(c) Helmuth Schönauer

Der Morgenmoderator (2)

5 Minuten Lesedauer

Der Morgenmoderator ist vielleicht schon vier Wochen in Rente, da trifft zum ersten Mal die Pension auf dem Konto ein. „After Grins“, wie er sich früher im aktiven Beruf als Aufwecker der Region bezeichnet hat, wacht von einem Klingelton auf, den er auf Mitternacht gelegt hat. Immer wenn das Geld in Zukunft am Monatsende kommt, wird er alarmiert, dass Kohle eingetroffen ist, obwohl er nichts dafür getan hat. 

Das um Mitternacht muss er vielleicht ändern und auf den Vormittag verlegen. Wer weiß, ob er nicht später einmal früher einschlafen wird. Vielleicht muss er irgendwann ins Altersheim, dann ist der Tag ohnehin um siebzehn Uhr aus. 

Nicht nur die eintreffende Kohle überrascht den Morgenmoderator, auch der Anruf aus seinem ehemaligen Arbeitsplatz setzt seinem angehenden Ruhepuls zu. Im Studio hat man nämlich eine Seniorenwoche ausgerufen und fragt an, ob er sich nicht eine Woche lang wie einst ins Aufwachstudio zuschalten lassen könnte.
Man brauche von ihm Tipps für die Pension, und außerdem vermisse ihn das Publikum sehr.

„Viele wollen gar nicht mehr aufstehen, seit du nicht mehr am Morgen auf Sendung bist!“ 

Für den Ex-Moderator bedeutet die Seniorenwoche zusätzlichen Stress. Er muss sich wie früher den Wecker stellen, weil er ja gleich nach dem Aufwachen angerufen wird. Zum Unterschied von den normalen Menschen, die sich den Schlaf aus den Augen reiben, muss er hellwach sein und liefern. 

Da kommt auch schon der erste Anruf, und er handelt vom Schlaf, der Morgenerektion und dem Erfolgserlebnis auf dem Klo. „Vierzig Zentimeter“, sagt er, „seit ich in Rente bin, nimmt die Wurst am Morgen kein Ende.“ 

Er hat sich zu Pensionsbeginn die Spülmuschel mit einer Skala ausmalen lassen, sodass er jetzt am Spül-Lineal sieht, was Sache ist.
Eigentlich wäre ein Geodreieck besser gewesen, da hätte man auch die Krümmungen besser messen können, aber beim Geo-Dreieck gibt es immer Lieferschwierigkeiten, seit die Firma in Wörgl abgebrannt ist. 

Nach dem ersten Anruf spielen sie No-milk-today, was dem guten „Afta Grins“ sofort die Tränendrüsen einschießen lässt. 

Beim zweiten Anruf wird er gefragt, was er so frühstücke in Rente. Da muss er jetzt eine Menge Scheiß erzählen von heimischen Produkten, die in Wirklichkeit keine sind.
Er schremme mit der Ernährung knapp am Veganismus vorbei, sagt er, das kommt gut an. Im ganzen Land reißen sie sich daraufhin die Wurst vom Brot und essen es trocken weiter. 

Kaffee geht heute gut, weil der Blutdruck passt. Mit dem Blutdruck gibt es einen passablen Trick. Wenn er in der Früh zu hoch ist, kann man ihn ruhig am Abend voraus-messen, da ist er meist niedriger, ehe das Fernsehen beginnt. 

Im dritten Anruf geht es um Sport, und was ein Senior so machen kann.
Der Frischrentner berichtet, dass er am Morgen meist eine Runde trabe, von laufen könne noch keine Rede sein. Auf jeden Fall bewege er sich so lange, bis es unter den Achseln heraus nach Gulasch zu riechen beginnt.
Dann kommen zu Hause noch die Hanteln dran, aber nur kurz. 

Die Hanteln sind etwas in Verruf geraten, seit neulich ein Achtzigjähriger mit diesen Gewichten trainiert hat, um so seine Frau erwürgen zu können. Und dann ist es nicht sicher, ob die Kraft reicht, wenn sie einen dicken Hals hat, soll er gesagt haben. Im Boulevard wird er als Hantelmörder bezeichnet. 

„Jetzt wenden wir uns den Temperaturen zu“, sagt man im Morgenwecker und blendet den Oldie aus. „In Innsbruck hamma zehn Grad, in Lienz elf und in Reutte zwölf.“ 

Wenn die Tage ähnlich gut laufen, kann es ein perfektes Abenteuer werden, das mit der Rente!

STICHPUNKT 21|73, geschrieben am 06.10. 2021

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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