Helmuth Schönauer privat

Ein Hoch dem Parterre!

6 Minuten Lesedauer

Als Kind nimmst du die Wörter, wie sie kommen. In den 1950er Jahren war es ungünstig, „Keller“ zu sagen, weil alle noch den Luftschutzkeller im Ohr hatten. Außerdem praktizierten in den Kellern gerne Patres Gruppensex, wie wir seit Thomas Bernhards Keller wissen. Dem Keller als Ort der österreichischen Seele hat schließlich ein gewisser Fritzl aus Amstetten einen Gupf aufgesetzt, als er darin jahrelang seine Familie eingesperrt und vergewaltigt hat.

Weil man in den Fünfzigern nicht Keller sagen konnte, nahmen die Tiroler Patrioten dafür die Wörter Parterre, Plafond oder Souterrain. Sie bedeuteten alle das gleiche, nämlich Schmach und Abstieg, weil die Wörter den französischen Befreiern gehörten, die erstmals nach Jahrzehnten wieder Kultur in das kaputt-salutierte Land brachten.

Einem Kind drängte sich die Frage auf: Was müssen das für Menschen sein, die in ihrem eigenen Gemütszustand wohnen? Immer wieder hörte man, dass jemand Parterre ist, oder darin wohnt.

Für Literaturkenner gilt das Parterre seit jeher als die höchste Form des Wohnens, es wird vor allem von Menschen mit stark gebrochenem Charakter aufgesucht.

Als jemand im Innsbrucker Proleten-Gymnasium in der Reichenau erzählt, dass es in der sogenannten Literatur besonders viel Parterre gibt, weil viele Dichter darin wohnen, haben ganze Jahrgänge mit dem Lesen angefangen und seither nicht mehr aufgehört.

Der wichtigste Parterre-Dichter war Ludwig Hohl, der naturgemäß in einem Keller lebte, aber man konnte Tiefparterre zu ihm sagen. Er hatte eine schwere Störung und schrieb seine Texte auf Zetteln, die er an Wäscheleinen aufspannte für den eigenen Gebrauch. Ständig schlug er sich die Birne an seinen eigenen Texten an und wunderte sich, dass er so engstirnig dachte. „Ich erwachte und spürte Durst“, heißt sein berühmter Satz aus dem „nächtlichen Weg“.

Der erste Tiroler Dichter, den wir in einem leibhaftigen Parterre besuchen durften, war der sogenannte Jugendrotkreuz-Dichter Günter B., der nach seiner Scheidung zusammengeschlagen und total-verdrossen im Parterre an der Egger-Lienz-Straße wohnte. Diese Wohnung verließen im Laufe der Zeit immer weniger Texte und am Schluss verließ er sie selbst nicht mehr.

Für den polnischen Schriftsteller Andrzej Stasiuk hingegen ist das Parterre der Ort der Erkenntnis, bestens dafür geeignet, eine eigene Literaturform zu entwickeln. In seinen Texten spielt immer eine abgesperrte Grenze die Hauptrolle. Die Helden fahren in der Nacht darauf zu, oft liegt die Grenze an der Einkerbung im Gebirge, dann leuchten sie mit den Scheinwerfern eines Lada hinüber ins Nichts und fahren beruhigt heim, weil nirgendwo etwas los ist und überall alle schlafen. Diesen Blick für das Nichts verdankt der Autor seiner Kindheit in Warschau, wo er in einer nachtschwarzen Parterre-Wohnung original-verdichtetes Leben studierte, ehe er in die Idylle der Beskiden ziehen konnte, um den Parterreblick in der Weite auszuprobieren.

Eine umgekehrte Erfahrung machte der Vorarlberger Dichter Christian Futscher, der aus der Weite der Provinz in die Verdichtung Wiens ziehen und sich ein Refugium vor sich selbst in Gestalt des Hochparterres aufbauen konnte. „Was für ein Segen! In den ersten Wochen habe ich abends auf dem Weg vom Heurigen nach Hause regelmäßig ,It’s good to be on the way back home again‘ gesungen, und obwohl die Wohnung im Hochparterre liegt und von den umliegenden Baumkronen permanent beschattet ist, habe ich sie zu lieben gelernt.“

Das Thema Parterre lässt niemanden kalt, manche wollen sogar ihre Habil darüber schreiben, scheitern aber regelmäßig an der Fülle des Stoffs, weshalb es bis heute noch keine gültige Parterre-Habil gibt.

Im Krankenhaus Eisenstadt etwa ist die Psychiatrie im Erdgeschoss untergebracht. Als sie wegen Corona teilweise gesperrt werden muss, kommt es zu einer Anhäufung von Suiziden, weil das Parterre fehlt. Tatsächlich ist die Psychiatrie ja immer ebenerdig angelegt, damit man sich nicht hinunterstürzen kann.

Das echte Parterre ist ein Kind der Stadt, aber auch am Land wohnt man viel im Parterre. Dort spricht man freilich vom Penthouse im Garten, wenn man etwas beschreiben will, das ebenerdig aus dem Rasen wächst.

So sind denn auch Dichter, die sich kein echtes Parterre leisten konnten, in den Ferien aufs Land gefahren, um endlich bodenständig zu wohnen, zu dichten und sich selbst auf den Geist zu gehen. Fragmente dieser psychiatrischen Zellen können wir heute noch touristisch nutzen. Auf der kurischen Nehrung wird jeder in das Thomas-Mann-Haus in Nida gekarrt, das gleiche passiert in der Wachau mit dem Strindberg-Museum in Saxen.

Und Wittgenstein im Blockhaus in Norwegen ist immer noch erstklassiges Parterre, wiewohl die Hütte am Dorfrand von Skjolden eher wie ein Vogelnest im Felsen hängt.

In Premium-Bibliotheken ist übrigens die Literatur nicht nur im Parterre aufgestellt, es gibt sogar echte Parterre-Zimmer, in denen alles über das seltsame Refugium der Psyche ausgelegt ist.

STICHPUNKT 20|21, verfasst am 06. Juli 2020

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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