Helmuth Schönauer privat

Die Wuhanisierung Innsbrucks

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Katastrophenorte gigantischen Ausmaßes beginnen ihre Chronik stets mit dem harmlosen Satz: Brunzbrunz war bis vor wenigen Jahren ein kleines, überschaubares Städtchen, das quasi über Nacht aus sich hinauswucherte und das umliegende Land zusammenfrass.

Von Tschernobyl haben wir noch das schöne Riesenrad vor Augen, das einen tollen Rundblick über die Plattenbauten des Sozialismus vermitteln sollte, ehe ein radioaktiver Blowup den Blick auf die Welt veränderte. Plötzlich schaute die ganze Welt schneller auf das Riesenrad, als man von dort aus in die Pripet-Sümpfe glotzen konnte.

Ähnliches hat sich in Wuhan zugetragen, wo sich ein Virus von der Fleischbank aus aufmachte, die Welt zu verändern. Auch Wuhan war bis vor Jahrzehnten noch ein kleines Triplestädtchen am Jangtsekiang, das aus den Dörfchen Wuchang, Hankou und Hanyang in die Höhe geschossen ist. Momentan zählt es zehn Millionen in Betonblöcke gegossene Bewohner.

In keiner der beiden Katastrophenstädte will man als gegenderter und gesetzlich durchhumanisierter Mensch wohnen. Dabei ist alles eine Frage der Perspektive, schließlich kann es auch Innsbruck mit jedem Katastrophenort aufnehmen.

Selbst hier ist eine liebliche Einbegleitung möglich: Innsbruck war bis in die 1960er Jahre ein liebliches Städtchen am Inn, ehe ein olympischer Virus in die Stadt geschleppt wurde und ihr den optischen und sozialen Garaus machte. Sogar der Versuch, die Stadt mit einer Lärmschutzmauer zu umschließen, um den Durchreisenden das Kotzen zu ersparen, ändert nichts an den kaputten Zuständen, die innerhalb der Lärmschutzmauer herrschen.

Vom Innsbrucker Flughafen aus nahm in diesem Winter das desaströse Virus seinen Weg nach Europa. Und so wie man in Asien nicht Wuhan-Virus sagen darf, darf man in Innsbruck nicht vom Innsbrucker Virus reden. Stattdessen spricht man vom Ischgl-Desaster, was ja eine gewisse Berechtigung hat, denn touristisch gesehen ist der Flughafen Innsbruck der Fußabstreifer von Ischgl.

Anhand dieser Wucherungsgeschichten ließe sich übrigens das Schicksal des Planeten zukunftsgenau erforschen. Am Deklinationsmaterial Innsbruck zeigt sich so nebenher, wie eine ökologische Messias-Partei scheitern muss, wenn sie die primitivsten Denkaufgaben nicht löst.

Die größte Denkaufgabe nämlich lautet: Wie groß soll Innsbruck werden? 200.000? 400.000?

Die statistische Tatsache, dass Innsbruck im letzten Jahr um 34 Bewohner geschrumpft ist, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade Großes im Gange ist. Der grüne Bürgermeister ist mit dem Versprechen angetreten: Bauen, bauen, bauen! Damit setzt er die Linie des ehemals grünen Baumeisters fort, der den schönen Satz geprägt hat: Verdichten kann man nur, was schon dicht ist!

Obwohl der Bürgermeister viel zuhören will, hört er nur jene Stimmen, die ihm gefallen. Und schon gar nicht dringt die Frage in sein Ohr: Wie viele Einwohner verträgt die Stadt?

Die Frage nach der Anzahl von Menschen ist bei den Grünen generell tabu. Am ehesten darf man noch fragen, wie groß eine Schulklasse sein darf. Aber auch das ist eine Pseudofrage, weil die Grünen, wie Susanne Wiesinger in ihrer schönen Bildungsfibel „Machtkampf im Ministerium“ schreibt, ihre Kinder auf Privatschulen schicken und deshalb keine Trivial-Probleme mit Klassenzahl und Migration haben.

Ach ja, die Stadt Innsbruck hat ja soeben die Privatschule Kettenbrücke gefördert, damit wenigstens die grünen Kinder eine gute Ausbildung im Sinne des Herrn haben.

Ein völliges Nogo ist die Frage, wie viel Migrationszuzug die Stadt zulassen soll. Wann immer im Fernsehen ein Schlauchboot auf dem Meer unterwegs ist, gibt der Bürgermeister eine Pressekonferenz und ruft: Die nehmen wir, wir sind eine reiche Stadt! Dabei hat er offensichtlich den geistigen Sprung vom Nationalrat auf die Ebene von Mühlau noch nicht geschafft.

Da sollte er vielleicht einmal mit jenen reden, denen er diese Menschen aufs Auge drücken will. Denn Integration heißt ja auch, dass die Bevölkerung aufgeklärt werden müsste.
Eine kluge Aufnahmepolitik bestünde darin, dass der Bürgermeister zuerst den Wohnraum schafft, was bekanntlich Jahrzehnte dauern kann. Ja und wo?

Innsbruck hat, was die Besiedlung betrifft, ein Flächenproblem, oder anders gesagt, Innsbruck ist durch das Gebirge verbaut. Daher darf man die Frage stellen, ob hier nicht ein Ende des Wachstums sein sollte. Ein indischer Virologe spricht angesichts des Virus-Desasters von der „Gnade, wenn man Abstand halten kann“.

Müsste angesichts der Abstandskultur nicht der Wohnbau überdacht werden? Wie viel Quadratmeter braucht ein Mensch, um ohne psychosoziale Schäden durchs Leben zu kommen?

50 Quadratmeter? Nur so als Überlegung, ein Auto kriegt ungeschaut 15 Quadratmeter, sobald man den Motor abstellt.

Ich selbst will schon seit Jahren am Zürcher Bahnhof in ein Penthouse, das mir ins Auge sticht. Ich habe einen Asylgrund, denn ich muss schon seit fast siebzig Jahre unter dem Regime der Einheitspartei leben. Aber glaubst du, die Schweizer ließen mich hinein? Kein einziger Zürcher Grüner, der sagt: Den nehmen wir, der kommt aus dem Wuhan der Alpen!

STICHPUNKT 20|18, verfasst am 22. Juni 2020

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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