Tiroler Gegenwartsliteratur 2448: Sturmtänzer

21. April 2026
3 mins read
Foto (c) Helmuth Schönauer

Auch fürs Lesen gilt: Das Auge isst mit! – In den letzten Jahren ist um diese Erkenntnis herum geradezu ein Hype entstanden. In der wertschätzenden Atmosphäre für das Kulturgut Buch hat sich eine klandestine Form der Literatur entwickelt, nämlich die „haptische Fantasy“.

Matthias Daxer versucht mit seiner mehrteiligen Komposition „Sturmtänzer“ die Kernelemente von Fantasy mit den Mythen der Alpen zu vermischen. Es geht bei ihm nicht um herumschwirrende Fantasie-Ritter, sondern um jene seltsam realistischen Sagen und Mythen, die im Land vorhanden sind und mit etwas Glück auch an die jeweils jüngste Generation weitererzählt werden.

Spezialgebiete der Literatur, wie es etwa Lyrik, Graphic-Novel, Gaming-Fiction oder eben Fantasy sind, verlangen auch eine spezielle Art der Rezension. Als hilfreich für den Diskurs hat sich dabei die Beobachtung der drei Felder herausgestellt: a) Community, b) Verknüpfung mit der realen Welt und c) fiktionaler Mehrwert.

– a) Was die Community betrifft, so erfüllt das Buch „Sturmtänzer“ alle Voraussetzungen für ein Glücksgefühl. Die Aufmachung ist aufwändig und optisch und haptisch spektakulär, man sagt diesem Typus Buch nach, dass es vor allem auf das Design drauf ankommt, das oft dadurch zerstört wird, dass das Buch geöffnet wird. Eine Hauptinformation liegt zudem in der Gestaltung des Buchschnitts, dessen knallige Gestaltung geradezu obligat ist.
So werden diese Bücher auch eher vom Eindruck im Regal aus bewertet als aus dem Blickwinkel eines einzelnen Werkes mit allen Handicaps der Abnützung und Brüchen am Buchrücken.
Die Community spricht dann auch primär über den Kult, den man mit diesen Büchern betreiben kann, und weniger über den Inhalt, den man sich einverleibt hat. Ein verbindendes Element dieser Gemeinschaft der Fantasy-Freunde ist auch die Lust, dieses Buch zu besitzen und als Einzelmeditation abzuarbeiten. Öffentlicher Diskurs, wie er etwa in Bibliotheken stattfindet, ist nicht das erste Ziel dieser Literatur.

– b) Unter Verknüpfung mit der realen Welt versteht man jene Scharniere, die zwischen einzelnen virtuellen Welten gelegt sind, von denen man annimmt, dass eine davon jene ist, in der wir Lesende uns aufhalten und miteinander kommunizieren.
Eine Hauptrolle spielt dabei die Erzählposition, mit der die Geschichte vorgetragen wird.
Im Fall der „Sturmtänzer“ besteht der Plot ersten Grades darin, dass der Held Leon beim Tod des Großvaters einen Packen Briefe überantwortet bekommt, die er zu enträtseln versucht. Dabei stößt er auf mysteriöse Berichte einer Kindesentführung in Innsbruck, die nie geklärt worden ist. Aus ersten Nachfragen ergibt sich die Vermutung, dass dieses verschollene Kind seine Schwester Mela ist. Diese taucht dann im zweiten Kapitel wie selbstverständlich auf, um die Handlung mit dem Ersteingeführten geschwisterlich voranzutreiben.
Die Verknüpfungen dieser erzählten konventionellen Welt mit diversen Unter- oder Hinterwelten geschieht vorerst schleichend.
Anlässlich einer Recherche in der Stadtbibliothek fliegt diese nach einem Gasleck in die Luft, der darin sitzende Held glaubt jedoch, der gefürchtete Avergeist (57) habe zugeschlagen.
Aus dem angefügten Glossar geht hervor, dass mit dieser realen Welt des Ersterzählers die Mythen von Perchten, Saligen, Raunächten, Eismandl, Habergeiß oder Frau Hitt durchaus nachvollziehbar verbunden sind.

– c) Unter fiktionalem Mehrwert lässt sich jenes Phänomen beschreiben, wonach ähnlich dem Wasser in einem Pool zwar der Nutzen von Wärme, Feuchtigkeit und Geschmeidigkeit auf der Haut als Glückserlebnis als gesichert gilt, die einzelnen Teile dieses Gefühls aber in eine Masse aus singulären Nullsätzen münden, die je nach Tagesverfassung und Laune ständig ihre Konsistenz wechseln, etwa wie die Quanten in der Physik.
Diese Welten abgeleiteter Fiktionen lassen sich zwar beschreiben, aber sie ergeben keinen literarischen Sinn.
Aus dem Glossar lassen sich sogar sieben dieser Welten ableiten: Menschenwelt | Schattenwelt | Satori | Wildeornes | Wizzenwelt | Arsdonum und Ätherwelt.
Es bleibt eine Geschmackssache, inwiefern man in diese Fantasiegebilde eindringen will, die ja als Ganzes das Glücksgefühl beim Lesen und Schreiben von Fantasy zum Ausdruck bringen. In einem Bonmot sagt man darüber: Du musst Fantasy mit geschlossenen Augen lesen, um in den Sog ihres Sounds zu gelangen.

Matthias Daxers „Sturmtänzer“ befriedigen Benutzer all dieser drei Felder professionell. Manchmal rutscht man als Leser aus diesem Haltegerüst heraus und ertappt sich bei recht frechen Analysen. So sind die Figuren durch die Bank humorlos, eindimensional und hektisch gestaltet, darin ähneln sie schnell geschnittenen Filmen, bei denen man kein Geld hatte, die einzelnen Szenen halbwegs würdig auszugestalten. Der Speed und die atemlosen Sätze lassen erahnen, dass man dieses Buch auch als Keyboard für ein rasendes Spiel lesen könnte.

Und dann gibt es gewisse Standardsätze, die man bei einigem guten Willen auch als großartige Nullbotschaften deuten könnte. „Ihr habt keine Ahnung, mit welchen Kräften ihr spielt!“ (130) ‒ Sturmtänzer sind übrigens „ein eingebildetes Volk, das zwischen Zeiten und Welten umherreist und Seelen an den Avergeist überbringt“. Früher einmal galten sie als eine edle und weise Gesellschaft, mittlerweile verbreitet man über sie nur noch romantisches Gewäsch. (162)

Matthias Daxer: Sturmtänzer. Roman. Teil I.
St. Johann: Verlag Hannes Hofinger 2025. 436 Seiten. EUR 26,-. ISBN: 978-3-9505702-3-6. 
Matthias Daxer, geb. 1994, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 06/04/26

*Hinweis der Redaktion: Die Rezension bezieht sich auf Teil I. Teil II des Buches wurde nicht behandelt

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 60 Bücher, u.a.:
* BIP | Buch in Pension | Sechs Bände. (2020-2026)
* Happy Hölle Tirol | Galgenhumor auf der Tirolic. (2026)
* Leck Tirol. | Aus einem kaputten Lokalsender. (2025)
* over-tyroled. | Geheimnisse aus Trash-Tirol. (2024)
* Austrian Beat 2. [Hg. Schneitter, Schönauer, Pointl] (2023)

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Vorheriger Artikel

Windmühlenturbo

Nächster Artikel

Haiku für Julia G.

Latest from Literatur