Auf Beobachtungstour durch die „Studentenstadt“ Bozen

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Sehr selten, aber besonders ab den Herbstmonaten kann man diese seltene Spezies in den Südtiroler Bergen beobachten…
Man rätselte lang über die Verbreitung und Vermehrung. Offizielle Zahlen der Uni selbst belegen einen Bestand von rund 3.000 Studenten. Absolut unfassbar, weil sie scheinen sich gut zu tarnen, im Stadtbild nimmt man sie als Außenstehender so gut wie gar nicht wahr. Also begann für mich eine intensive Pirschjagd und die Auseinandersetzung mit einer Handvoll Vorurteilen.

Standort Uni

Vielleicht zuerst zum primären Aufenthaltsort, der Uni selbst: Die sogenannte „Freie Universität Bozen“ ist privat organisiert und wird zum größten Teil von der Autonomen Provinz Südtirol finanziert. 1997 gegründet, verbreitet sie sich auf drei Standorte (Bozen, Brixen, Bruneck) und wird dreisprachig geführt (Deutsch, Italienisch, Englisch). Die Universität umfasst insgesamt fünf Fakultäten: Fakultät der Bildungswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, Design und Künste und das Sprachenzentrum in Bozen. Die meisten Studenten wählen dabei den Zweig der Bildungswissenschaften, die ihren Sitz in Brixen hat, das Schlusslicht bildet das Studium für Design und Künste mit 215 Studierenden im Jahr 2015.
Die Zahlen belegen es: es gibt sie also. Auf der Universität in Bozen sieht man sie auch, dort tummeln sich viele zwischen Hörsälen, Werkstätten und Bibliothek. Doch: Wo halten sie sich auf außerhalb der Universität? Wo fressen sie? Wo nächtigen sie? Eines ist sicher: Die meisten kehren in den heimatlichen Fuchsbau von Mutter und Vater zurück, weil sie direkt aus Südtirol kommen. Es gibt aber auch die andere Gattung der Studenten, die aus dem Ausland kommen, um in Bozen zu studieren.

Die Stimme der Studenten

Mit einem von ihnen habe ich online gesprochen – er ist im Grunde sogar eine Art Muttertier (bin selbst gespannt wie viele Metaphern aus dem Wortfeld Tier mir noch einfallen) – Simon Lindemann, Studentensprecher der Uni Bozen. Er selbst kommt aus Hamburg, hat dort den Bachelor in VWL gemacht und ist als Erasmusstudent nach Bozen gekommen. Und geblieben. Vor allem die Struktur der Kurse und die enge Zusammenarbeit mit den Professoren haben ihn dazu veranlasst, sich für einen Master in Bozen zu entscheiden.
Was ist aber nun mit dem berüchtigten Studentenleben, das neben der Universität, Kursen und Professoren doch bei vielen Studenten eine große Rolle spielt?
Das kann in Südtirol durchaus etwas anders ausfallen, meint Simon. Die Alternative zu Party und Kulturevents sieht in Bozen Wandertouren in den Bergen, gemeinsames Skifahren oder Filmabende vor. Ist Bozen also der Nerd unter den Universitätsstädten?
Jein. Immerhin gibt es sie auch, die Treffen in den Bars der Stadt (sehr beliebt ist die Zone um den Obstmarkt) oder die Unipartys, die direkt in der Universität veranstaltet werden. Da die Clubszene in Bozen in den Kinderschuhen steckt, versucht man sich alternativ z.B. in den örtlichen Brauereien zu verabreden. Leider ist das nicht immer ganz einfach, bestätigt Simon, weil es wenige gibt, die sich für eine Initiative finden. Das bedingt sich vor allem durch die unterschiedlichen Heimatorte der Studierenden: Viele reisen am Wochenende nach Hause und es bieten sich dadurch wenige Möglichkeiten der Zusammenkunft. Auch durch die Gruppenbildung nach jeweiligen Nationalitäten (Herden) wird ein Austausch leider oft erschwert. Immerhin ist man durch die vielen Internationals gezwungen, sich mit der Idee der Dreisprachigkeit auch außerhalb der Universität auseinanderzusetzten, bemerkt der Studentensprecher als zusätzlichen positiven Effekt. Außerdem versuche man sich an den örtlichen Bedingungen zu orientieren und das Beste draus zu machen. Geplante Projekte sind etwa ein Erasmus Trip nach Venedig oder der Aufbau einer Weinsociety, die Verkostungen durchführen und Weingüter besichtigen möchte. Auch von der Design-Abteilung hört man immer wieder von kleinen Projekten in- und außerhalb der Universität.

„Generell ist das Leben als Student nicht zu hart durch 300 Sonnentage im Jahr und vielen Freizeitangeboten in den Bergen. Wer auf Party aus ist, kann allerdings hier zu kurz kommen.“ (Simon L.)

Zusammengefasst ist die Atmosphäre in Bozen, was das reine Studentenleben betrifft, also wohl eher bescheiden und bestätigt eines der Vorurteile, die ich und viele Südtiroler von der Universität zu haben scheinen. Und doch gibt es sie, die kleinen Funken, die aufleuchten und versuchen, auch außerhalb der Universität zu vernetzen: allen voran muss hier das Pub Quiz in Bozen genannt werden. Organisiert von der Südtiroler Hochschülerschaft (sh.asus) lässt es die Bozner Studenten einmal im Monat klassische Studentenleben-Luft riechen, die in anderen Universitätsstädten zum Alltag gehört. Und das mit großem Erfolg. Was anfänglich mit wenigen Gruppen begann (deren Teilnehmer, wie ich, nicht mal zur Bozner Studentenspezies gehörte), hat sich zum monatlichen Must-Go gemausert. Auch zu erwähnen, was Partys betrifft: die Vereinigung Uni-Party Bozen, die immer wieder mal Veranstaltungen organisiert. Ein Applaus an dieser Stelle!
Initiativen, die direkt von den Studenten ausgehen, sind an einer Hand abzuzählen; alles in allem sprechen alle sehr gut von der Universität, von Kursen und Studiengängen, aber das Studentenleben außerhalb leidet merklich. Und versteht mich nicht falsch, es geht nicht nur um das Feiern, auch kulturelle Angebote sind spärlich oder werden wenig besucht. Fraglich aber, wieso die Studierenden nicht selbst reagieren. Man möchte die lose Herde aufschrecken und zudem auch den Ansässigen (z.B. Lokalbetreibern) einen Stromstoß verpassen, damit sie sich ein wenig auf die Studierenden einstellen. So sollte auch die Außenwelt mehr von den engagierten Projekten und interessanten Studiengängen erfahren, die viel Potenzial aufweisen, auch im regionalen Kontext.
Aber was nicht ist, kann ja noch werden: Also ihr Bozner Studenten, seid nicht scheu, sondern engagiert euch für ein attraktives Studentenleben auch außerhalb der Universität! Wie ich finde, gehört ein solches zum Leben als Student dazu und sollte nicht vom Aussterben bedroht sein.

Artikelbild: Freie Universität Bozen / Facebook

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