Das Böse im Superlativ

2. März 2026
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Foto von Natilyn Hicks Photography auf Unsplash

Der Superlativ selbst ist eigentlich unschuldig. Doch Dummköpfe und Großmäuler führen ihn unbedacht im Mund und er wird von Dummköpfen wortwörtlich genommen. (Zudem: Dummköpfe gab es leider in jeder Periode der Menschheitsgeschichte im Übermaß.) Der Superlativ ist deshalb die schlechteste Spracherfindung, die es gibt. Er hat zu allen Zeiten nur Unheil gebracht. Und doch kann er so wenig für seine unglückselige Existenz wie Luzifer für die seine.

Schon die Antike kannte die größten aller Helden, die an ihrem absoluten Anspruch tragisch scheiterten. Die Monarchien des 18. Jahrhunderts endeten mit ihren Superlativen und dem dazugehörigen Absolutheitsanspruch in zerstörerischen Revolutionen. Das Tausendjährige Reich, mit allen Superlativen angetreten, überdauerte gerade einmal 10 Jahre bis zu seinem Zusammenbruch in weltweitem Desaster. Heute glauben dennoch sogar wieder die kleinsten Lichter, sich mit Superlativen schmücken zu müssen und ihre Gegner mit schlimmsten Superlativen besiegen zu können. (Man zähle bloß einmal die Superlative in Reden von AfD- und FPÖ-„Granden“!)

Doch:

Nach der dritten Steigerungsstufe geht es nicht mehr weiter. Das wissen Bergbewohner. Das weiß jedes Kind. Nach Erreichen des Gipfels geht es bergab. Einmal schneller, einmal langsamer. Aber immer abwärts. Nicht nur am Berg. Nicht nur in der Politik.

Der verwegenste Stratosphärenspringer, vom Superlativsammler Mateschitz, dem reichsten Mann Österreichs gesponsert, stürzte letztlich würdelos neben einem Hotelpool zu Tode; und die größte Schifahrerin aller Zeiten fädelte beim ersten Tor ihres superlativisch geplanten Comebacks ein und musste im Akia ihren Abschied nehmen. Der erfolgreichste Geschäftsmann Österreichs sitzt im Gefängnis. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Deshalb haben kluge Zivilisationen stets das Superlativische – das Absolute, das Höchste, das Heiligste – das Göttliche — mit einem Tabu belegt. Wer gegen diese Anordnung verstieß, wurde von den (stets unerreichbaren) Göttern bestraft. Doch die Menschen vergessen das immer einmal wieder. Das Guinnessbuch der Rekorde ist die Bibel des kleinen Mannes. Und die Reichsten und Mächtigsten glauben, mit ihrer Superlativjagd unbeschadet davonzukommen. Dabei ist ihnen das Scheitern schon eingeschrieben.

Steht nicht seit zwei Tagen  die mächtigste Armee aller Zeiten als „the greatest scoop in history“ Nahen Osten (wie übrigens schon einmal — Resultat bekannt) und bekämpft mit „Epic Fury“ das böseste Reich aller Zeiten? With God on our side gegen den Gottesstaat! Der „mächtigste Mann der Welt“ gegen den „Obersten Führer“! Doch nur im Film übersteht ein unverletzlicher James Bond strahlend solche Kämpfe. Die alten Mythen sehen das realistischer: Die Allerstärksten, Allerberühmtesten, Hector und Achill, endeten am Höhepunkt ihrer Aspirationen. Luzifer strebte nach Göttlichkeit und stürzte sich und die Welt in die Hölle. Der Superlativ zerstiebt stets im Moment des allerhellsten Leuchtfeuers, in der Explosion seines vermeintlichen Triumphes.

Fürchten wir also den Superlativ. Vermeiden wir seine trügerischen Himmelsversprechen. Schrecklich und zerstörerisch ist das Absolute. Hoffen wir nicht auf einen Himmel auf Erden, denn er beinhaltet das Inferno. Erklären wir lieber den Komparativ zu unserer Maxime: Streben wir danach, besser, klüger, schneller, was auch immer zu werden  – ohne je auf ein Ende zu hoffen.

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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