Bin ich jetzt ein Zombie?

Über Politik, Kreaturen und die gute, alte Studienzeit.

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Früher, während meiner Schulzeit, habe ich mich über drei Dinge definiert. Meine Freunde, meinen Wintermantel, den ich selbst im Hochsommer und in geschlossenen Räumen trug und die Tatsache, dass ich politisch interessiert war. Unpolitische Menschen waren aus meiner Sicht zombieähnliche Kreaturen, die ihr Leben längst aufgegeben hatten. Wie konnte man in einer Welt leben und sich nicht dafür interessieren sie zu einem besseren Ort zu machen?

An der Uni wurde ich vom politisch interessierten Schüler zum politisch aktiven Studenten und engagierte mich in der, gerne als ÖVP-nahe bezeichneten, AktionsGemeinschaft. Unsere Mission: möglichst viele Mandate an der Österreichischen Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft (kurz ÖH) erringen. Es waren wilde Jahre voller Feiern, Wahlkämpfen und stundenlangen, hochemotionalen Grundsatzdiskussionen. Die VAUSTLER (VSSTÖ – Verband sozialistischer Student_Innen in Österreich) und GRASLER (PUFL-GRAS – Grüne und Alternative Student_innen) waren nicht nur Mitkonkurrenten um die Gunst der Kommilitonen, sondern waschechte Totfeinde.

Zweijährlich fand diese Rivalität – in der Nacht vor dem offiziellen Wahlkampfauftakt – ihren absoluten Höhepunkt. Punkt zehn Uhr am Vormittag – des darauffolgenden Tages – durften die Plakatständer aufgestellt werden. Naturgemäß gab es beliebte und weniger beliebte Plätze. Um jeglichen Missbrauch zu verhindern und um ja die prominentesten Plätze zu ergattern, übernachteten wir in der gespenstisch ruhigen, stockdunklen Uni. Auf dem Boden lauernd (Anm. Es existieren Fotos) warteten wir auf die roten und grünen Gespenster, die zu unserer Enttäuschung nie auftauchten. Einen Adrenalinkick wie in jener Nacht, habe ich trotzdem nie wieder erlebt.

Ich war am Höhepunkt meines (partei-)politischen Engagements, meines Egos und hätte wenige Monate später, während der „Uni brennt“-Bewegung und Uni-Besetzungen fast eine meiner langjährigsten Freundschaften riskiert. Ich war zielorientiert, bereit Opfer zu bringen, meiner Gruppe und meinen Idealen verpflichtet. Ein post-pubertärer Soldat voller Überzeugungen und ohne Rücksicht auf Verluste.

Auch heute bin ich noch ein politisch interessierter Mensch, voller Ideale. Und gleichzeitig schaue ich nicht mal mehr fern. Keine Nachrichten. Keine Sommergespräche. Keinen Report. Stattdessen baller‘ ich mir, im Dämmerzustand zwischen Feierabend und Nachtruhe, eine Serie nach der anderen rein. Leicht verdauliche, zwanzigminütige Happen voller mexikanischer Telenovelas, deutscher Höhlen und amerikanischer Polizeidienststellen. Ich definiere mich längst nicht mehr über mein politisches Interesse. Zeiten ändern sich. Auch mein Wollmantel hat ausgedient. Letztens habe ich mir sogar Leinwände und Acrylfarben gekauft. Jetzt kann ich mir meine ganz eigene Realität her-malen. Auch eine Möglichkeit, um die Welt – einen Pinselstrich weit – besser zu machen.

Mein 16-jähriges Ich würde sich vor mir gruseln.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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