Hannah Arendts (fast verschollener) Gedanke über Freiheit und Revolution, Macron und ein bisschen Donald Trump

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Hannah Arendt hinterließ ein Schrifttum von über 25,000 Einzelstücken, das der Obhut der Library of Congress in Washington übergeben wurde und in Teilen noch nicht erschlossen ist. Jerome Kohn bearbeitet seit Jahrzehnten diesen überbordenden Nachlass der deutschen Philosophin und stößt im Jahr der Präsidenten Trump und Macron auf einen Text, der an Aktualität geradezu besticht. Das Manuskript Arendts, das den Titel „The Freedom to Be Free“ bekommen hat, trägt im Archiv die wenig erhellende Bezeichnung „A Lecture, 1966-67“. Die Antwort auf die Fragen, wann und wo diese Vorlesung gehalten wurde – ob sie überhaupt gehalten wurde – blieben für Kohn trotz ausführlicher Recherche aus. Nichtsdestotrotz empfand Kohn die Zeit überaus reif, dass der Inhalt der Akte nach fünfzig Jahren öffentliches Gehör findet. Vielleicht ist gewählter Zeitpunkt der Veröffentlichung in Hinblick auf aktuelle geopolitische Entwicklungen nicht ausschließlich als Produkt des Zufalls zu werten – weshalb das so ist, möchten folgende Ausführungen darlegen.
Der Text baut auf Arendts Opus Magnus On Revolution aus dem Jahre 1963 auf und etabliert wie seine gedankliche Grundlage die Zusammenschau der französischen und amerikanischen Revolutionen als die beiden Paradigmenwechsel des 18. Jahrhunderts in Hinblick auf eine soziale Theorie der Revolution. Der frisch publizierte Vortrag besteht dementsprechend wesentlich aus einer Zusammenfassung der zentralen Gedanken aus On Revolution, enthält aber besonders aufgrund seiner Schlussfolgerung über politische Verantwortungsträger als moralische Schlüsselpersonen eine neue Komponente mit aktueller Relevanz:
„It depends most of all upon subjective qualities and the moral-political success or failure of those who are willing to assume responsibility. We have little reason to hope that at some time in the not too distant future such men will match in practical and theoretical wisdom the men of the American Revolution, who became the Founders of this country. But that little hope, I fear, is the only one we have that freedom in a political sense will not vanish again from the earth for God knows how many centuries.” (Arendt 2017: S.69)
Es sind Worte, die im Angesicht der aktuellen Regierungen in Paris und Washington an ein futuristisches Spiegelbild zu rühren scheinen. Anders als in ihrem historischen Abriss, in dem die französische Mutter ihrer Tochter in Übersee im erfolgreichen Vollzug einer Revolution unterliegt, sehen wir zwei zeitgenössische Revolutionäre, den Leader of the Free World als höchst umstrittene Figur, das französische Oberhaupt hingegen mit fast schon messianischer Erlösungsgnade ausgestattet. Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy attestiert  Macron in Anspielung auf Arendt die Qualität der Virtuosität, die nach der deutschen Philosophin sowohl Künstler als auch Politiker gemeinsam haben und ihn folglich zum Staatskünstler wandelt.  Interessantes Detail am Rande: Der französische Präsident war als Philosophiestudent drei Jahre Assistent bei Paul Ricoeur, der mit Hannah Arendt  guten Kontakt pflegte und von ihr philosophisch geprägt wurde. Dass Macron weitgehend mit Arendts Denken vertraut ist, liegt folglich nahe.
Auf der anderen Seite haben wir Donald Trump. Mit Macron verbindet ihn, dass er als politischer Neuling einen Umsturz der bestehenden Verhältnisse verspricht. In den USA hat sich seit dem Regierungsantritt von Trump sogar eine neue starke Hannah Arendt Fangemeinde gebildet, wie Roger Berkowitz vom „Hannah Arendt Zentrum für Politik und Menschlichkeit“ am Bard College in New York berichtet.
Zwei Revolutionen, eine erfolgreich, eine schreitet gen Abgrund. Die Geschichte wiederholt sich. Arendt knüpft ihre Analyse über das Geschick der politischen Freiheit an das Verständnis, was im Kern einer jeden Revolution eigentlich grundgelegt ist: die Frage nach sozialer Gerechtigkeit.  Es bleibt eine Gretchenfrage für Macron und Trump wie sie es mit der sozialen Gerechtigkeit halten werden.  Für alle Beobachter internationaler Politik gilt der neue Arendt Text jedenfalls als dringliche Leseempfehlung.
Das Original ist im Literary Hub frei zugänglich (Publiziert wurde der Text erstmals unter: Arendt, Hannah (2017): The Freedom to Be Free. In: New England Review. Volume 38, Number 2, S. 56-69. ).

Titelbild: (c) Wikipedia

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