(c) Helmuth Schönauer

Der Riesenverlag

5 Minuten Lesedauer

Chinesische Regierung stellt China-Literatur in der Buchhandelskette Thalia auf! – Mit dieser Schlagzeile sollte gleich zweifach das freie Herz des aufgeklärten Lesers angesprochen werden. Einmal wird jener Ekel angesprochen den Literatur auslöst, wenn sich eine Diktatur darum kümmert. Zum anderen wird mit dem Diktum gewarnt, dass sich Massenliteratur in einer Massenbuchhandlung nicht für einen einzelnen Leser eignet. Die aufgeklärten Leser freilich wissen längst, wie der Literaturmarkt funktioniert und gehen ihm auch aus dem Weg. Bücher werden ja ohnehin nur mehr zu Geschenkzwecken als Mitbringsel gekauft, und da macht es nichts aus, wenn nichts von den Uiguren im chinesischen Regal steht. 

Interessant wird die Schlagzeile freilich, wenn man sie auf Tirol umlegt. Über den Tiroler Buchhandel gibt es ja längst den schönen Witz: „Was ist der Unterschied zwischen einem kurzen und einem langen Regal? – Im langen stehen mehr Felix Mitterer drin!“ Befeuert wird dieser Witz durch eine Konzentration des literarischen Geschehens, die es durchaus mit der chinesischen Staatsregierung aufnehmen kann. Einheitsverlag, Einheitsbuchhandlung und Einheitsdichter sind zu einer Einheit zusammengeführt, das ganze nennt sich „Riesenverlag“, der nach einem lokalen Riesen benannt ist. Im Mittelpunkt des Geschehens steht dabei Felix Mitterer, der stündlich seine Befindlichkeit und seinen Wohnort an die Öffentlichkeit plärrt und dabei auf die Aufführung eines seiner katholischen Stücke im nächstgelegenen Gemeindesaal hinweist. Zu allen Themen wie Beichte, Taufe und Krach im Hause Gottes gibt es mittlerweile passende Theaterstücke, die auch gedruckt in den Tirol-Regalen stehen wie früher das Gotteslob des seligen Verlages Felizian Rauch.

Der Riesenverlag wird dabei unterstützt von der Einheitszeitung „Touristisches Tagblatt“, das täglich vom inneren und äußeren Outfit des kindlichen Siebzigers berichtet. Es gibt kaum ein Ereignis, das das Land berührt, welches nicht mit der Aussicht abgeschlossen wird, dass demnächst der Felix etwas daraus für die Ewigkeit machen wird. 

Der zweite große Hebstecken dieser Promotion ist der Öffentlich-Rechtliche, im Landesstudio hat man sogar einen eigenen Redakteur für die Theaterstücke abgestellt. Während des Jahres begleitet dieser auch das Passionsspieldorf Erl, das Tag und Nacht einen Felix vorbereitet. „Mich dürstet! Wirst du mich dreimal verraten? Der Hahn kräht!“ 

Im Hintergrund des ganzen steht der Riesenverlag, der mittlerweile kein Programm mehr hat, außer sein Zugpferd zu promoten, wie er es früher mit dem im Öffentlich-Rechtlichen auftretenden „Herrn Komarek“ getan hat Dieser ließ wenigstens seinen Helden jahrelang versoffen in einem Weinkeller dahindämmern, bis auch der letzte Leser seinen Sud hatte. 

Weil man in Tirol für alles, was man sagen will, einen touristischen Vergleich braucht: Dieser Riesenverlag ist nach der Methode „Ballermann“ aufgebaut, vom gröhlenden Beisammen-Stehen der oft blutigen Bücher geht naturgemäß große Ansteckungsgefahr aus. Nicht umsonst produziert er in der lesetoten Zeit Krimis mit abgerundeten Ecken, damit man sich beim Weiterblättern nicht die Augen aussticht. 

Den Tiroler Autoren, die nicht Felix heißen, ergeht es bei diesem Literaturbetrieb wie den Uiguren: Sie kommen nicht vor und werden höchstens im feindlichen Ausland gedruckt, wenn sie die Kassiber außer Landes schmuggeln können. 

In der globalisierten Welt ist auch die Provinz streng nach Marktgesetzen aufgebaut. Es gilt die eherne Bauernregel, dass Kühe immer auf den größeren Misthaufen scheißen, wenn sie eine Wahl haben. In Tirol hat man nicht einmal eine Wahl. Längst gilt es überall als perfekter Asylgrund, wenn man nach der Flucht sagt: Ich habe siebzig Jahre unter einer Einheitspartei leben müssen! 

Ein grüner Mediator regt übrigens zur Beruhigung der aufgekratzten Stimmung an, der Riesenverlag möge eine Edition Versöhnung machen, in der alle erscheinen, die er gekündigt, abgemurkst oder in die Flucht geschlagen hat. Das wäre ein fettes Programm, das aber wohl wieder die Einheitspartei finanzieren müsste, damit der Riesenverlag auch in der Versöhnung sein großes Geschäft machen könnte.

STICHPUNKT 20|31, verfasst am 28. September 2020

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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