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Red’ Hochdeutsch

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Irgendwo, in irgendeiner Zeitung, hab’ ich gesehen, dass sich wieder einmal jemand Sorgen macht um die Hochsprache. Was mich an die Ermahnung aus meinen eigenen Schultagen erinnert: Red’ Hochdeutsch! Zu meiner Verblüffung – und zu meinem Ärger – kam gegen Ende meines Berufslebens ein Vorsitzender bei einer mündlichen Reifeprüfung mit derselben Forderung daher. Geärgert hat mich das deshalb, weil ich versucht hatte, meine Schüler vom Druck besagten Gebots zu entlasten.

Ergeben hatte sich das Problem im Zuge jenes Trainings, welchem ich sie in punkto Präsentation unterzog – Sie wissen schon, komplett mit PowerPoint und allem, was so dazu gehört. Dass solche Fähigkeiten für angehende Techniker wichtig sein würden, das leuchtete ein. Im Zuge dieses Trainings erwies sich aber, dass es gar nicht so einfach war, den richtigen Ton zu treffen. Am Versuch, das legendäre Hochdeutsch zu sprechen, scheiterten wir allesamt. Ich schließe mich selbst ganz bewusst und sehr emphatisch ein. Aber was dann? Einfach so, wie einem der Schnabel gewachsen war? Das funktionierte bei diesen komplexen technischen Themen auch nicht. Die Schüler merkten das selbst und wurden unsicher. Eben dies, so versuchte ich ihnen zu vermitteln, galt es aber zu vermeiden.

Also?

Was ich ihnen erklärte, das mochte vielleicht nicht mit dem letzten Stand der linguistischen Wissenschaft überein stimmen. Andererseits referierte ich nicht bloß Studiertes oder Gelesenes, sondern auch eigene Beobachtung. Wenn ich selbst, als Deutsch-Professor, nicht dazu in der Lage war, Hochdeutsch zu reden – wer dann? Im Grunde, so glaubte ich beobachtet zu haben, war niemand dazu in der Lage.

Und warum?

Nun, zunächst ging’s um den Begriff „hochdeutsch“. Wie war dieses „hoch“ zu verstehen? Ich machte meine Schüler darauf aufmerksam, dass es sich keineswegs um eine Wertung handelt, im Sinne von hoch = besser. Vielmehr handelt es sich um eine geographische Einordnung. „Hoch“ ist die südliche Hälfte des deutschen Sprachraums, und zwar ganz einfach deshalb, weil sie höher über dem Meer liegt als die nördliche Hälfte. Dort wird dementsprechend Niederdeutsch gesprochen.

Womit die Sache mit dem Hochdeutsch natürlich nicht erledigt ist. So einfach läuft das nicht. Es gibt im Deutschen tatsächlich so etwas wie eine Standardsprache. Sie ist weitgehend  normiert, selbst ihre Aussprache ist festgelegt (z. B. im einschlägigen Duden-Wörterbuch, ursprünglich im Siebs). Das weist bereits darauf hin, dass es sich eigentlich um eine Kunstsprache handelt. Aber warum? Wozu? Nun – so erklärte ich meinen Schülern – es handelt sich um jene Sprache, die geschrieben wird. Schriftlich kann ich ja nicht einfach jede lokale Färbung, jede individuelle Eigenart umsetzen. Es braucht gewisse Normen, eine Standardisierung. Einerseits, weil sonst nicht genügend Schriftzeichen zur Verfügung stünden, andererseits weil ja die Verständlichkeit über regionale Sprachgrenzen hinweg gewährleistet sein muss.

Was wir schlampigerweise als Hochdeutsch bezeichnen, das entpuppt sich folglich als Schriftsprache. Bloß redet die niemand, dazu ist sie ja auch gar nicht da. Die Schriftsprache wird geschrieben und dann (vielleicht) gelesen. Es kann schon sein, dass man sie auch zu hören bekommt – aber nur, wenn laut vorgelesen wird wie zum Beispiel in den Radio- oder Fernsehnachrichten, oder wenn auf der Bühne deklamiert wird. Ansonsten –

Ansonsten was?

Es ist ein Irrtum zu glauben, der Gegensatz zur so genannten Hochsprache sei der Dialekt (oder genauer: die lokale Dialektfärbung). Auch so sprachen meine Schüler nicht, selbst wenn sie sich unbeobachtet miteinander unterhielten. Sie kamen nämlich aus den verschiedensten Ecken und Winkeln Tirols. Deshalb bedienten sie sich, meist völlig unbewusst, irgendeiner Form dessen, was als Umgangssprache bezeichnet wird. Die mag zwar Züge regionaler Dialektfärbungen bewahren, ist aber trotzdem so angeglichen, dass sie weithin verständlich bleibt. Eine Art Verkehrssprache also, sie dient der Kommunikation über allfällige sprachliche Unterschiede hinweg.

Diese Umgangssprache gibt’s jedoch auf verschiedenen Niveaus: nahe dem ursprünglichen Dialekt bis hin zur Annäherung an die Schriftsprache. Es ist nicht bloß so, dass wir uns alle, gar alle dieser Umgangssprache bedienen. Es ist auch so, dass wir uns auf verschiedenen Ebenen dieser Sprache bewegen, und zwar zumeist ganz automatisch, unreflektiert. Wenn ich im Lehrsaal vortrug, dann verwendete ich zwar auch die Umgangssprache, aber in einer anderen Form als wenn ich auf der Straße einen alten Kumpel aus Schultagen traf. Das geht, wie schon gesagt, von selbst und natürlich.

Worauf es ankommt, so versuchte ich meinen Schülern einzuschärfen, das ist folglich dies: Es muss jeder den Tonfall finden, der für ihn selbst bei einer technischen Präsentation der richtige ist. Jene Sprache, bei der er sich sicher fühlt. Natürlich muss sie in die gegebene Situation passen. Aber niemand braucht sich zu bemühen, gehobener zu reden, als es ihm gegeben ist. Das wirkt nämlich steif, künstlich, womöglich beeinträchtigt es sogar das, was der Vorragende zu sagen hätte.

„Mir ist lieber, es sagt einer im Dialekt was Gscheites“, pflegte ich zu mahnen, „als dass er auf Hochdeutsch schweigt.“

Und noch einen Merksatz versuchte ich den Schülern mitzugeben:

„Kein Mensch redet wie gedruckt. So lügt man höchstens.“

H. W. Valerian (Pseudonym), geboren um 1950. Lebt und arbeitet in und um Innsbruck. Studium der Anglistik/Amerikanistik und Germanistik. 35 Jahre Einsatz an der Kreidefront. Freischaffender Schriftsteller und Journalist, unter anderem für die Gegenwart. Mehrere Bücher. Mehr Infos auf der persönlichen Website.

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