(c) Helmuth Schönauer

Salonfähig

8 Minuten Lesedauer

Normalerweise liest man als gereifter Jahrgang nur selten Romane über wild gewordene Kids, denn die eigene Leseerfahrung ist meist größer als die Phantasie der jüngeren Generationen, sodass man selten wirklich etwas Neues erfährt. Wenn aber die Republik von einer infantilen Jugendgang regiert wird, lohnt es sich plötzlich, sich mit der Denkweise der frisch gefönten Slim-Modelle zu befassen, wobei Denkweise für sie eine andere Form für In-den-Spiegel-Schauen bedeutet. Elias Hirschl hat seinem Roman „Salonfähig“ jene Helden gespendet, die als medial bestens herausgeputzte Avatare täglich unsere geliebte Zeit-im-Bild bestreichen. Im Roman ist eine Truppe alt-infantil gewordener Kids am Werk, die Großes vorhaben, zumindest in den Postings.


Seit wir den echten Mailverkehr der politischen Jugendgang kennen, worin es nur so von Smileys, Lols und Du-bist-Familie wimmelt, müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die moderne politische Inszenierung einer altägyptischen Schriftkultur entspricht, hinter der sich der Sonnengott „Ku“ in Designerklamotten zeigt.
Wie bodenlos belanglos diese Ideologie ist, zeigt sich, wenn ein solcher Emoticon-Verkehr in alter Schreibweise als Text alten Stils ausformuliert ist. „Linke / zerfetzen sich gegenseitig [vor Lachen weinendes Smiley] [vor Lachen weinendes Smiley] [vor Lachen weinendes Smiley] // Junge Mitte / echte Solidarität [Daumen hoch] [Okay-Symbol] [COOL-Symbol]“ (41)


Im Hintergrund dieses Vokabulars arbeitet sich die „Junge Mitte“ in alle Ritzen der Gesellschaft hinein und übernimmt nach einem vertrottelten Wahlkampf mit leeren Chiffren die Macht. Leitfigur ist Julius Varga, der sich eine Truppe von Vasallen hält. (Als schlampiger Leser denkt man immer an Viagra, weil Varga zu kurz ist.) Dieser politische Halbgott lässt sich nicht in die Karten schauen, gilt als rhetorisches Wunderkind und zeigt unter seiner emotionalen Teflonschicht keinerlei Andockstellen für echte Gefühle.


Als trauriger Held muss sich daher der Ich-Erzähler mit sich selbst herumschlagen. Sein einziges Lebensziel, in den engsten Zirkel des Julius vorzustoßen, bleibt wie eine Greifkarotte  unerreicht. Immerhin darf der Erzähler beim Wahlkampf mitmachen und die Blumen von Julius gießen.
Obwohl das Ziel noch nicht erreicht ist, sind einige Rituale der Schicki-Micki-Gang schon ganz gut eingeübt. „Dem Bettler immer in die Augen schauen, wenn du ihm zwanzig Cent gibst, das mag er, wenn du ihm auf Augenhöhe begegnest, und anschließend gehts ins Sacher zur Torte, das gibt Botenstoffe und Glücksgefühle, du musst das Hirn konditionieren: Sacher, zwanzig Cent, Bettler, Botenstoffe!“


Der Erzähler trainiert vor dem Spiegel, nimmt Rhetorikunterricht und hat leider ein Trauma, das er von der Psychologin ausräumen lassen möchte. „Du musst am Tag daran denken, was du in der Nacht träumen willst.“


Und er hat Glück, dass er noch rechtzeitig im Vorraum im Spiegel sieht, dass noch die Feuchtigkeits-Maske am Gesicht drauf ist. Dafür vermasselt der Praktikant die Stimmung in der Wahltruppe, wenn er billigen Kaffee kauft, der sich nicht von der Kult-Mühle mahlen lässt. So geschmacklos kann er gar nicht sein, dass er nicht jemanden fände, der überhaupt keinen Geschmack hat.


Das politische Gelaber dreht sich vor allem um Floskeln, die in jedes Bundesland passen, und um das Auffinden passender Bars, worin sich die Junge Mitte artgerecht treffen könnte. In einer Schlüsselszene verschwimmen am Handy gerade die zerfetzten Hände der Opfer eines Anschlags in Kabul mit jenen im Sitzungssaal, die über eine Location abstimmen. ‒ Da sage noch jemand, die Weltlage habe keinen Einfluss auf die glatt-politisierte Jugend. (Politik kommt von Polieren!)


Auch zu Hause die gleiche optische Täuschung: Der Nudeltopf wechselt die Konsistenz, noch ehe er etwas al dente ausspucken kann, wird er zu einem Sprengstoffbehälter, der am Handy gerade hochgegangen ist. Die Display-Welt und die darin angeführte Meta-Story befinden sich in stetiger Metamorphose, sodass sie unantastbar werden, wenn man sie wegzuwischen versucht.


Am Wahltag kriegt das erzählende Ich einen Orgasmus in der Wahlkabine. Zuerst hat jemand mit dem Wahlkugelschreiber auf die Seitenwand geschrieben: Varga muss sterben!, dann gelingt es dem Helden, mit dem gleichen Kugelschreiber die obszöne Schrift zu übermalen, bis er kollabiert und vom Notdienst hinausgetragen wird. Später erfährt er, dass Varga fulminant gewonnen hat, die Feiern wollen kein Ende nehmen. Irgendwann zerbröselt dann die Szenerie und aus einer Seitengasse schreit jemand: „Wie fühlt man sich, wenn man erstochen wird, aber nicht an Messer glaubt?“ (88)


Jetzt wird es Zeit, noch ein bisschen an sich zu arbeiten, die Psychologin lässt sich das sogenannte Shanghai-Trauma mehrmals erzählen. Der Held hat als Student in Shanghai mitverfolgt, wie jemand Banknoten aus dem Fenster eines Wolkenkratzers geworfen hat, daraufhin sei es zu einer Massenpanik gekommen, und seither leide er an einem kapital-hysterischen Schock. Dazu kommt noch, dass sich Vater einst mit der Nadel des Verdienstkreuzes die Halsschlagader aufgeschnitten hat und seither in einem Ehrengrab am Zentralfriedhof liegt. Die Mutter liegt auf einer Alzheimer-Station, sie hat den patriotischen Suizid Vaters nie überwunden.


Zwischen den Therapiesitzungen bleibt Zeit für Masturbationen. Seit die Pornoindustrie auf 4K umgestellt hat, sieht man alles so genau, dass man es nicht mehr sehen kann. Die beste Pornodarstellerin ist Regina Love, sie liegt angezogen am Bett und streckt die Hände aus und sagt etwas, was direkt in einen Traum hinüberführt.
Irgendwie ist es wie bei Moni, die freilich nur über Wahlkampf redet und Literatur, wenn diese gut performt. Thomas Glavinic gilt beispielsweise als Designer-Dichter, wenn er die Gesellschaftsoberfläche glatt gestaltet durch sanfte Kritik,
Und dann ist da noch die Sache mit der Frisur, an ihr muss man ein Leben lang arbeiten, und sei es nur, dass einem der Friseur sagt, wie gelungen die Haare nach dem Färben wieder sind.


Wieder kommt der Traum von Shanghai daher, es ist sinnlos, ihn am Morgen in einem Marken-Notizbuch aufzuschreiben, das Buch wird voll, aber der Druck im Kopf bleibt.
„Salonfähig“ ist eine radikale Politfarce, die eine ganze Styling-Generation in ihre sinnlosen Einzelteile zerlegt. Wenn das die Zukunft ist, werden die Alten wohl wieder das Steuer in die Hand nehmen müssen, trotz Klimawandels.

Elias Hirschl: Salonfähig. Roman.
Wien: Zsolnay 2021. 252 Seiten. EUR 22,70. ISBN 978-3-552-07248-0.
Elias Hirschl, geb. 1994 in Wien, lebt in Wien.
Helmuth Schönauer 02/09/21

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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