„alle[s]gut“ – „Nix für die Masse, aber ziemlich cool“

6 Minuten Lesedauer

Sarah Milena Rendel schreibt eigene Stücke und inszeniert diese dann auch selbst. In „alle[s]gut“ sehen wir Theater im Theater, welches aufbricht ins Publikum. Unser Autor findet, dass es da großes Potential und große Weiterentwicklung gibt, die verwirrt, „ziemlich cool“ ist und einen nachdenken lässt…

Wir wissen, dass wir nichts wissen.

Ein weiser Mann sagte mir einst, dass eine Erkenntnis nicht das Ende eines Prozesses ist, sondern der Beginn von unzähligen neuen Fragen. Und ähnlich ist das auch im Stück „alle[s]gut“ von Sarah Milena Rendel. Sie selbst ist 24-jährige Studentin und schreibt und inszeniert seit einigen Jahren ihre eigenen Stücke. Wer sowas nur mal im Ansatz selbst versucht hat, weiß, mit welchen Ups und Downs, emotionaler und finanzieller Art, man da konfrontiert werden kann. Und genau das bringt Sarah dieser Tage in der „Bäckerei“ auf die Bühne: Ein scheinbar leidvoller Weg, den nicht zu gehen, keine Alternative ist. Oder wie es im Stück heißt: „Kunst ist Gift. Aber keine Kunst ist mehr Gift.“

alle[s]gut

img_1045Der Inhalt ist schnell erzählt: Wir begleiten einen Prozess. Ein Künstlerpaar – bestehend aus Regisseurin und Autorin – arbeiten gemeinsam. Für die erste Hauptrolle eines zwei-Personen-Stücks findet die Regisseurin die Therapeutin ihrer Partnerin. Für die zweite Hauptrolle wird der Rollstuhl-fahrenden Cle besetzt, der in alle drei Frauen verliebt ist. Die vier bringen ein Theaterstück auf die Bühne. Das Beziehungs-Wirr-Warr aller vier führt des Öfteren zu Humor, Verzweiflung, Trauer und am Ende auch Tod. Verschiedenste Konflikte rund um Positionen, Erwartungen, Arbeitsweisen, Geld, Inhalt und Zwischenmenschliches erheitern, ernüchtern, ermüden und erbauen Publikum und Rollen wohl gleichermaßen. Ein Prozess, wie er von Dorf-Kirchenchören bis Jugend-Schulbands, Theatergruppen und Blasmusikkapellen allerorts so oder so ähnlich gekannt wird. Am Ende hat man viel gelernt und freut sich, wie es im Stück heißt: „wenn sogar nicht nur Familie im Publikum war“. War die Vorstellung aber mal eher scheiße, tröstet man sich in seltener Gruppeneinigkeit mit „Heute war echt schlechtes Publikum.“

Wie geht’s weiter?

img_1076Sarah Milena Rendel schreibt, lernt und hat auch einen Plan. Sie weiß, dass dieser Plan sich im Prozess ändert, aber aufhören steht so gar nicht am Programm. Ich habe ihr erstes Theaterstück, „alle[s]verloren“, online gesehen und empfinde „alle[s]gut“ als riesige Weiterentwicklung. „Ich wollte dem negativen, ersten Titel („alle[s]verloren“; Anm.) jetzt was Positives entgegensetzten („alle[s]gut“; Anm.). (…) Die Sache mit „alles“ und dem „s“ in Klammer spiegelt irgendwie so ein solidarisches Weltbild wieder. In „alles“ sind wir als Menschen mit „alle“ drin.“, sagt sie im Kurzgespräch. Als nächstes ist „alle[s]gesagt“ geplant. Waren im ersten Stück zwei Personen, sind es diesmal dieselben zwei plus zwei und im dritten Teil werden es wahrscheinlich die vorherigen vier plus weitere zwei. Inhaltlich sind es allerdings immer neue Geschichten und Rollen. Nur das Team versteht sie als Teil ihres Prozesses: „Als das erste Stück vorbei war, war ich zwar mega erleichtert, aber dann gleichzeitig so traurig, dass ich für diese Menschen gleich was Neues schreiben wollte. (…) Im Mai steht nun erstmal ein queeres Monologstück an, aber dann im Herbst/Winter das neue „alle[s]-Stück“.“

Fazit

Ich empfinde „alle[s]gut“ als außerordentliche Leistung. Thematisch und stilistisch wird so viel angesprochen und getan, dass es schwer ist zusammenzufassen und man glauben könnte, es ist zu viel für ein Stück. Die Themen Beziehung, Tod, Sexualität, Arbeitswelt, Rollenbilder, Sinn des Theaters und Sinn des Lebens werden über klassisches Bühnentheater, Film als Vergangenheit, Film als Ersatz, Film als parallele Ebene, Sprache im Dunkeln, Theater im Theater, Stück im Stück und Aufbrechen der vierten Wand dargestellt.“ Ein Stück, das in mir nachwirkt“, um eine klassische Floskel eines Theaterbesuchers zu verwenden. Meine nicht besonders Theater-affine Begleitung meinte: „Sicher nix für die Masse, aber ziemlich cool!“. Und das ist ein ordentliches Kompliment, oder? Dass es unterhält und funktioniert liegt meiner Einschätzung nach an der außerordentlichen schauspielerischen und sprachlichen Leistung von Josef Wieser. Ist der Text oft sperrig und pseudo-intellektuell, bricht Josef in seiner Rolle als „Cle“ dieses ganze Gefasel und sagt wie der Hase läuft, in der selben Sprache, aber richtig gedacht. Spannend finde ich, dass Sarah in ihrem Stück die Rollen Regie und Text trennt, selbst aber beides vereint. Sie sind zwar in einer Beziehung und es sind zwei Frauen, aber „es ist kompliziert“ und eine der Beiden stirbt ja vielleicht. Ist das jetzt Theater oder Realität? Ich bin verwirrt…
Sie möchten „alle[s]gut“ unbedingt live sehen? Dann kommen Sie morgen (!) am 08.10. um 20.30 Uhr in die Bäckerei in Innsbruck. Eine weitere Aufführung gibt es am 19.11. bei der Europäischen Theaternacht.

Weitere Impressionen:

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