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Wann Kabarett tatsächlich relevant ist

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Bei einem einigermaßen bekannten Tiroler Kabarettisten, nennen wir ihn Martin T, versammelt sich bei jedem neuen Kabarett-Streich geschlossen die Tiroler Polit-Opposition, Zeitgenossen aus dem politisch linken Spektrum und selbsternannte kritische Personen.

Bei den Gags von Martin T wird kräftig applaudiert. Martin haut auf die richtigen Personen hin, bringt Humor für vermeintlich Bessergebildete, die selbstverständlich keinen Schlager hören und noch nie in ihrem Leben in einer Aprés-Ski-Bar waren.

Beim Klatschen weiß man dann nur sehr selten, wem eigentlich applaudiert wird. Ob der Applaus dem zugegebenermaßen schauspielerisch begabten Mann auf der Bühne gilt oder der eigenen „richtigen“ Haltung.

Es ist jedenfalls Lachen und Humor mit und in einem klaren Rahmen. Lachen mit intellektuellem Sicherheitskonzept und geistigem Geländer, an dem man sich gemütlich entlangbewegen kann. Gelacht seitens des Publikums wird dann besonders laut, wenn der Erwartungsrahmen möglichst gut gefüllt und erfüllt sind. Es gilt dabei Missverständnisse und Doppelbödigkeiten auszuschalten und zugleich die Zielgruppe stets fest im Auge zu behalten.

Nach einem solchen Abend geht diese bestens unterhalten und gestärkt in ihren Werten aus dem Saal. Irritationen gab es keine. Forciert wurde höchstens die Dichotomie zwischen dem „Wir“ und dem „Die Anderen“.

Vielmehr ist es aber die Aufgabe eines guten Kabaretts diese Grenzen zu verwischen. Zweifel aufkommen zu lassen. Darüber, ob man wirklich auf der richtigen Seite steht. Die Pointen müssen treffen, allerdings nicht als punktgenaue Geschosse zur Stärkung der eigenen Haltung und der eigenen eindeutigen Verortung.

Gutes Kabarett, und gute Kunst generell, lebt von der Grenzüberschreitung und von der messerscharfen Ausformulierung von Denkmustern und Pointen, die Gewissheiten ins Wanken bringen und deren eindeutige Zuordnung schwerfällt. Dadurch erschafft der Kabarettist Momente, bei denen unklar ist, ob man lachen oder weinen, klatschen oder schweigen soll.

Martin T ist also ein guter Unterhalter aber kein wirklich relevanter Kabarettist. Vielleicht noch ein Witzemacher für eine klar umrissene Zielgruppe. Die Gags sind zwar präzise gearbeitet, haben aber klare Absichten und sind den Erwartungshaltungen des eigenen Publikums quasi auf den Leib geschrieben. Kabarett kann und muss mehr sein.

Was auf Martin T zutrifft, trifft auf etwa 95 Prozent der österreichischen Kabarett-Szene zu. Bedauerlich, aber leider status quo. Lisa E. ist da eine löbliche Ausnahme.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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