktwirtschaftlichen Sozialdemokratie). Auf jeden Fall sind wir gut damit gefahren – ein gutes Stück besser jedenfalls als die Briten. Selbst die Thatcher-Herrschaft war keine ungetrübte Erfolgsgeschichte – ganz im Gegenteil! (Außer natürlich für jene, die ohnehin schon reich waren.) Heute hat sich die Diskussion weitgehend erübrigt, ganz einfach deshalb, weil die konkrete Erfahrung den Neo-Liberalismus widerlegt hat. Selbstregulierung des Marktes? Nach 2008? Ha ha ha. Schlanker Staat? Nach Lockdown, Testen und Impfen? Lass’ dir was Besseres einfallen!

Bloß wird uns das nicht so schnell nützen. Intellektuell mögen the Austrians am Ende sein. Aber in der wirklichen Welt, in der Welt des Geldes und der Macht, da spielen sie weiterhin eine Rolle, ungeachtet aller Erfahrung. Sie vertreten eben eine Ideologie.

Larry Elliott, „During the pandemic, a new variant of capitalism has emerged”, The Guardian, 30 Jul 2021 [accessed 31 July 2021]. – Larry Elliott ist der Wirtschaftsredakteur des Guardian.

F. A. Hayek, The Road to Serfdom (Chicago: University of Chicago Press, 1994). First publ. 1944.

H. W. Valerian (Pseudonym), geboren um 1950. Lebte und arbeitete in und um Innsbruck. Studium der Anglistik/Amerikanistik und Germanistik. 35 Jahre Einsatz an der Kreidefront. War Freischaffender Schriftsteller und Journalist, unter anderem für die Gegenwart. Mehrere Bücher. Mehr Infos auf der persönlichen Website.

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