Zehn Gründe warum du in einer WG wohnen solltest

13 Minuten Lesedauer
  1.  Geld (Preis/Leistung)

Wenn es nach der Matura in die große Stadt geht, gibt es drei Varianten zu leben:
Wohnung alleine, Studierendenheim oder WG.
Was Eigenes kann man sich ab ~550€+/Monat in den großen Universitätsstädten leisten. Da hat man dann noch nicht gegessen, das Internet fehlt und wenn die Waschmaschine kaputt wird und man gleichzeitig neue Schuhe braucht, wird das schon mal knapp. Den Rich-Kids kaufen die Eltern natürlich zu Studiumsbeginn eine Wohnung zur Familien-Wertanlage, aber wer ist schon ein Rich-Kid?!
Studentenheime sind preislich in einer ähnlichen Kategorie wie WGs, nur befinden sich da meist jene Zeitgenossen, die bei diversen WG-Casting abgewiesen wurden und dort nun ihr tristes Dasein fristen. Also will man da hin? – Nein!
Dann bleibt nur noch die WG. Preise zwischen 220-500€ je nach Lage, Größe und Ausstattung sind derzeit aktuell.
2. Casting-Erfahrung
Du hast dich schon immer gefragt, wie es sich anfühlt vor Dieter Bohlen&Co zu stehen? Beim Casting für eine WG machst du genau diese Erfahrung. Entweder du musst den Vermieter überzeugen, dass du der perfekte Mieter für seine Wohnung bist, oder du musst für ein freigewordenes Zimmer vorsprechen. In beiden Fällen kannst du nun alle Arschkriech-Methoden auspacken, die dir Mutti beigebracht hat: Du putzt natürlich immer pünktlich und gründlich, lässt nie was stehen und rauchen tust du sowieso nicht in der Wohnung. Dazu bist du der perfekte Partylöwe, wenn es gewollt wird und besitzt die Fähigkeit dich unsichtbar zu machen, wenn andere ihre Ruhe wollen. Gemeinsames kochen übernimmst du und du wäscht Wäsche auch gerne für alle anderen.
Wenn du dir deinen optimalen WG-Platz also mit diversen Lügenmärchen erschlichen hast, bist nach oft schon kurzer Zeit du derjenige, der ein Casting abhalten darf. Du darfst das Vorsprechen auf der ÖH-Wohnungsbörse ausschreiben, zu Stoßzeiten bis zu 200 Bewerber aufnehmen, aussortieren und Vorsprechtage organisieren. Also von 200 auf 30 reduzieren, davon kommen dann 20. 13 kommen zur falschen Zeit, fünf trotz Zusage gar nicht und zwei kommen, haben aber schon was Besseres. Jetzt heißt es also herauszufinden wer wohl am wenigsten lügt und was die WG noch braucht:
Jungs-Mädels-Balance ist nie schlecht. Sexuell interessante Kandidaten oder Kandidatinnen besser ausschließen – das führt nur zu Chaos und du musst schon wieder diese Casting-Prozedur abhalten. Wohnen in deiner WG viele, die mehr oder minder das ganze Jahr hier sind, rät es sich vielleicht jemanden zu finden der an Wochenenden oft nach Hause fährt (Menschen aus Südtirol z.B.). Man kann sich ja gut verstehen, aber es ist auch ganz praktisch, wenn in der WG mal weniger los ist und man das Zimmer anderwärtig verwenden kann.
Habt ihr euch also für den sympathischsten Lügner entschieden, steht einer glücklichen Zukunft nichts mehr entgegen und außerdem weißt du nun, dass Dieter Bohlen eigentlich einen scheiß Job hat – er bekommt dafür aber ordentlich bezahlt…

  1. Haushalten lernen

Nachdem 18 Jahre lang der Kühlschrank voll war, bist du plötzlich in der Großstadt und hast Hunger. Du googelst jetzt mal was man dagegen tun kann und bekommst hilfreiche Tipps: Erst mal einkaufen! Schnell eilst du zum nächsten Supermarkt und besorgst dir alles was du glaubst zu brauchen und dir Mutti bzw. Vati früher nicht geben wollte. Unwissend zwingt dich der von Werbung herbeigeführte Konsumzwang jedes sofort ersichtliche Markenprodukt zu kaufen und du denkst dir: „Warum regen sich denn immer alle über einkaufen auf? – Ist doch mega easy!“ An der Kasse dann das böse Erwachen: DU musst den ganzen Krempel bezahlen – mit deinem Geld! Dinge zurücklegen wäre jetzt peinlich – immerhin weißt du ja was du da getan hast – du bist schließlich erwachsen! So trägst du den ersten und teuersten Einkauf deines Lebens nun in die WG. Dort angekommen bemerkst du, dass das ganze Zeug gar nicht in den Kühlschrank passt, weil die Mitbewohner ja denselben Kühlschrank benutzen. Jetzt erst mal einen Happy-Day-Fruchtsaft trinken und dazu den Dani-Sahne-Schokopudding essen und dann ein Youtube-Tutorial ansehen wie man günstiger einkauft.

  1. Rücksicht nehmen

Du bist nicht alleine. Wenn du nicht abspülst oder Geschirr in deinem Zimmer lässt, fehlt dieses Geschirr den anderen. Wenn du laut Musik hörst, hören das die anderen. Wenn du ewig im Bad bist, können die anderen nicht ins Bad. Meist lernt man diese Lektion nur auf dem umgekehrten Weg: wenn andere nicht abspülen, wenn andere laut Musik hören oder wenn andere ewig im Bad sind. Als Neuling hat man es da nicht leicht bzw. haben es die anderen auch mit dir nicht leicht. Im Notfall gibt’s für soziales Verhalten in WGs sicher auch ein Youtube-Tutorial – mal googeln! Und wenn dann jemand neues einzieht, ist ja ohnehin er der Neuling der immer alles falsch macht – keine Sorge!

  1. Intime Momente teilen

Es soll ja auch vorkommen, dass man echte Freunde in WGs findet. Da hat man dann jemanden mit dem man über Uni, Arbeit, Familie und Liebesleben quatscht, weint und lacht.
Aber egal wie gut man sich versteht man teilt viel mehr: du lernst Menschen kennen wie sie morgens, mittags, abends so drauf sind, wie sie unter Stress reagieren oder wenn sie eben gerade top motiviert sind für Party&Co. Dazu weißt du wie es riecht wenn sie am Klo waren und nicht selten wie sie beim Sex klingen. Gerade in den hellhörigen Altbauten der Stadt lässt sich kein Liebesspiel geheim halten. Das Trauma von zu wenig pre-universitären Coitus müssen anscheinend viele lautstark kompensieren.
Und so merkst du am Ende des Tages, dass wir alle Menschen sind die lachen, weinen, kacken und Sex haben – ist doch schön!
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  1. Mitbewohner haben Vorteile

Nehmen wir an du wohnst zu viert in einer WG: einer studiert Medizin, der andere Literatur, der dritte Informatik und Nummer vier arbeitet im Bio-Laden.
Der Mediziner ist ab einem gewissen Fortschritt im Studium fähig dir kleinere Arztbesuche zu ersparen, der Literat korrigiert dir all deine Uni-Arbeiten, der Informatiker kümmert sich um Internet&Co und der eine der im Bio-Laden arbeitet, darf von dort immer fast abgelaufene Lebensmittel mitnehmen die er brüderlich teilt – super Sach‘, oder?
(Was aber ein Archäologe, ein Betriebswirt, ein Politikwissenschaftler und ein Slavist von einander haben, weiß ich halt nicht – manchmal ist das Leben auch unfair!)

  1. Andere Menschen – andere Schwerpunkte

Egal ob es nun um Putzen oder Sozialverhalten geht, du musst akzeptieren, dass deine Mitbewohner Dinge einfach anders sehen – gleichzeitig sollten sie auch akzeptieren, dass du gewisse Dinge anders siehst. Während für die einen das Liegenlassen der Klorolle der Inbegriff von asozialem Verhalten ist, muss man beim anderen mehrmals wöchentlich den Müll rausbringen und beim Dritten die Herdplatte IMMER mit Cif reinigen. Hier befinden wir uns also in einem ewigen Spannungsfeld und eigentlich hilft nur eines: Reden. Klar definieren was man will und was andere wollen und wie man sich auf ein gemeinsames Zusammenleben einigt. Man ist ja schließlich erwachen! – Tratschereien und Post-Its helfen nicht – trust me!

  1. kreativ kochen lernen

Wenn nach einem Semester „Nudeln mit Tomatensauce“ mal Hunger auf was Neues kommt, ist es ganz praktisch in einer WG zu wohnen. Rein statistisch gesehen kann sicher einer von euch gut kochen und ein weiterer ist dem Bio-Öko-Wahn verfallen. Es gibt also Leute die kennen sich mit Lebensmitteln, Herd und Backofen aus. Wenn am Ende des Geldes noch viel Monat übrig ist, muss man ohnehin erfinderisch werden und da greift man gern zu jeglichen Lebensmittel-Resten der Mitbewohnern und kreiert daraus was, das keinen Namen hat, aber schmeckt und den sozialen Zusammenhalt festigt. Nichts schweißt zusammen wie gemeinsames hungern und dann die Erlösung wenn was auf den Tisch kommt!

  1. man muss sich nicht alles selbst kaufen

Lebst du alleine, brauchst du alles (und musst es dir selbst kaufen). Lebst du in einer WG, kann man sich Dinge ausborgen. Eine WG braucht einen Drucker, einen Scanner, eine Waschmaschine, einen Fön, ein Glätteisen, ein Bügeleisen, ein Bügelbrett, einen Mixer, eine Mikrowelle, einen Internet-Vertrag, einen Staubsauger und und und…
Aber Achtung: für die richtige Balance sollte jeder was zum Großen ganzen beitragen!
Bist du also jemand der nichts hat, aber immer alles braucht, solltest du das schleunigst kompensieren – du kaufst dann z.B. Papier und Drucker-Patronen und manchmal übernimmst du den Einkauf für das WG-Abendessen – sonst steht der WG-Segen schief!

  1. Lebenserfahrung

Irgendwo in der Bibel steht geschrieben: „Es gibt eine Zeit zum Lachen und eine Zeit zum Weinen, eine Zeit zum Arbeiten und eine Zeit zum Ruhen…“ usw.
Würde man dieses komische Buch heute schreiben, sollte man es vielleicht erweitern mit „Es gibt eine Zeit in der Familienwohnung, es gibt eine Zeit in der WG, es gibt eine Zeit in einer Einzelwohnung und dann wieder eine Zeit in einer Partner- oder Familienwohnung“.
All diese Lebensabschnitte prägen uns immens und ich glaube man sollte all diese Erfahrungen auch gemacht haben. Gerade der WG-Teil im Leben ist ein besonders spannender, weil man mit Menschen zusammenkommt, welche man bei Ausgehen oder auf der Straße wahrscheinlich nicht anquatschen würde. Und diese Persönlichkeiten dann auch noch hautnah kennenzulernen, mit ihnen zu streiten, zu lachen und am Ende des Tages ein aushaltbares Zusammenleben zu kreieren, ist was, das sollte man sich definitiv nicht entgehen lassen.
WG-Amen

Titelbild: Stefan Bayer/ Pixelio

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