(c) Walter Klier

Aus dem Tagebuch eines Waldbewohners (4)

10 Minuten Lesedauer

Donnerstag

Vor dem Schreiben ein paar Schritte vors Haus. Im Wald, irgendwo gegen Westen hin, gurren die Tauben. Das tun sie immer und immer schon, sie erinnern an frühe Schulwege, wenn ich um dreiviertel sieben losstartete, um den Bus um halb acht in Arzl zu erwischen. Man sieht sie fast nie, man hört sie immer. Sie geben uns ein Gefühl Heimat. In der Stadt ist es das gleiche. Da sieht man sie allerdings, und der besorgte Bürger ärgert sich über sie, weil sie schmutzen und Keime aller Art verbreiten. Aber sie sind immer da, sie bleiben, und sie gurren. Sie tun es auch anderswo, sie tun es überall. Befällt andere auch ausgerechnet bei den Tauben dieses Heimatgefühl?

Die Bienenbäurin bringt ein paar Pflanzen vorbei, die sie überzählig hat, Paprika, Melanzani, alles, wovon es früher hieß: „Das wächst bei uns nicht.“ Jetzt wächst es. Zur Zeit kann sie kaum Honig ernten, wie sie sagt. Es ist zu kalt, die Bienen fliegen nicht aus. Dabei hat die ZAMG uns gerade mitgeteilt, daß der Mai in bezug auf die Temperatur genau im langjährigen Mittel war. Was lernen wir daraus? Im Durchschnitt ist es bei uns immer noch zu kalt, trotz der ganzen Erderwärmung, die sich im Alpenraum ja besonders bemerkbar macht. Aber die Bienen haben diese alte Normalität bisher überlebt, also wird ihnen wohl auch diese kalte Frühlings-Zeit nichts anhaben.

Freitag

Halbrunder Geburtstag. Die Kinder bekommen nicht nur fürs Leben gern Geschenke, sie schenken auch selber mit mindestens so großem Vergnügen, sogar der Bub, der kaum zu irgendwas zu bewegen ist, was er nicht selber dringend will, hat sich etwas ausgedacht, einen Witz. Er bringt zur Bescherung die im Wäschekorb verstaute und mit einer Decke zugedeckte Katze Fini als Geschenk daher. Die Erwachsenen schenken einander jene Bücher, die sie selber interessieren, die sie sich selber aber aus den verschiedensten Gründen nicht unbedingt kaufen würden. Oder Bücher, die sie sich zwar nicht jetzt, aber später kaufen würden, das Pendant zum Hamsterkauf. Das bringt mir im vorliegenden Fall zwei neue Bände von Kurt Kotrschal, diesmal nicht über Wölfe, sondern über Leute, und eins von einem Holländer mit dem merkwürdig anzüglichen Namen Pim van Lommel, ein Kardiologe der seit längerem über Nahtoderfahrung forscht und, wie ich noch am selben Abend feststellen kann, konzis und und flüssig schreibt, zudem nicht die Nerven verliert angesichts des Umstands, daß seine Forschung gewissermaßen zwanglos und ganz nebenbei das Fundament unserer herrschenden Philosophie untergräbt und auch ganz nebenbei vor allem von Fachkollegen auf richtig miese Art niedergemacht wird<.

Wenn er hier darlegt und darstellt, daß es einen gemeinsamen Erfahrungshorizont (potentiell) aller Menschen gibt, worin unser Begriff von Zeit, Raum und Kausalität aufgehoben ist und keine Rede davon sein kann, daß mit dem Tod „alles zu Ende“ ist, wie stets gesagt wird, und wenn dieser Befund auch noch zu dem paßt, was uns die Religionen aller Art schon seit langer Zeit gesagt und wovon wir uns, dank Moderne, Aufklärung usf., losgesagt haben, ist das wohl ein ziemlicher Skandal, wie sich mir aus meiner bescheidenen Unkenntnis der Philosophie ergibt. Zumindest steht es uns wohl nicht an, dazu einfach zu schweigen oder den üblichen Unsinn zu reden, in dem neuerdings immer das Wort „Verschwörungstheorie“ vorkommen muß. Hier sind wir ja nicht bei einem geisteswissenschaftlichen Orchideenproblem wie der Shakespeare-Autorschaft oder der Chronologie des ersten Jahrtausends nach Christi Geburt, sondern bei der Wissenschaft schlechthin, der Medizin, die auf ihre unreine Art und Weise alle anderen in sich trägt, weil sie sich ja mit unserer hauptsächlichen Sorge befaßt, daß wir nämlich nicht gerne sterben, Nahtoderfahrung hin oder her. Von dieser Medizin erweist sich, was von einem anderen Zweig menschlichen Strebens gesagt wurde: „Wer nur von der Musik etwas versteht, versteht auch von dieser nichts.“

Sonntag

Der Vormittag noch so, wie ich mir den Juni vorstelle, ziemlich bewölkt und ganz leicht föhnig,graue, laue Luft, ab Mittag dann Schlechtwetter mit Regen und herbstlichen Temperaturen.

Weltweit wird gegen Rassismus demonstriert, unter Mißachtung der überall geltenden Abstands- und sonstigen Regeln. Nachdem daraus, wovon jedermann ausgeht keine neuen Ansteckungswellen resultieren werden, könnte man die Regeln auch gleich außer Kraft setzen?

Beim Gang über unsere immer noch verlassene Viehweide bemerke ich erst, daß unsere netten Kälber die im Herbst 2018 gesetzten Lärchen praktisch vernichtet haben. Sie hatten im Gegensatz zu anderen neu Gepflanzten den Tiefschneewinter gut überstanden, und letztes Jahr paßte ich fest auf, ob die Kälber sich für sie interessierten. Ich ließ auch alles an Brombeeren rundherum wuchern, damit sie etwas geschützter waren. Es ging gut, es geschah ihnen nichts, und heuer paßte ich nicht mehr auf. Und nun hatten unsere Weideviecher bei allen fünf das Verbißschutzgitter mit den Hörnern abgehoben und lustvoll weggeschleudert (oder auch nicht lustvoll, jedenfalls lagen die Dinger irgendwo im Gebüsch) und die Bäumchen aufs jämmerlichste zusammengebissen. Auch wenn sie es überleben sollten, wird wohl kein schöner Baum mehr draus. So ist also von den Gepflanzten innerhalb der Umzäunung nur noch eine Eiche unversehrt.

Montag

Echte ausländische Autos parken in der Stadt: BZ und RO, also wenigstens aus der Nachbarschaft kommt wieder jemand.

Am Ende der Einkaufsrunde habe ich das Mund-Nasen-Schutz-Getue satt und gehe unverhüllt in die Markthalle. Die Gitti: Isch jetz scho nimmer?

Ich: Nein, i glaub, am Wochenende.

Gitti: Weil Sie sein heit der zwoate.

Beide sind wir froh, daß „es bald vorbei ist“.

Telefonat mit Klaus über unseren Stammtisch. Wir wissen beide nicht, wie die Regeln jetzt „genau“ sind. Vier Erwachsene inklusive allfälliger Kinder, Tische vorher reservieren, beim Eintritt ins Lokal maskiert, dann aber ohne beim Sitzen.

China meldet laut Worldometer 65 „active cases“, davon 1 „serious“. Warum das Virus nach der ersten Begeisterung sich nicht in weitere Provinzen verbreitet, sondern praktisch verschwindet, wird weder gefragt noch beantwortet. Es interessiert irgendwie niemanden.

Dienstag

Morgens früh um sieben, als ich mit dem Buben auf dem Weg in die Schule die ersten Meter unserer Waldautbahn befahre, springt uns, seit langem wieder einmal, eines der sehr wilden Kaninchen vors Auto. Dann springt es flugs wieder über die Böschung hinauf und verschwindet im Wald. Vor einigen Jahren begegneten wir ihnen häufig, auch immer in der Früh, manchmal war es ein ganzer Trupp, fünfe, sechse, die auch länger auf dem Weg vor dem Auto her tobten, bis sie sich trollten. Von daher tragen sie bei uns auch das schmückende Beiwort „sehr wild“, um sie vom gewöhnlichen Wildkaninchen zu unterscheiden.

Klaus telefoniert mit unserem bisherigen Stammlokal, das aber die Sperrstunde auf 20 Uhr vorverlegt hat. Das würde die Sache etwas ungemütlich gestalten. Dann ruft er bei der Pizzeria an, die wir vorher frequentierten. Dort gibt es keine Schwierigkeiten, einen Tisch für vier zu reservieren. Klaus fragt: Was ist, wenn wir dann einer oder zwei zu viel sind? Der Wirtin ist das offenkundig egal, bzw. ist sie wahrscheinlich froh, wenn überhaupt jemand in ihr Gasthaus kommt. Dann fragt er noch, Was ist, wenn die Polizei vorbeischaut, muß dann einer von uns derweil aufs Klo? Da muß sie doch beinah lachen.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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