HAMLET, Tiroler Landestheaterl: Phillip Henry Brehl (Hamlet), Ian Fisher (Geist) (c) Birgit Gufler

Uneingeschränkte Empfehlung

HAMLET am Tiroler Landestheater in Innsbruck.

4 Minuten Lesedauer
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Die Kunst besteht zu gleichen Teilen aus gutem Handwerk, Relevanz, Schönheit und dem richtigen Moment.

Kunst liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Meine Augen waren letzte Woche weit aufgerissen; staunend; und ein wenig wässrig; gerührt.

Die Premiere von HAMLET am Tiroler Landestheater war ein Erlebnis; ein Abend; Theater, wie man es sich nur wünschen kann.

Samstagabend darf man auf der Couch verbringen. Kein Problem. Wer hart arbeitet, hat sich eine Pause verdient. Wenn ein guter Freund einen fragt, ob man gemeinsam zur Premiere von Hamlet gehen möchte, beginnt man zu überlegen.

So ein Abend voller Kunst und Kultur, das wäre schon was. Aber die Müdigkeit. Der innere Schweinehund. Der Banause, der Muffel, der Faulpelz. Kollektiv halten sie dagegen.

„Gönn dir einmal einen ruhigen Abend“. Couch; Badewanne; Glas Rotwein; Buch; Fertig. Hamlet ist Hamlet. Ewig lang. Hundertmal gesehen. Ein Klassiker. Eh. Weltliteratur. Eh. Aber alles so bekannt.

Zum Glück habe ich mich gegen den Ruf der Couch und für den Abend im Landestheater entschieden. Drei Stunden hat er gedauert. Gute zwei Stunden Nettospielzeit. Hamlet. Das Weltstück. So oft gespielt. So vorhersehbar. Vermeintlich.

Denn vorhersehbar war dieser Abend nicht. Meine Erwartungen. Niedrig. Meine Freudensprünge; nach der Aufführung. Hoch.

Eine moderne Inszenierung. Mit einem Geist des verstorbenen Königs, der ein moderner Songtexter sein könnte. Nein, ist. Ian Fisher. US-Amerikaner aus dem mittleren Westen. Wurzeln im Folk. Doch längst zur Hälfte Europäer. Musik, die kommentiert, beeinflusst, tiefgeht.

Eine moderne Inszenierung. Mit einer jungen, schwarzen Frau als Hamlets Freund Horatio. Geboren in Rotterdam. Aufgewachsen in Hamburg. Frau? Jung? Schwarz? Irritiert das? Nein! Es ist egal. Völlig egal. Die Performance überzeugt. Die Rolle. Die Figur. Mann? Frau? Egal! Letzter überlebender Mensch in dem Blutbad aus Rache, Wahn und Intrige! Hamlet eben.

Eine moderne Inszenierung. Mit einer selbstbewussten, selbstbestimmen, frechen, ironischen Ophelia. Ist das nicht? Ja. Es ist ein Bruch. Zu Shakespeares Zeiten waren Frauen nämlich nicht selbstbestimmt. Nein. Der Prozess dauerte Jahrhunderte. Und er dauert noch immer.

Eine moderne Inszenierung. Mit einem überzeugend spielenden Hamlet, der im Wahnsinn versinkt und dem Zuschauer viel Mitgefühl entlockt. Empathie aufzwingt.

Eine moderne Inszenierung. Mit einer schiefen Ebene als Bühne, die die Welt bedeutet; Schachbrett namens Leben; Und der Reihe nach alle in den Abgrund reißt.

Eine moderne Inszenierung mit viel Fingerspitzengefühl. Die Kraft des Klassikers wird genutzt und nicht beschnitten. Doch kluge Zwischentöne, Bilder und Perspektiven ermöglichen völlig neue Gedanken. Notwendige Gedanken. Und verleihen dem Stück eine noch nie erlebte Leichtigkeit.

Die Kunst besteht zu gleichen Teilen aus gutem Handwerk, Relevanz, Schönheit und dem richtigen Moment.

Der vergangene Samstag war für mich der richtige Moment. Und ich empfehle allen, uneingeschränkt, diesen auch zu erleben.

Hamlet. 2023. Landestheater Innsbruck.


Nächste Aufführung am 21.01.2023. Zum Spielplan.


Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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