Dieser literarische Versuch soll zeigen:
a) was im Kopf von Rezensenten vorgehen kann, bevor sie sich zu einer Rezension entschließen
b) was mit KI vorgefertigte Klappentexte auslösen können
c) was eine Novelle ist
d) was man unbedingt lesen soll, nämlich die Novelle Lärm von C.W. Bauer
1. Der Scann
Beim halbjährlichen Scann der Verlagsprospekte auf der Suche nach für Tirol relevanten Neuerscheinungen tauchen ab und zu verschollene Namen auf, die sich noch einmal an die Öffentlichkeit wagen.
Wenn ein Verlag über Nacht seine Autoren, sein Publikum und sein Ethos als sorgfältiger Tiroler Verlag über den Haufen wirft, hat man als ehemaliger Verlagsbenützer wenigstens die Gewissheit, nichts mehr aus den anstehenden Programmen lesen zu müssen.
C. W. Bauer ist einer von jenen, die die Säuberungen des Haymon Verlags überlebt haben und jetzt ab und zu mit einem schmalen Bändchen in der hauseigenen Verlagsbuchhandlung ausgestellt werden.
Da man die Schreibweise des Autors kennt und das robuste Verlangen des Verlages, alles zu gendern und mit Triggerwarnungen zu hinterlegen erahnen kann, empfiehlt es sich, den offiziellen Klappentext mit den eigenen Erwartungen zu überschreiben.
2. Der echte Klappentext
Ein Baustellenlärm wird zum Störgeräusch im Leben eines Mannes – und wirft die Frage auf: Sind wir mehr als bloßer Zufall?
Seit mehr als zehn Jahren lebt Emil Murnau, 55, nun wieder in Innsbruck, obwohl er nie vorgehabt hatte, nach Tirol zurückzukehren. Mittlerweile arbeitet er als Buchhändler, hat Urlaub und weiß nicht recht, was mit sich selbst anfangen. Der Lärm einer Großbaustelle in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung zehrt an seinen Nerven, wirft zugleich Fragen auf. Als würden die Bagger nicht nur Erdreich ausheben, sondern ihre Schaufeln auch in ihn hineingraben und immer tiefer in seine Vergangenheit hinab. Murnau verfällt in Grübelei: Er denkt an seine Jahre in Wien, an sein Leben mit Martina, mit der ihn über die Liebe hinaus die Faszination für die Bilder des Malers Francis Bacon verband, der propagierte, der Mensch sei ein Zufall. Er denkt an die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche, die sein Leben begleiteten, leiteten und in die Irre führten oder ihn manchmal schlicht ratlos zurückließen. Was hat sich nicht alles ereignet in diesem halben Jahrhundert, was hat das aus ihm gemacht, was aus anderen?
Der Puls beschleunigt, die Wände eines Daseins vibrierend. Der ohrenbetäubende Lärm einer Baustelle wird zum Symbol und Katalysator für eine existenzielle Krise – eine meisterhafte Metapher für die Reibung zwischen Außenwelt und Innenleben. Innerhalb von knapp dreißig Stunden tastet sich Murnau durch ein Geflecht aus Erinnerungen und Selbsttäuschungen. Er plant einen Aufbruch – zurück nach Wien, zurück zu sich? Doch am Ende kommt alles anders und Murnau begeht einen folgenschweren Fehler …
3. Der gefühlte Klappentext
Seit seiner Geburt vor 55 Jahren lebt Emil Murnau in Innsbruck, und kommt nicht hinaus aus der Stadt. Von den ständigen Urlauberschichtwechseln genervt hat er es aufgegeben, in einer stillen Stunde das Land zu verlassen und irgendwo seinen Frieden zu finden.
Ihn verfolgt der Satz, den eine durchreisende Wahrsagerin ihm an einem Kreisverkehr zugeflüstert hat: „Du warst schon bei deiner Geburt fertig!“
Um den Geräuschpegel der allgemeinen Prosperität erträglich zu gestalten ist er Bibliothekar geworden, weil er dadurch stundenlang ins Magazin flüchten kann, wo wie im Innern eines U-Bootes Stille herrscht.
Der Lärm draußen entspricht einer Großbaustelle, die das ganze Land im Griff hat.
Emil Murnau fühlt sich an seltene Novellen über den Lärm erinnert, die er in der Stille seines Bibliotheksbunkers gelesen hat.
„Als würden die Bagger nicht nur Erdreich ausheben, sondern ihre Schaufeln auch in ihn hineingraben und immer tiefer in seine Vergangenheit hinab.“
Murnau verfällt in Grübelei: Er denkt an alles, was er gelesen hat.
Lärmgeplagt lässt er Gedanken durch den Kopf ziehen, die als politische und gesellschaftliche Umbrüche an die Hirnschale hämmern und dabei stets sein Leben begleiten, leiten und in die Irre führen.
Was hat sich nicht alles alles ereignet in diesem halben Jahrhundert, seit er nach der Weissagung schon fertig ist?
In dieser Novelle vergehen Vormittage wie Nachmittage im gemäßigten Schritt.
Beinahe ans Ende gekommen stellt der Held mit Entsetzen fest, dass der obligate „Falke der Novelle“ noch nicht eingeflogen ist.
Zwei Seiten sind noch Zeit. Wird etwas geschehen? Kann Murnau noch einen Fehler machen?
4. Das Falkenmotiv
Das Falkenmotiv in der Novelle, vor allem in Giovanni Boccaccios „Falkennovelle“ (Decamerone V/9), ist ein zentrales Dingsymbol, das den Hauptkonflikt und Wendepunkt der Handlung verkörpert und damit die Merkmale einer Novelle verdeutlicht.
Im Falle von C. W. Bauer wird wohl der Falke ein Bagger sein.
5. Das Buch
Christoph W. Bauer: Lärm. Novelle.
Innsbruck: Haymon 2026. 112 Seiten. EUR 20,90.
Erscheinungsdatum 19.02.2026
STICHPUNKT 26|04, geschrieben am 13.01. 2026