Photo by Patrick Baum on Unsplash

Wessen Habitat ist die Alm?

4 Minuten Lesedauer

Also, ursprünglich war auf der Alm gar nichts, vermute ich einmal. Nach dem Rückgang der Gletscher streiften wilde Tiere wie Bären und Wölfe durchs Gebirge und suchten Fressbares. Später zogen auch die steinzeitlichen Jäger in die Höhenlagen, um das dort geschossene Wild ohne Fliegenprobleme als Bündnerfleisch, das damals natürlich noch nicht so hieß, für den Winter zu konservieren. Sehr viel später trieben arme Bauern ihr spärliches Vieh im Sommer in höhere Lagen, um genug Futter für die Tiere zusammenzubringen. Dann erst, vor noch nicht gar so langer Zeit, entdeckte man, dass man die dort gewonnene Milch, anstatt sie mühsam wieder vom Berg herunter zu karren, eigentlich auch einem hungrigen Wanderer gegen Geld verkaufen könnte, so der das wünschte. Somit kamen immer mehr Wanderer, denen die frische Sauermilch und der Almkäse mundeten und man machte aus der kargen Stube des Almhirten eine Wirtsstube und schaffte Bier und anderes, wie Speck und Essiggurkerl und  EU-konforme Dosenmilch, hinauf. So kamen auch die Tourismusverbände auf die Idee, die Almwege nicht nur fürs Vieh, sondern auch für Transporte und die Touristen auszubauen und zu bewerben. Und damit entstand der große Wanderer-Ansturm jeden Sommer und damit ein paar Probleme.

Die Agrargemeinschaften und Almbesitzer liebten zwar das Geld der Touristen, aber das Vieh liebte die Touristenmassen nicht immer gleichermaßen, weil man Geld ja nicht fressen kann bzw. weil das dem Vieh nicht schmeckt. Deshalb begannen die Tiere zu rebellieren, und die Bauern wunderten sich, dass sie auf einmal dafür haftbar sein sollten, wenn der eine oder andere Tourist beim Revierkampf zu Tode kam. Schließlich war das Vieh vor den Touristen auf der Alm gewesen, und dementsprechend hatte es die älteren Rechte, oder?

Und schließlich kam es noch schlimmer: Nun wanderten auch noch Bären und Wölfe in die Almen ein. Zugegeben, diese Tiere hatten die Berge lange vor dem Vieh einmal bewohnt. Aber weshalb hatte man sie mühsam ausgerottet, nur damit sie jetzt zurückkamen und im Flachland gezüchtete Schafe fraßen? Und es gibt doch tatsächlich Gesetze (natürlich international und ohne den österreichischen Bauernbund beschlossen), die es diesen bösen Viechern erlauben, dort oben zu wohnen und zu fressen, wie sie das seit Urzeiten getan haben! Hier haben doch jetzt die Bauern ihre wohlerworbenen und längst ersessenen Rechte! Also muss der Wolf weg, allein schon weil er, wenn er auf die Idee käme einen Rechtsanwalt zu kontaktieren, ältere Rechte als alle anderen geltend machen könnte! Und die überschüssigen Touristen müssen auch weg, wenn sie nicht ihr Geld abliefern, ohne eine Kuh zu stören. Und die Wolf-und Bärenbeauftragten sind sowieso mehr als übrig! Bleiben dürfen, in dem von ihnen annektierten Habitat, bloß die Bauern und ihr Vieh. Eindringlinge werden, alle seien gewarnt, kurzerhand „entnommen“! (Perspektivewechsel: denkt sich der Wolf über Eindringlinge womöglich soeben dasselbe?)

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin, tätig in der Flüchtlingsbetreuung und im Gemeinderat Sistrans. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code

Vorheriger Text

Die Wuhanisierung Innsbrucks

Nächster Text

Aufmüpfig! 5 Tiroler Kult(ur)-Zeitschriften

Aktuelles aus Kategorie

Die Grenze

Grenze auf. Grenze zu. Mal Staatsgrenzen. Mal Regionalgrenzen. Auch mal Grenzen des