Wie Paul Weihnachten verlor – Teil 3

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Sie liebte es zu backen, er liebte es im Laden zu stehen, den Kindern, Familien und auch seinen älteren Freunden, allerlei süße Naschereien zu verkaufen und mit den Leuten stundenlang zu plaudern. Ach, das waren noch Zeiten gewesen. Pünktlich am ersten Adventswochenende waren Paul und seine Kollegen vorbeigekommen und hatten dem alten Paar erst beim Dekorieren geholfen und sich dann wunderschön geordnet und fein säuberlich herausgeputzt ins Regal gestellt. Paul mochte seinen Platz, von dem aus er durch das große, festlich gestaltete Schaufenster blicken und genau auf die gegenüberliegende Schule sehen konnte.
Immer in den Pausen waren die Kleinen bis zum äußersten Zaun der Schule gelaufen und hatten mit leuchtenden Augen herübergesehen. Paul wusste wie sehr die Kinder den Laden und das alte Ehepaar liebten. Sie hatten ja nicht viel Taschengeld, da gingen sich meist nur ein paar kleine Schokoladenstückchen aus, aber immer – und zwar ohne Ausnahme – bekamen sie noch eine Kleinigkeit dazugeschenkt. Paul war regelmäßig aus dem Häuschen, wenn die Kinder kamen und dem Laden Leben und Freude einhauchten und er mochte die bewundernden Blicke, wenn die Kinder ihn und seine Weihnachtsmannfreunde betrachteten. Sie waren die ganz großen Helden, immerhin gab es für jedes Kind nur einen und das nur einmal im Advent – etwas ganz Besonderes eben.
Seither hatte sich vieles verändert. Die kleine Schule gibt es nicht mehr. Dort steht heute ein modernes Einkaufszentrum, mit unglaublich vielen Geschäften, zwanzig Liften und einer eigenen Tiefgarage. Auch der kleine Süßigkeiten-Laden steht nicht mehr. Als das ältere Ehepaar nicht mehr die Kraft hatte im Laden zu stehen und zu alt geworden war, wollten sie ihr Geschäft an ihre Kindern weitergeben, doch diese hatten andere Pläne und meinten, dass sich das Geschäft nicht mehr rentieren würde. Was sollte das denn heißen? Solange es noch Kinder in der Stadt gab, für die der Laden der magischste und tollste Ort auf der Welt war, lohnte es sich doch?
Nachdem das alte Ehepaar sein Geschäft also aufgeben musste, verkauften sie das kleine Häuschen und zogen an den Stadtrand – an einen See, mitten im Grünen. Der Mann, der das Haus und den Laden kaufte, war ein ziemlich reicher Mann, der schon mehrere Geschäfte besaß. Er war auch der Oberbürgermeister und saß im Bauausschuss der Stadt, wie Paul einmal eine alte Frau erzählen hörte. Sie schimpfte furchtbar, weil der Bürgermeister den Zebrastreifen direkt vor ihrem Haus wegmachen ließ – für die Aufrechterhaltung des flüssigen Verkehrs, wie er erklärte. Dabei wohnten in ihrer Siedlung doch mehrere alte Menschen, die nicht mehr so schnell über die Straße springen konnten. Aber das wolle der Bürgermeister wohl einfach nicht verstehen, schimpfte die alte Dame damals weiter.
Auf jeden Fall war das nette kleine Geschäft einem riesigen Supermarkt gewichen. Da gibt es keine Backstube mehr, keinen alten Mann, der die Kunden bedient. Im Prinzip ist es eine große, mit hellen Neonröhren beleuchtete Halle, mit unglaublich hohen Regalen, tausenden von Produkten, piepsenden Kassen und mäßig motivierten Mitarbeitern. Naja so war das eben. Paul hatte das einfach so akzeptiert, was sollte er denn auch groß daran ändern, er war ja nur ein kleiner Schokoladen-Weihnachtsmann. Dachte er.

 An jedem Advent-Sonntag erscheint ein weiteres Kapitel der Weihnachtsgeschichte "Wie Paul Weihnachten verlor". Gemeinsam Kerzen anzünden. Tee trinken. Kekse essen. Geschichte lesen. Wir wünschen euch einen schönen und besinnlichen Advent. Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2.
Hier geht es direkt zu Teil 4 der Geschichte.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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