Synaptischer Kampf um Leben und Tod

Das Gegenteil von Sicherheit. Oder. Wenn ich streite, dann nur mit mir.

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Otto Schenk wird 90. Und ich bin der größte Schauspieler unter dem eisig blauen Himmel. Das ist gefährlich. Rollen töten Menschen!

Der Juni ist der einzige warme Monat ohne Fußball. Deshalb habe ich eine Woche Urlaub. Das ist schön, aber auch ungünstig. Dank Corona war in diesem Jahr der Mai der einzige warme Monat ohne Fußball. Anfang des Jahres konnte das natürlich niemand wissen. Meine Frau musste ihre freien Tage trotzdem frühzeitig einbuchen. Nun haben wir den Salat.

Keine Sorge. Urlaub habe ich trotzdem. Rein formell zumindest. Wirklich abschalten kann ich nicht. Die wackeren Fußballer kämpfen alle drei Tage um wichtige Punkte. „Meine“ Mitarbeiter sind voll im Einsatz. Wie soll man als „guter Chef“ da den nötigen Abstand finden und die Seele mit Spritzwein streicheln?

Ein schlauer Mensch hat mir gesagt, dass dieser Konflikt in meinem Kopf entsteht. Die Fußballer würden auch ohne mich den Ball ins Tor bringen und meine Mitarbeiter bräuchten keinen Babysitter, sondern wissen was sie tun. Urlaub sei in Österreich zudem gesellschaftlich anerkannt. Stimmt alles. Aber!

So einfach ist es dann doch wieder nicht. Ich bin ein sensationeller Schauspieler. So gut, dass ich ab und zu vergesse, dass ich spiele. Dann werde ich zu meiner Figur. Mit Haut, Haaren und allen Emotionen. Aktuell kämpft die Rolle des liebenden Ehemannes mit jener des umsichtigen Chefs. Beide haben starke Argumente. Ich switche hin und her, kann mich nicht entscheiden. Seit vorgestern ist eine neue Rolle dazugekommen. Ich bin jetzt Opfer. Die Welt ist unfair. Nichts ist mir vergönnt. Ich bin kein guter Ehemann UND kein guter Chef.

Rollen sind unbarmherzig. Es gibt strenge Regeln, Charaktereigenschaften und Erwartungen. Rollen sind grausam, denn sie schränken ein. Unser Handeln ist stark limitiert. Ein Chef kann nicht plötzlich lieben. Ein Ehemann keinen Urlaub stornieren. Rollen zwingen auch das Gegenüber in eine Rolle. Chef trifft auf Mitarbeiter. Therapeutin auf Klienten. Ehefrau auf Ehemann. Das Virus greift um sich. Wo man hinschaut, Rollen.

Richtig gefährlich wird es, wenn wir vergessen, dass wir keine Rollen, sondern Menschen sind. Dann werden aus Polizisten Mörder und aus Politikern Machos. Wir sollten das Schauspielen jenen überlassen, die es wirklich können und einander viel öfter von Mensch zu Mensch begegnen. Ganz ohne Rolle. Auf einen warmen, schönen Urlaub!

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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