Björk: Die einsame, leitende Stimme

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11 Minuten Lesedauer

Der Mensch neigt dazu zu vergessen und zu verdrängen. Das wusste bereits ein gewisser Herbert G.. Ich bin da keine Ausnahme. Lange hatte ich sie vergessen und lange lagen mir doch ihre Stimme, ihr ureigener Gesang und ihre eigenartige Artikulation in den Ohren. Ganz so, als ob ich sie doch nicht ganz vergessen könnte. Es war als wäre ich in eine Art von Dämmerzustand verfallen, ihre Stimme weit weg, kaum mehr hörbar, aber dennoch präsent. Als ob sie mir immer noch einflüstern wollte, was Kunst ist und was nicht, wie ich leben sollte. Dann die Zäsur: Ihre neue Platte, mit der alles wieder aufgerufen wird. Erinnerungen. Verdrängtes. Abgründe. Ich sitze mit Kopfhörern auf meinem Ohrensessel und kann meine Tränen kaum noch zurückhalten. Ihre Trauer schafft mich, nimmt mich mit. Ich muss mein Leben ändern.
Es muss wohl so gegen 1996 gewesen sein. Das Album „Post“ fiel mir in die Hände. Mir, der ich gerade bei einem Dosenbier stilecht in einem Megadeth T-Shirt Slayer gehört hatte. Mit Freunden, die ebenfalls ihr Bekenntnis zur einzig wahren Musiklehre mit ihrer Kleidung zum Ausdruck brachten. Wir freuten uns über die schönen, todessehnsüchtigen Texte und feierten die Metal-Klischees, die in den Texten auf mehr oder weniger geschickte Weise verhandelt wurden. Die Riffs waren schneidend, die Soli schräg, der Gesang keifend.
An anderen Tagen beschlossen wir, bei jedem „Kill“ und „Die“, das im Text bei einer anderen Metalband vorkam, einen Schluck Bier zu trinken. Wir hatten Spaß. Gehörten zusammen. Hatten unsere Gruppenbildung und Freundschaft durch die richtige Musik und die richtige Kleidung besiegelt und fundiert. Bei manchen mischten sich gar als Ausdruck dieser eingeschworenen Freundschaft die Böhsen Onkelz ein, die mich aber weder musikalisch noch textlich gefangen nahmen.
Dennoch waren sie ein Ausdruck dieser „Wertegemeinschaft“, der Tatsache, dass man gemeinsam eine Art von Musik hört, welche die eigenen Verhaltensweisen und sozialen Kontakte definierte. Mit genau dieser Art von Männerromantik spielte diese unrühmliche Band. Sie hatten etwas verstanden: Musik schweißt zusammen, spiegelt eine Einstellung wieder und bringt diese letzten Endes überhaupt erst hervor.
Musik beschränkt den eigenen Horizont und schwört auf eine bestimmte Haltung zum Leben, zur Welt und zu seinen Freunden ein. Musik schafft Orientierung und Struktur. Trifft man auf Musik, die diese Einschränkungen nicht akzeptiert, sondern die Erweiterung des eigenen Horizontes im Sinn hat, folgt der Ausschluss aus einer Hör- und Lebensanschauungsgemeinschaft.

Björk mit "Post": Was für eine Buntheit, was für ein enormer Möglichkeitsraum damals in meinem Leben Einzug hielt!
Björk mit „Post“: Was für eine Buntheit, was für ein enormer Möglichkeitsraum damals in meinem Leben Einzug hielt!

Björk und „Post“: Erweiterung der Kampfzone
Als mir „Post“ von der isländischen Musikerin Björk in die Hände kam fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich scheue mich nicht davor von einem Erweckungserlebnis für meinen Musikgeschmack und für meine ästhetische Weltanschauung zu sprechen. Ab diesem Zeitpunkt waren nicht mehr nur Gitarren Ausdruck der Seele und der Innenwelt eines Musikers, sondern jedes Geräusch und jedes Rauschen konnte ebenso gut dafür herhalten, das Innerste nach außen zu stülpen.
Björk selbst erwähnte einmal in einem Interview, sinngemäß, dass sie Gitarren nicht sonderlich mag. Bis heute halten sich die Gitarrenspuren auf ihren Platten in sehr engen Grenzen. Ich kann mich in ihrem ganzen Schaffen nur an eine einzige Slide-Gitarre erinnern. Ihre Fokussierung auf Geräusch, Klang und Stimme wirkte für mich wie eine Befreiung. Stimme musste nicht mehr von einer Gitarre begleitet werden, sie hatte sich aus dem Kokon und aus der Beschränkung von Akkorden und Riffs befreit. Sie kann frei schweben, sie kann sich in jeden Kontext zum Klang und zum Sound setzen, in den sie sich setzen möchte. Freiheit. Abenteuerlust.
Mit meinen Freunden konnte ich über diese enorme, neu gewonnene Freiheit nicht sprechen. Ich versteckte das Album „Post“, hörte es heimlich. Ich wusste, welche Sprengkraft diese Platte hatte und ich wusste, dass sie auf Unverständnis stoßen würde. Ich war nun nicht mehr Teil der eingeschworenen Musik- und Wertegemeinschaft. Konnte es nicht mehr sein. Wo mir früher die von uns gemeinsam gehörten Tracks wie eine Befreiung erschienen sind, schnürte es mir jetzt den Hals zu. Es war mehr als Langeweile, es war Überdruss, fast schon Ekel.
Die Musik von Björk hatte aber auch noch eine andere Wirkung: Sie hat mir nicht nur die Augen geöffnet, was musikalische Möglichkeiten und die musikalische Montage von zum Teil disparat wirkenden Elementen betraf, sondern sie hat auch meine Blick auf die Welt per se verändert. Ich konnte ab diesem Zeitpunkt die Welt nicht mehr auf die gleiche Weise interpretieren. Es gab dieses „Wir“, diese „Uns“ und diese „Die anderen“ nicht mehr.
Es gab nur mehr das frei flottierende Subjekt, das sich in schräge, merkwürdige Beziehungen zur Welt, zur Politik, zur Gesellschaft und zu ihrer Musik setzte. Alles war potentiell möglich und denkbar, die klare Organisation der eigenen Gedanken und der eigenen ästhetischen Haltung ist aufgelöst. Alles muss stets neu verhandelt werden.
Björk: Für mich immer noch eine Lichtgestalt in meinem Leben
Björk: Für mich immer noch eine Lichtgestalt in meinem Leben

Wo die Bands, die ich damals hörte, zum großen Teil auf Aggression setzten, kam jetzt eine Sanftheit ins Spiel, die nicht mit einer Weichheit zu verwechseln ist. Es ist vielmehr eine Bezugnahme, ein Sich-in-Bezug-setzen ohne vorgefertigte Meinung und Haltung. Der Bezug ergibt sich durchs genaue hinhören. Durch die eigene Offenheit. Durch die Vorurteilslosigkeit und durch die eigene Grenzenlosigkeit wird ein neues Verhalten ermöglicht, das nicht nach vorgefertigten Mustern agiert.
Alles ist im Wandeln, in Bewegung, in Bewegung geraten. Ich konnte mich nicht mehr in Bezug setzen zur eng gewordenen Welt, in der ich gelebt habe. Ich musste raus, in einer größere Stadt, vielleicht studieren. Hier konnte ich nicht mehr bleiben, die Welt dort ist mir verleidet worden. Sie schränkte mich ein, machte mich klein und letztlich auch kaputt.
Kürzlich bin ich ihr also wieder begegnet, der isländischen Musikerin mit dem Namen Björk, der mich immer noch irritiert. Er klingt hart, direkt, stark. Nichts von der Sanftheit und von der Offenheit ist darin zu spüren. Es macht mich ernsthaft traurig, dass sie auf ihrem grandiosen neuen Album „Vulnicura“ die Scheidung von ihrem Mann verarbeitet. Es macht mich betroffen. Aber warum eigentlich?
Vielleicht weil ich Björk immer schon als dieses einsame, bezugslose und radikale Subjekt wahrgenommen habe, das sich stets in Kontrast zu der Welt und deren Konventionen positioniert hat. Ihre Haltung ist im Grunde eine ästhetische, eine rein künstlerische. Alles ist Kunst. Dass sie an einer bürgerlichen Institution wie der Ehe scheitert signalisiert nur ihre Radikalität und ihre Kompromisslosigkeit. Als sie in dem Track „Family“ über den emotionalen Tod ihrer Familie singt kämpfe ich mit den Tränen.
Es ist aber nur folgerichtig, dass „Vulnicura“ ihre beste Platte seit langer Zeit ist. Weil sie sich wieder von Bezügen und Konventionen gelöst, sich wieder ganz auf ihre Kunst konzentriert hat. Sie ist wieder das einsame, an der Enge der Welt leidende Subjekt, die ihre Gefühlswelt nicht vollständig versteht. Björk hat zu viel Gefühl, zu viel Seele und zu viele Ideen für eine von Konventionen geprägte Welt.
Ich habe vor Björk nicht mehr aus meinem Leben verschwinden zu lassen. Ich brauche sie jetzt gerade wieder verstärkt. Ihre Stimme darf nicht mehr leiser werden. Ich möchte vielmehr, dass sie mich leitet. Sie hilft mir weiter, auch wenn sie mich oft einsam macht. Ich habe das Gefühl, mich demnächst wieder neu positionieren zu müssen. Es gibt keine bessere Person wie Björk, die mir dabei behilflich sein könnte. Schließlich hat sie mich damals schon vor etlichen Jahren aus der geistigen Provinz befreit. Dafür  bin ich ihr dankbar.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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