Volkmusik in Tirol: Darum ist diese Musik brandgefährlich

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In Tirol ist die sogenannte Volksmusik omnipräsent. Kaum ein Feuerwehrfest, das ohne sie auskommt. Kaum ein traditionsreicher Ball im heiligen Land, an dem man mit dieser Musikrichtung nicht zwangsbeglückt wird. Doch das ist erst der Anfang. Viele Jugendliche und an sich vernünftige Menschen praktizieren diese Musik ganz selbstverständlich und nehme sie als etwas Natürliches und organisch Gewachsenes an. Gerade diese vermeintliche Natürlichkeit ist brandgefährlich. Gerade die Behauptung, dass diese Musik das „Volk“ im Sinn hätte ist bedenklich.

Dieses angesprochene Volk existiert nicht. Dahinter stehen vielmehr zahlreiche Erzählungen und Diskurse, die dieses „Volk“ konstruieren und homogenisieren wollen. Ganz so, als würde jeder geradezu auf die christlich-katholischen Feiertage warten, an diesen morgens oder abends brav in die Kirche gehen und dazu echte Volksmusik aus dem Volk für das Volk hören. Diese Volksmusik ist die Beschallung für eine Welt, die es in dieser Form nicht mehr gibt, nie gegeben hat.

Selbstverständlich kann man sich darüber freuen, dass die „echte“ Volksmusik in Tirol an so vielen Orten wie selbstverständlich praktiziert wird. Klarerweise geht damit auch ein Sinnangebot an viele junge Menschen einher. Bevor sie saufen und Drogen nehmen ist es allemal klüger, dass sie sich in die gute alte Tradition der Volksmusik einreihen. Dabei geht es nicht nur um Sinn, sondern auch um Identität und Zugehörigkeitsgefühl.

Als junger Mensch macht man sich, verständlicherweise, kaum Gedanken über die ideologischen Implikationen dieser Musikpraxis. Stattdessen überwiegt das unausgesprochene und kaum diskursiv fassbare Gefühl der Natürlichkeit. Wir leben in Tirol, unsere Berge sind schroff und zackig. Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass nur wir Tiroler einen echten Marsch so schroff und zackig spielen können. Volksmusik in Tirol klingt so, wie sie nur in Tirol klingen kann. Das liegt am Nährboden, auf den sie hier gefallen ist. Diese kleinen Differenzen gilt es zu erhalten. Sie sind Teil unserer Tiroler Identität.

An dieser Stelle wird aber nur allzu oft Kultur zur Natur erklärt. Junge Menschen spielen Volksmusik, weil es der Papa und der Großvater schon getan haben. Weil wir Tiroler sind. Weil das bei uns einfach so dazugehört. Wir reihen uns ein in einen Überlieferungsstrang und tragen mit der Praxis unseres Musik-Machens dazu bei, dass dieser Überlieferungsstrang nicht abreißt und im allerbesten Fall gar nicht als solcher erkannt wird. Wir machen uns kaum Gedanken über die Bedingungen und Interessen, die hinter dem Erhalt und der Steuerung dieses Stranges stehen. Dass Volksmusik womöglich gar nicht mehr aus dem beschriebenen „Volk“ kommt, sondern von Pädagogen sowohl in Form als auch in Ausrichtung erhalten und forciert wird, kommt uns kaum in den Sinn.

Volksmusik ist nicht an sich gefährlich. Aber die Behauptung, dass sie natürlich wäre und sie sich ohne Reflexion spielen ließe ist es. Wer junge Menschen nicht zur kritischen Auseinandersetzung erzieht und anhält, läuft Gefahr, dass der unrühmliche Ballast der Vergangenheit einfach unhinterfragt mitgeschleppt und perpetuiert wird.

Ich plädiere für eine Kultur der Aneignung. Für eine Kultur der Nicht-Natürlichkeit. Für eine Kultur, in der nichts selbstverständlich ist. Volksmusik kann für Musiker eine Option sein. Zumal, wenn diese in Tirol leben. Eine Geringschätzung ebendieser Musik ist der falsche Weg. Aber diese Musik muss als frei flottierendes Material nur eine Option von vielen sein. Die Auseinandersetzung mit der eigenen kulturellen Identität und deren musikalischen Implikationen muss notwendigerweise kritisch und fast zwingend schmerzhaft sein. Unter Umständen muss manches Material so lange verfremdet und mit anderen Einflüssen angereichert werden, bis ihm der letzte Rest an Nationalismus und geheuchelter Natürlichkeit ausgetrieben wurde.

Damit verliert Volksmusik ihren exklusiven, ausschließlichen und ausschließenden Stellenwert in Tirol. Damit erst wird sie zu Musik, die sich wieder spielen lässt.

Titelbild: (c) Schuhplattler Kids
Hinweis der Redaktion: Das ursprüngliche Bild wurde auf Wunsch der Dargestellten entfernt

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

5 Comments

  1. Mit vielem d’accord, allerdings fehlt mir ein wenig die Differenzierung zwischen „echter“ Volksmusik und dem, was auf vielen Festen und in Zelten an Abscheulichem geboten wird.
    Dass das Aufwachsen in und mit einer traditionellen Musikkapelle eine gute Basis für spätere eigenständige Musikpraxis sein kann, haben genug Tiroler (und wenige -innen) bewiesen.
    Wer sich anhören will, wie Aneignung und Nicht-Natürlichkeit bei großer Musikalität klingen kann, dem seien Ramsch & Rosen und Alma empfohlen.

  2. Hallo!
    Ich finde Ihren Artikel sehr gelungen. Leider setzen sich junge Menschen mit der Volksmusik zu wenig auseinander und hinterfragen nicht den Sinn. Ich selbst bin bei dieser Musikgattung sehr wählerisch geworden, weil ich als Mensch der 80er-Jahre mit dem Musikantenstadl aufgewachsen bin. Die Texte sind manches Mal richtig zum Kotzen. Einzig und alleine die Kastelruther Spatzen haben es gewagt, das Leben so darzustellen wie es wirklich ist, eben mit Höhen und Tiefen, mit Freud und Leid. Man muss zwischen der kommerziellen Volksmusik und der traditionellen Volksmusik strikt trennen. Jedes, unserer Bundesländer hat seine typische Volksmusikrichtung. Bei uns hier in Wien sind es die Heurigen- und Wienerlieder als auch die berühmten Wien Walzer der Strauss-Dynastie. Schönen Abend! Alexander Tuma

  3. Also mir stellts bei Ihrem Artikel die Haare auf, aber Schreiberlinge müssen wohl provozieren, Gratulation, das ist gelungen!
    Ich meine:
    Natürlich kann ich Ihre Gedanken ein wenig nachvollziehen, aber es steht niemandem zu, „Jugendliche“ zu erziehen etc. Die wissen schon selber, was ihnen gefällt und das finde ich auch nicht unbedingt anzutasten, zumindest mit solchen Zuordnungen von goodmusic badmusic etc..
    Davon abgesehen, dass manche Dinge aus Ihrem Artikel selbst in Tirol mit Augenzwinkern verstanden werden (so ernst nimmt sich nichtmal ein Tiroler :-), ist ein Zugehörigkeitsbedürfnis zu Gruppen ein völlig normales, das muss man auch mal sagen, und das macht Menschen deswegen nicht intolerant.
    „Volksmusik ist nicht an sich gefährlich. Aber die Behauptung, dass sie natürlich wäre und sie sich ohne Reflexion spielen ließe ist es. “ ist meiner Meinung nach völliger Blödsinn. Wer sagt im Übrigen dass eine Musik „natürlich“ sei? Das hab‘ i noch nie gehört! Oder reden wir hier von „Text“?
    Wie man etwas spielt, ist jedem selber überlassen, und auch ein Europäer darf „Strange Fruit“ singen, wenn er möchte. Ausnahme vielleicht gesetzlich verbotene Hymnen. Die Kunst ist frei und das soll sie auch bleiben! Wenn nicht, simma alle erst recht fesch rechts!
    Und wer die Freiheit beschneidet, ist selber nicht besser als das, was er kritisiert! Musikgeschmacksfreiheit ist nunmal auch eine Freiheit, genauso wie Meinungsfreiheit, und in einer Demokratie sind Meinungen erlaubt, auch dumme, wenngleich man diskutieren kann und sich austauschen! Niemand wird bez. Volksmusik mehr zwangsbeglückt als andere Musikstile im Alltag eingesetzt. Wer hingeht, selber verantwortlich wenn er es nicht hören kann, so bleibt die Eigenverantwortung? Immer die andern müssen sich ändern?
    Davon abgesehen würde es jedem Ethnomusikologen ebenfalls die Haare aufstellen wenn gerade gegen die eigene Ethnomusik gewettert würde und alles und jedes den Stempel des Nationalen kriegt. Was soll dieses panische: ständig links vs. rechts Konotierten? Das ist widerlich und hetzt Menschen erst recht gegeneinander auf! Haben wir nichts besseres zu tun?
    Eine Kultur gehört niemandem sagt schon Prof. Kubik, und es braucht wirklich nicht jeder alles mögen, aber wer erlaubt Ihnen, den Musikgeschmack anderer zu kritisieren? Ersteres bedeutet nur, dass sich (Musik-)orlieben verändern, beeinflussen dürfen oder auch nicht und entwickeln. Entwickeln tut sich jeder einzelne allerdings individuell und nicht nach Möchte-Gern Vorgaben.
    Das Individuum ist unantastbar! Meinungen kann man ja haben aber Allgemeingültige Behauptungen daraus zu ziehen, dazugehört mehr als eine Meinung zu haben. Sie selber werfen anderen Unreflektiertheit vor? Vor allem der Jugend? Das ist ja Ironie!…naja…
    Wienerlied ist im Übrigen KEINE VOLKSmusik, sondern Kunstmusik!
    Genauso wie ich feststelle, wie immer öfter Extremlinke in Wien quasi jeden Trachtträger und Polkahörer als Nazi abstempeln, genauso muss ich festellen, wie ähnlich sich die extremen Enden der Politik sind in ihren Methoden. Beide Seiten generalisieren und heimsen Symbole ein für ihre Seite. Das Wort „Heimat“ z. B.. oder „Volks“? Am ende sogar „Musik“?
    Nur unter bestimmten eindeutigen UMSTÄNDEN hat etwas eine Symbolbedeutung, meine ich, darauf verwette ich meine schwarze Katze, die gestern durch die stehende Leiter von links gelaufen ist!
    Eine Kornblume, meine ich, hat eine symbolische Bedeutung dann, wenn der Träger z. B. bei einer Burschenschaft ist. Dann kann er nicht mehr sagen: es ist nur eine Blume. Es ist widersprüchlich, doppeldeutig. Doublebind. „Es ist nur eine Blume“ ist nur dann glaubwürdig, wenn jemand nicht an anderer Stelle das Gegenteil beweist, wo so eine Blume als Symbol verwendet wird, und ähnlich ist es bei der Musik!
    Es wäre selbstverständlich wünschenswert, wenn die Menschen ein wenig mehr reflektieren und daran denken, wohin Einstellungen führen können, und man kann das auch laut einfordern, aber zwingen kann man niemanden und Allgemeinbehauptungen weil man seltsame Schlüsse zieht, Meinungen als Tatsachen hinstellen, DAS halte ICH für brandgefährlich, seins ma ned bös! Meinen Sie, was Sie meinen, gerne, aber tischen Sie es mir nicht als Fakten auf bitte!
    Volksmusik ist meiner Meinung nach genauso wenig mitgeschleppter Ballast, wie die Meinung, weil einer in Tirol geboren ist, sei er Experte auf dem Gebiet der Volksmusik!
    Hinterfragen – ja, aber Generalisierend abwerten, nein danke, „höre“ Frankl. Reflektieren – gut, fangen SIE damit an, wenn’s recht sein sollte!
    mfg Carmen

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