Das Trauerspiel "Deutschsprachige Popmusik" hat endlich ein Ende!

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Die deutschsprachige Musik im erweiterten Pop-Kontext ist ein einziges Trauerspiel. Silbermond. Rosenstolz. Wanda. Madsen. Sportfreunde Stiller. Blumfeld. Tocotronic. Tomte. Alles, mit minimalen Abstufungen, grauenvoll und größtenteils unhörbar.
Einzig Jochen Distelmeyer von Blumfeld könnte ein klein wenig Respekt gezollt werden. Er hat textlich nämlich das geschafft, zu dem die patscherten und lyrisch unfähigen Sportfreunde Stiller und die unerträglich affektierten und intellektuell überfrachteten Tocotronic nie fähig waren: Direktheit und Klarheit. Einfachheit.
Kürzlich ist wieder so ein Musiker aufgetaucht, der dazu ebenfalls in der Lage zu sein scheint: Martin Klein. So etwas kommt fast immer wie ein Schock, ist eine Zäsur, etwas, das sich völlig unerwartet ereignet. Man liest von einer Platte, bekommt Empfehlungen von Menschen, denen man einen differenzierten und interessanten Musikgeschmack attestiert und folgt diesen Empfehlungen.
Doch der Moment zuhause allein mit einem Album ist etwas anderes. Die einsame Rezeption mit Kopfhörern lässt die Schwächen eines Albums in den Vordergrund rücken, die dezente Enttäuschung folgt meist nur wenig später.

Jochen Distelmeyer und die Band "Blumfeld" fanden in ihren besten Jahren zu einer beeindruckenden sprachlichen Klarheit (Bild: Wikipedia)
Jochen Distelmeyer und die Band „Blumfeld“ fanden in ihren besten Jahren zu einer beeindruckenden sprachlichen Klarheit (Bild: Wikipedia)

Warum aber macht die Band Blumfeld der Zeit von „Verbotene Früchte“ so hörbar und bemerkenswert, ganz im Gegensatz zu der überfrachteten Zeit, in der sie sich dem sogenannten „Diskurs-Pop“ zugehörig fühlten? Es ist ein ganz einfacher Kunstgriff. Distelmeyer lässt zu. Er will nichts forcieren oder erzwingen. Er wirkt nicht affektiert, gekünstelt, sondern gelassen.
In dieser Gelassenheit findet sich aber zugleich eine unglaubliche Präzision und ein immenser Wille, die Dinge beim Namen zu nennen. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Und wenn ein Mann durch den Schnee stapft, dann stapft er durch den Schnee. Es gibt keinen Grund, diese Beschreibungen mit Metaphern und klugen Zitaten aufzuladen. Die Sprache ist und die Welt ist. Sprache und Welt sind sich hier mehr oder weniger einig geworden oder setzen diese Harmonie zumindest überzeugend in Szene.

„Das Leben hat´s doch gut mit uns gemeint“ ist ein stilles Meisterwerk

Ein vergleichbarer Zustand wird bei dem aktuellen Album von Martin Klein erreicht. Wie in den besten Zeiten von Jochen Distelmeyer ist das „Ich“ in den Liedtexten von Martin Klein kein „Ego“. Es beobachtet, nimmt teil, leidet, fragt sich, ist glücklich. Es greift nur selten ein, lieber verbindet es sich mit der Welt.

Der Pianist Martin Klein erreicht mit seinem aktuellen Album eine unglaubliche Klarheit und Schönheit (Bild: www.martinklein.at)
Der Pianist Martin Klein erreicht mit seinem aktuellen Album eine unglaubliche Klarheit und Schönheit (Bild: www.martinklein.at)

„Die Wärme wird stärker und streift mich, die Nässe am Rücken versteckt sich – und in sich ruht die Welt.“ Im selben Lied „In sich ruht die Welt“ beschreibt das lyrische „Ich“ die Nachmittags-Sonne, das Licht, das im Salzkristall bricht.
Gleich im nächsten Lied stellt es fest, dass „Alles fließt“ nur um kurz darauf festzustellen, dass es das Leben doch  gut mit uns gemeint habe. Kein Wunder, denn „…die Kinder spielen barfuß und keines weint.“
Martin Klein beschwört das große Glück im Kleinen und leitet aus dem großen Glück ab, dass man sich auf die kleinen Dinge des Lebens konzentrieren sollte. Auf Alltägliches. Auf die Schönheit der Natur. Manchmal ist es auch wichtig, aus der eigenen Sprachlosigkeit auszubrechen und einen geliebten Menschen zu bitten, doch noch ein paar Stunden hier zu bleiben.
Darum geht es bei seinem brillanten Album „Das Leben hat´s doch gut mit uns gemeint“. Im Spannungsverhältnis zwischen die Dinge und die Welt einfach „Sein-Lassen“ und doch Einfluss zu nehmen entfaltet sich die ganz besondere „Magie“ dieser Aufnahme. Dieses Wort beschreibt es tatsächlich am besten.

Ein klein wenig peinlich mutet es an. Peinlichkeit ist aber nur eine relevante Kategorie, wenn das schreibende und dichtende Subjekt möglichst klug oder intellektuell wirken möchte. Es Dinge forciert.
Geht es hingegen mit der Welt und den Dingen gelassen um, findet es intuitiv, traumwandlerisch und selbstsicher die treffenden und richtigen Worte. Martin Kleins Texte sind direkt, klar, präzise und doch von einer Leichtigkeit durchdringen, die man in der deutschsprachigen Popmusik so schon länger nicht mehr gehört hat.
Ähnlich verhält es sich mit der musikalischen Ebene bei Martin Klein. Er hat kein Problem damit, manchmal auf das Nahliegende, Direkt und Unverstellte zuzugreifen. Klein ist ein Musiker, der nicht den abwegigsten Akkord oder das virtuoseste Piano-Motiv sucht. Seine Musik ist einfach da. Sie ist organisch, folgt einer Art Traumlogik, sie fließt, lässt zu.
Sie ist Popmusik, die eigentlich keine Popmusik ist. Sie vereint Elemente aus der klassischen Musik, aus dem Jazz und der Popmusik zu etwas sehr Eigenem, grundsätzlich überaus zugänglich Klingendem. Seine Musik beschränkt sich nicht, sein Spiel ist nicht eingeschränkt oder gar unbeholfen.
Wie seine Texte ist sie virtuos ohne virtuos sein zu wollen. Die Musik ist eine zärtliche, feinfühlige Hommage an die musikalischen Möglichkeiten, denen jegliches Muckertum und jegliche Selbstdarstellung ausgetrieben wurden. Er stellt sein Können in den Dienst der Lieder.
Dazu passt es auch ganz hervorragend, dass Martin Klein das Album in nur drei Stunden eingespielt hat. Stimme und Piano. Keine Overdubs. Keine Gimmicks und keine überzogene Studiotechnik. Nur die reine Musik, die reine Kunst. Nichts lenkt von seinen exzellenten Songs ab. Mit dieser Aufnahmetechnik erreicht er auch von der Klangästhetik her etwas, das den Songs überaus gut steht: Direktheit, Klarheit und Einfachheit.
„Das Leben hat´s doch gut mit uns gemeint“ ist eine große Platte. Weil sie gar nicht groß sein will, sondern bescheiden und zurückhaltend Musik anbietet, die auf allen Ebenen funktioniert und in sich stimmig ist – sowohl in textlicher, musikalischer als auch in produktionstechnischer Hinsicht.
Fazit: Dieses Album ist ein Glücksfall für die deutschsprachige „Popmusik“, der weite Kreise ziehen sollte. Man würde es dieser Platte und diesem Musiker wünschen. Ob er neben all der lauten Aufdringlichkeit von Wanda & Co. gehört wird? Ob seine Songs nicht zu zerbrechlich für die heutige Musikwelt sind? Es wird sich herausstellen.
Klar ist jedenfalls schon einmal, dass das Wort „Kleinod“, das an anderer Stelle schon in Zusammenhang mit seinen Alben und seinen Songs gefallen ist, diese Musik perfekt beschreibt. Man möchte diese zarte und zugleich eindrucksvolle Musik, der jegliches effektheischen fremd ist, nur für sie haben – und würde sich dennoch freuen, wenn sie den Erfolg hätte, der ihr eigentlich zusteht.

Titelbild: www.martinklein.at

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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