Die gute Maus ist vorne digital und hinten analog

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Foto (c) ULB Tirol, darauf zu sehen: v.l.n.r. Lukas Schumacher, Boris Sebastian Schön, Felix Kozubek, Lisa Reifer

Längst haben die Bibliotheken gelernt, dass digital gestaltete Bücher unter Büchern aus Papier stehen, Leser aus Fleisch und Blut auf einem Tablet wischen, und eine Auskunft zuerst als digitale Signatur auf einem Display erscheint, ehe sich dann doch jemand aus echtem Körper erbarmt, mit einem zum Regal zu gehen, um das Gesuchte haptisch in die Hand zu nehmen.
Nicht nur im Büchereiwesen sind analoge und digitale Kulturen längst gut miteinander integriert, wie das im modernen Soziologendeutsch heißt, auch das Nachrichtenwesen arbeitet längst auf mehreren Kanälen, die gedruckte Zeitung wechselt das Format und geht auf dem Bildschirm auf, das Kreuzworträtsel wird mit der Maus gelöst.
Wie alle Medien, die mit Tirol zu tun haben, werden auch neue Online-Magazine an der Universitäts- und Landesbücherei gesammelt, oft genügt es dabei, dass man sich die Adresse speichert und verlinkt. Solche Magazin-Adressen werden zuerst in den Social Medias verbreitet, später stoßen sie in den mündlichen Bereich von Kommunikation vor und schließlich entsteht eine riesige Neugierde, wer wohl hinter dem einen oder anderen Magazin stecken mag.
Seit gut zwei Jahren geistert das sogenannte „Alpenfeuilleton“ durch die Kanäle, das Gerücht sagt, dass tolle Künstler dahinterstecken, die Themen sind frech und einmalig, der Ausdruck Feuilleton lässt darauf schließen, dass die Autorenschaft etwas denkt, wenn sie schreibt und publiziert.
Anlässlich der Veranstaltungsserie „Die Dreizehn Innsbrucker Bibliotheken kennenlernen und entdecken“ ist es der ULB gelungen, für die Eröffnungsveranstaltung am 6. März 2017 die beiden Künstler Boris Schön und Felix Kozubek zu gewinnen. Die Aufgabenstellung für die beiden ist einfach und komplex: Lässt sich ein Digitales Medium als analoge Literaturveranstaltung darstellen?

Der Film

Anhand eines kleinen Spielfilmes zeigen die beiden Alpenfeuilletonisten, wie Schreiben im Netz funktioniert. Zuerst ist nichts, dann Stille, dann geht es mit dem Lift in ein alpines Loft, wo nichts ist als eine Zeitung und ein Bildschirm. Zwischen diesen Gerätschaften baut sich eine Spannung auf, die schier unerträglich ist, es verdichtet sich nämlich Gedankenmaterie so etwas wie zu einem Thema. Das Thema kann aber erst formuliert werden, wenn es in die Realität transformiert wird. Die beiden Künstler mühen sich also durchs Gebirge auf einen Leucht-Gipfel hinauf, von dem aus sie mit abgeschatteten Blick das Land erkunden. Jetzt manifestiert sich das Thema gleich als kompakter Aufsatz und lagert sich im Netz ab, indem der Denkvorgang getippt und gesendet wird.

Die Lesung

Der Film ist aus und Boris Schön und Felix Kozubek tasten sich mit Hilfe des Alpenfeuilletons in die Realität des Abends vor. In einem Pingpong-Spiel werfen sie einander Paradestücke des Feuilletons zu, herausragend ist dabei ein sogenanntes Long-Poem mit Tiefgang, das vom Sog des Lebens handelt, der einen unbarmherzig in die Tiefe zu reißen droht.
Am Bespiel eines Textes über den hohen Anteil deutscher Studenten an Österreichs Universitäten stellt Felix Kozubek das Einmalige am Online-Journalismus vor. Online-Beiträge werden oft schon kommentiert, während das Auge erst die Überschrift liest. Die Folge sind Postings Sonderzahl, die vom berühmten Daumen nach oben bis hin zur Morddrohung reichen.
Während in der analogen Literaturvermittlung Jahre, ja oft ganze Leben vergehen, ehe es zu einer Reaktion kommt, wird im Online-Verkehr wie an der Börse im Sekundentakt gepostet.
Boris Schön stellt anlässlich seiner Klo-Serie die Frage, wie lange man im Netz ein Thema behandeln kann, bis es vorbei ist. Nach zwei Fallbeispielen von WC-Kultur in Japan und in Spanien kommt er zum Schluss, dass dieses Thema im Netz unerschöpflich ist. Ganz klassisch darf am Schluss das Publikum entscheiden, welchen Text es hören will, es siegt naturgemäß ein Beitrag über die touristische Hölle „Ischgl“.
Der Abend geht in die Zeitlosigkeit über, indem auf die Vitrinen im Foyer verwiesen wird, in denen das Online-Magazin den Lieblingszustand der Österreichischen Literatur aufgreift, nämlich das finale Liegen in einer Vitrine.
Die Dichtung mit der Maus besticht jedenfalls durch Fröhlichkeit und gesellschaftliche Relevanz und hat an diesem Abend elegant die Meisterprüfung abgelegt. Das Publikum stürmt seither die Seite: http://localhost/trigger/afeu2018/

Die Texte

Liebe deutsche Studenten, ihr nervt! (Felix Kozubek)
Zwei unveröffentlichte „Lohnt sich das“-Kolumnen (Boris Sebastian Schön)
Eine Lobrede auf den Rausch (Markus Stegmayr)
Meine Reise (Felix Kozubek)
Wenn ernst das neue lustig wäre (Felix Kozubek)
Lohnt sich das #15: Die wundersame Welt des Après-Ski (Boris Sebastian Schön)


Bericht von Helmuth Schönauer – 07/03/17


Der Film zum Nachschauen

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