Altstadt Geheimnisse

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Tekniska museet, Innsbruck. flickr.com

Schön ist es anzusehen, so schön, dass die Touristen in Heerscharen davor stehen bleiben, sich gegenseitig fotografieren, dann reingehen und wenig später mit Säcken voller Konditoreiwaren wieder herauskommen. Was haben die nur für Kuchen. In allen Formen, Farben und Geschmäckern. Ich schaue den Menschen gerne dabei zu. Tage zuhause können elendig lange sein. Gespräche, so kommt mir vor, beschleunigen die Zeit. In einem guten Gespräch mit einem Freund oder Bekannten verfliegt sie förmlich. Aus einem Frühstück wird schnell ein ganzer Vormittag, aus einem Feierabendglas ein ganzer Abend. Alleine zuhause, finden Gespräche höchst selten und wenn dann, nur im eigenen Kopf statt. Aber was hat man denn schon zu reden mit einem gegenüber, das einen in und auswendig kennt und stets der selben Meinung ist? Wo keine Gegensätze, da keine Diskussion. Wo kein Gegenpol, da kein Gespräch. Das ist auch der Grund wieso ich vor langer Zeit damit aufgehört habe Selbstgespräche zu führen und ich die Bank, die zum Esstisch in meiner Küche gehört, ganz nahe ans Fenster gestellt habe. Von dort aus sehe ich runter in die Gasse und direkt zum Eingang von dem schönen Café. Wenn ich da runterblicke und die Menschen sehe, ist das fast wie ein Gespräch zu führen. Ich stelle mir vor, woher die Leute kommen. Wieso sie hier sind. Was sie von unserer schönen Stadt denken? Was denkt ein Asiate, der aus einer modernen Millionenstadt kommt, über uns hier? Kommen ihm die Gassen gleich eng vor wie mir? Gefällt ihm was er sieht oder denkt er, wir seien rückständig mit all unseren alten Bauten auf der Kaiserzeit? In solchen Momenten rede ich nicht mit mir selbst, sondern mit dem freundlich dreinblickenden Asiaten unten vor der Gasse. Auch wenn ich drei Stockwerke über ihm sitze und das Fenster geschlossen ist, erzählt er mir seine Geschichte. Das lässt die Tage auch vergehen. Nicht ganz so schnell, wie in einem richtigen Gespräch, aber schneller, als allein zuhause.
Heute Früh war ein besonderer Morgen. Es ist Oktober. Die Tage werden kürzer und langsam richtig kalt. Doch ich liebe den Oktober. Das ist der Monat im dem die Studenten wiederkommen. Jedes Jahr, pünktlich wie die Eisenbahn. Heute Früh bin ich wieder vor dem Fenster gesessen und habe den Kaffee aus meiner roten Tasse getrunken. Das ist meine Lieblingstasse, im Herbst. Ich hatte das Fenster gekippt, da der Geruch vom Steinpilz-Risotto, das ich mir am Vorabend gekocht hatte, noch immer in der Küche stand. In der Gasse war es ruhig, menschenleer. Ich bin Frühaufsteher, müssen sie wissen. Um halb sechs sind nur wenige Menschen unterwegs. Die Nachtschwärmer liegen schon in ihren Betten und die Frühaufsteher stehen unter der Dusche. Ich bin damit schon fertig. Bin frisch rasiert, gewaschen und gekämmt. Ich bekomme selten Besuch. Aber wenn, dann bin ich vorbereitet. Wer sich morgens nicht mehr zurecht macht, der hat sich aufgegeben. Und ich habe mich nicht aufgegeben. Wie da so sitze, die frische Morgenluft durch den Fensterspalt hereinzieht und mir der Kaffeeduft in die Nase steigt, höre ich draußen plötzlich Stimmen. Ungewöhnlich junge Stimmen. Keine Kinderstimmen, aber auch nicht viel älter. Sie klingen weiblich. Höchstens Anfang zwanzig. Ich presse meine Nase gegen die kalte Scheibe, die sofort beschlägt. Ich weiche zurück und wische mit dem Ärmel meines grünen Pullovers die Feuchtigkeit weg. Ich bin neugierig und will wissen zu wem die Stimmen gehören. Die Stimmen werden lauter. Sie müssen direkt unter meinem Fenster sein. Aber ich kann sie nicht sehen. Sie flüstern. Ich kann sie nicht mehr richtig verstehen. Hallo. Hallo. Haucht es direkt unter meinem Fenster. Ein Kichern. Ich höre dich. Die beiden sprechen jetzt ganz leise, hauchen ihre Worte. Ich muss mich anstrengen um zu verstehen. Lass uns ein Geheimnis teilen. Ok. Du zuerst. Stefan steht auf dich. Hör auf Witze zu machen. Doch. Er hat es Michael erzählt. Er mag deine positive Art. Du spinnst doch. Lass uns nach Hause gehen, es war ein langer Abend. Du bist mir aber noch ein Geheimnis schuldig. Ich habe mit Michael geschlafen. Laura, du Luder. Die beiden lachen.
Plötzlich wird es hektisch. Aus irgendeiner Richtung sind Schritte zu hören. Schnelle Schritte. Als würde jemand laufen. Kaum zwei Sekunden vergehen. Die Schritte kommen näher. Das Mädchen das mit Laura am Flüsterbogen steht, stößt einen kurzen, hohen Schrei aus, der jäh erstickt. Es klingt so, als hätte ihr jemand mit der Hand den Mund zugehalten. Auch von Laura ist nichts mehr zu hören. Nur noch dumpfe Geräusche und Gurgeln. Ich presse meine Nase wieder gegen die Scheibe, wieder beschlägt sie. Meine Nase schmerzt, so fest presse ich sie dagegen, doch nichts zu erkennen. Was ist das unten los? Die Geräusche werden immer dumpfer, bis sie ganz verschwinden. Ich überlege, ob ich mir die Schuhe anziehen und die Jacke überwerfen soll. Braucht jemand Hilfe? Bin ich der einzige, der die Geschehnisse mitbekommen hat? Und das auch nur halb. Immerhin habe ich nichts gesehen. Ohren täuschen, Geräusche können lügen. Soll ich Hilfe holen, aber wen? Die Polizei würde dann mir Fragen stellen, wissen wollen, was ich gesehen habe und wieso ich nicht sofort hinunter gelaufen bin oder wieso ich nicht zumindest gerufen habe. Ich müsste zugeben, dass ich zu feig war und unsicher. Dass ich gezweifelt habe, an dem was ich gehört und interpretiert habe. Wie ein Gefangener, wie ein Tiger im Käfig renne ich durch die Küche, auf und ab, unentschlossen. Ich stürmer wieder zum Fenster, vielleicht sehe ich ja etwas, das mein Gewissen beruhig. Etwas das mich beruhigt. Tatsächlich. Zum ersten Mal kann ich etwas erkennen. Am Ende der Straße eine Person. Mit dem Rücken zu mir gewandt. Sie geht schnell. Dunkle Jacke, dunkle Hose, dunkle Haare. Das war doch bestimmt Stefan. Oder Michael. Sicher nur ein harmloser Spaß.
Gerade habe ich die Nachrichten eingeschalten. Bundesland heute. In der Früh sind in der Altstadt zwei junge Frauen überfallen, in einen Hinterhof gezerrt und vergewaltigt worden. Beide sind schwer verletzt. Der einzige Zeuge, ein alter Mann, der in der Gasse wohnt. Direkt gegenüber vom Café. Er hat einen der Täter gesehen. Ein Migrationshintergrund kann nicht ausgeschlossen werden.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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