Geliebter Feind

4 Minuten Lesedauer

von Martin Kolozs


Wir erinnern und berufen uns gerne auf dieses zentrale Wort Jesu Christi, gerade wenn die Zeichen der Zeit wieder auf Sturm stehen, und fordern mit Recht und Pflicht etwa die unbedingte und völlig selbstzwecklose Solidarität mit den Schwächeren dieser Welt.
Darüber hinaus vergessen wir aber allzu häufig, was weiter in der Heiligen Schrift zu lesen steht: „Ihr habt gehört, das gesagt worden ist: Du sollst deinen nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen (…) Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? (…) Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes?“[1]
Diese so wichtige Ergänzung oder Ausweitung des Gebotes der Nächstenliebe sollte uns immer zu denken geben, vor allem dann, wenn unsere Interessen und Meinungen nicht nur auseinanderdriften, sondern mit großer Wucht und Gewalt aufeinandertreffen, und Aussage gegen Aussage, Mensch gegen Mensch steht.
Derzeit erleben wir solche und ähnliche Konflikte an den Grenzen unseres Landes, denn nach einer Episode der „Willkommenskultur“ und Öffnung werden nun allmählich die Gegenstimmen laut, die von der Angst ums eigene Leben in allen seinen Erscheinungsformen sprechen und Opposition einfordern.
Infolge stehen zwei oder mehrere Parteien im Streit miteinander, und keiner will mehr von seiner Position abrücken, sondern attackiert, denunziert und greift den anderen mit allen Mitteln an, auch unter Berufung auf die Nächstenliebe!
Diese wird allerdings nur zum eigenen Nutzen ausgelegt: Die einen sehen sie erfüllt, indem sie den Flüchtlingen helfen; die anderen, indem sie sich für ihre Familien und Nachbarn stark machen. Jeder auf seine Art, aber keiner gänzlich richtig!
Denn zur Nächstenliebe gehört auch die Feindesliebe!
Wir dürfen nicht nur mit denen in Komplizenschaft treten, von denen wir keine Ablehnung befürchten, sondern müssen uns redlich ebenso um jene bemühen, deren Standpunkte wir nicht nachvollziehen können. Nur auf diesem Weg kann echtes Verständnis entstehen, das eine notwendige Voraussetzung für Kompromisse und letztlich die Lösung eines jeden Problems ist.
Jesus sagt: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch Ihnen!“[2]
Das heißt zum einen, dass wir unseren Nächsten behandeln sollen, wie wir wollen, von ihm behandelt zu werden; aber das heißt zum anderen auch, dass wir unseren Feinden, von denen wir erwarten, dass sie ihre Waffen vor unseren Argumenten strecken, ebenfalls friedlich begegnen und aufmerksam zuhören müssen.
Ich persönlich denke dabei oft an ein Zitat, dessen Ursprung ich zwar nicht mehr kenne, welches mir aber schon bei einigen Konflikten geholfen hat, mich in Sachen „Nächsten- bzw. Feindesliebe“ zu üben: „Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdiene, weil ich es dann am meisten brauche.“
Martin Kolozs, Allerheiligen/-seelen 2015


 
[1] Neues Testament, Ökumenisch verantwortete Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Matthäus 5,43-47
[2] Ebd. Matthäus 7,12

Titelbild: Rike  / pixelio.de

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