Warum es Studentenverbindungen auch 2015 noch gibt

11 Minuten Lesedauer

Liebster Lukas,
vielen Dank für deinen Brief und die ehrlichen Worte. Gleich vorweg – ich selbst bin Mitglied einer katholischen Hochschulverbindung. Es ist ja immer wieder nett zu lesen, was die Allgemeinheit so über uns Couleurstudenten denkt. Wir bekommen ja fast monatlich einen Bericht zu lesen, in dem sich jemand über Studentenverbindungen Gedanken macht. Auch wenn dein Brief nicht viel Neues hergibt und so einige Vorurteile präsentiert, freut es mich dennoch, dass du einer der wenigen bist, die offen Fragen stellen. Einige davon möchte ich dir gerne beantworten.
Ja, warum gibt es uns im Jahr 2015 überhaupt noch? Vielleicht weil es zu viele gelangweilte und alkoholkranke Studenten gibt? Weil wir Menschen sind, denen die Moderne Angst macht? Vielleicht weil wir alle reaktionär sind und eigentlich lieber in der Zeit von Goethe und Schiller leben würden? Das klingt doch recht plausibel, oder nicht? Vielleicht sehen wir studentische Tradition aber einfach als wichtigen Teil unserer Kultur – mit dem wir uns gerne auseinandersetzen, ihn erhalten und weitergeben wollen. Aber da wären wir ja schon bei deinem nächsten Problem: diese unnützen Traditionsvereine.
Unsere studentische Tradition mag von außen betrachtet sonderbar erscheinen. Zumal sie heutzutage lediglich von Couleurstudenten und meist nur fernab der Öffentlichkeit gelebt wird. Fakt ist, dass unsere Bräuche und Gewohnheiten schon jahrhundertealt sind. Zu besonderen Anlässen feiern wir so genannte Kneipen. Das sind gemütliche Veranstaltungen im feierlichen Rahmen, die einem festgelegten Ablauf folgen. Wir singen alte studentische Lieder, trinken Bier und tragen die Farben unserer Verbindung. All das hat seine Gründe. Erstens – solche Abende machen Spaß! Zweitens lernt man hier immer wieder neue Leute aus anderen Studienrichtungen kennen, die man sonst wohl nie getroffen hätte. Und drittens werden Traditionen erhalten und gelebt. Das ist eben auch eine wichtige Funktion von so genannten Traditionsvereinen – die du ja offensichtlich kritisierst und als sinnlos abstempelst.
Dabei finde ich es immer wieder lustig, dass gerade Menschen, die eigene Traditionen ablehnen und jene, die das Brauchtum weiterführen wollen, belächeln, sich gleichzeitig sehr weltoffen fühlen, wenn sie eine Sardana in Katalonien sehen oder berberische Folklore in Marokko. Auch das ist Tradition- nur eben in einem anderen Land. Wäre schade, wenn die verloren gehen würde, oder?
In einer Verbindung kümmert man sich jedoch nicht nur um das Erhalten und Weitergeben von Traditionen. Auch gesellschaftliches, politisches und soziales Engagement gehören mit dazu. Sowohl als Verbindung, als auch als Einzelpersonen setzen sich deshalb viele Couleurstudenten ein. Vielleicht ist auch das ein Grund wieso später viele Couleurstudenten in Wirtschaft und Politik aktiv sind.
Wie du richtig festgestellt hast: eine Verbindung verbindet. Entstanden sind Studentenverbindungen übrigens in einer Zeit, in der es noch nicht in jeder Stadt eine Universität gab, Züge nur in Nostradamus Träumen vorkamen und sowas wie ein Bankwesen nicht existierte. Deshalb mussten Studenten, um an ihren Studienort zu gelangen, oft sehr weit anreisen. Das taten sie meist zu Fuß oder zu Pferd und mit all den Habseligkeiten, die sie für das Semester benötigten im Gepäck. Damit sie das vor Wegelagerern und Räubern schützen konnten, war es ihnen erlaubt Waffen zu tragen (deshalb gehört der Schläger auch heute noch zur couleurstudentischen Tracht). In den Universitätsstädten angekommen, schlossen sich Studenten zusammen. Dadurch entstanden so genannte Bursen – Häuser in denen die Studenten gemeinsam wohnten. Die genauere Geschichte kannst du überall im Internet nachlesen.
Was aber war immer das Kernelement von Verbindungen? Demokratie! Studentenverbindungen sind im höchsten Maße demokratisch. Was bei manchen Parteien Basisdemokartie genannt wird, existiert im Couleurstudententum schon seit Anbeginn. Da diese Geisteshaltung von vielen absolutistischen Machthabern nicht gerne gesehen war, wurden Studentenverbindungen mit Argwohn und als Systemgegner betrachtet. Dies ist übrigens auch der Grund dafür, warum Verbindungen seit ihrem Bestehen die meiste Zeit verboten waren.
Weiters ist eine Verbindung ein inoffizieller Generationenvertrag. Das bedeutet, dass man sich intern als Aktivitas (Studenten), nicht so einfach über die Meinung und Wünsche des Philisteriums (Absolventen), die schon 50 Semester und mehr bei der Verbindung dabei sind, hinwegsetzen kann. Man setzt sich an einen Tisch und diskutiert Ideen so lange, bis es für die Mehrheit passt. Das kann man nun Verbindung oder Generationenvertrag nennen – für mich ist das aber vor allem eines: Respekt.
All das begründet aber noch nicht, warum man in einer Verbindung ist. Ich bin Mitglied bei einer katholischen Hochschulverbindung. Und glaub mir, am Anfang dachte ich genau wie du! Ein Freund bat mich damals, bei seiner Reception (der feierlichen Aufnahme in die Verbindung) teilzunehmen. Seine Reception fand beim so genannten Stiftungsfestkommers statt (Ein Stiftungsfest kannst du dir als riesige Party zum Geburtstag der Verbindung vorstellen). Dort angelangt war das für mich alles sehr befremdlich. Komisch angezogene Leute. Komisches Verhalten und wenn ich auf den Cantusprügel (so nennt man das Liederbuch) hinabblickte, dachte ich, ich wäre im 18. Jahrhundert gelandet.
Mir blieb nur die Flucht nach vorne. So suchte ich das Gespräch mit den Anwesenden. Ich lernte Leute kennen, lernte die Verbindung kennen und bekam einen ersten Einblick in die studentische Tradition, die ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht kannte. Der Abend war, nach anfänglichen Schwierigkeiten und einer ordentlichen Portion Skepsis, dann also doch ganz nett. So kam es, dass ich auch danach immer mal wieder zu Besuch vorbeikam. Was mich am meisten faszinierte: Ich führte Diskussionen mit interessanten Menschen, die völlig andere Hintergründe als ich hatten, etwas anderes studierten, aus anderen Städten kamen oder viel älter waren als ich. All diese Diskussionen waren wertschätzend und von einer Toleranz geprägt, die ich vorher weder in den großen Kulturveranstaltungslokalen, die ich während meiner Schulzeit gerne besuchte, noch von der Uni her kannte.
Kommen wir nun aber zu deiner Erfahrung, die du mit Studentenverbindungen tatsächlich selbst gemacht hast. Du schreibst: „Dort waren diverse Bübchen in ihren Kostümchen mit Hütchen und Schleifchen. Zum Teil waren das echte soziale Härtefälle. Man sah in ihren Augen deren traurige Vergangenheit: unattraktive, unsichere Mobbingopfer, die es sicher nicht leicht hatten. In der freien Wildbahn des 21.Jahrhunderts, wo Selbstbewusstsein und Authentizität essentiell sind, wären das die Gefressenen, ganz unten in der Nahrungskette – da hilft auch der „ausgezeichnete Erfolg“ im Maturazeugnis nichts.“
Puh – das zeugt aber von sehr viel Toleranz. Ist es nicht extrem oberflächlich von Äußerlichkeiten auf die Biographie und das Maturazeugnis von Menschen zu schließen? Naja. Auch ich besuchte eine interessante Podiumsdiskussion in den „ehrwürdigen Hallen der Austria“. Das Thema: „Gewalt gegen Couleurstudenten.“ Grund für diese Diskussion war ein trauriges Ereignis. An dem Tag des Burschenschaftertreffens  in Innsbruck wurde der damalige Senior der Austria (A.V. Austria Innsbruck ist eine katholische Hochschulverbindung und hat mit Burschenschaften nichts zu tun) auf offener Straße von Demonstrationsteilnehmern verprügelt. Und das nur deshalb, weil er in Couleur (also mit Band und Deckel) seine Parkuhr nachstellte. Als das bei der Podiumsdiskussion angesprochen wurde, hieß es von einem Besucher, der offensichtlich selbst bei der Demonstration als Teilnehmer dabei war, nur – das sei doch reines Eigenverschulden gewesen. An so einem Tag dürfe man halt nicht mit Band und Deckel herumlaufen. Nun ja – folgt man dieser Argumentationslogik, wären auch Frauen für eine Vergewaltigung mitverantwortlich, nur weil sie einen kurzen Rock getragen haben. Wie absurd und traurig ist das denn?
Vielleicht solltest du dich einfach mal mit deinem eigenen Toleranzbild beschäftigen, offen auf Menschen zugehen und Dinge besser kennenlernen, bevor du urteilst und kritisierst. Denn nur weil man jung ist, gewisse Werte vertritt und für diese einsteht, muss man noch lange nicht reaktionär und ein Sozialfall sein.
Aber weißt du was? Komm doch einfach einmal bei uns vorbei. Auf einer Kneipe gibt es genug Bier und ein wenig singen kann auch ein Jeder. Meine Nummer ist der Redaktion bekannt, also melde dich doch einfach – du bist jederzeit herzlich eingeladen, deine Vorurteile ein wenig abzubauen. Das würde dir sicher gut tun – das weiß ich! 😉
Herzlichst,
ein Verbindungsmensch
 
 

3 Comments

  1. Danke für diesen ausführlichen Antwortartikel. Den sollten sich alle, die großkotzig gegen katholische/ christliche / nicht burschenschaftische Verbindungen labern, ordentlich durchlesen!

  2. Diesen Artikel sollten alle mal lesen, die „aus Prinzip“ was gegen Verbindungen haben und uns alle als Burschenschaften deklarieren. Und auch die Burschenschafter kann man nicht alle in einen Topf werfen!
    Verbindungen pflegen und erhalten Traditionen, das ist richtig. Das macht uns aber noch lange nicht reaktionär und rechtfertigt weder Gewalt noch Beschimpfungen.

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