Die Kirchturmuhr wird vom Display an der Haltestelle ergänzt.
Wenn du wissen willst, wie alt jemand ist, lass dir erzählen, woran sie bemerkt haben, ob sie zu spät dran sind.
Die ganz Alten werden sagen, sie waren noch nie zu spät, weil sie eine innere Uhr hätten.
Die Boomer werden sagen, dass es auf ihrem Schulweg tatsächlich noch eine Kirchturmuhr gegeben hat, die als erstes zuschlug, ehe es die Lehrkraft tat.
Spätere, also jüngere Generationen, berichten vom Siegeszug der digitalen Zeitangabe.
Erst war es nur die Sparkasse, die öffentlich Zeit zur Schau stellte, um zu zeigen, wie schnell sich Geld verzinsen kann, wenn man ein Sparefroh ist.
Dann kamen die öffentlichen Haltestellen ins Spiel, die unter den Laufzeilen mit Verspätungen durchaus eine sogenannte Echtzeit angaben.
Und die letzten Schreie der Zeitmessung sind ohnehin das Display im Innern des BYD, der einen wortlos zur Schule bringt, sowie das Display eines Schul-Tablets, wo die nächste Pause angezeigt wird.
2.
Hinter all diesen Zeitmessungen steckt die Sehnsucht nach Ordnung. Nicht umsonst geht die öffentliche Zeitmessung auf die Erfindung der Eisenbahn zurück, als man zumindest entlang der Strecke am gleichen Zeitstrang ziehen musste.
Der Sinn dieser allgemeinen Verständigung lag freilich darin, dass alle entlang der öffentlichen Einrichtung rechtzeitig mitbekamen, wann Krieg ist. Zu diesem Zweck wurde eine Kriegsfahne unter der Uhr aufgehängt, sodass die Rekruten von überall zusteigen konnten.
Diese Kriegsfahne ist übrigens heutzutage an manchen Tankstellen ausgehängt in Gestalt des Dieselpreises.
Wenn dieser eine bestimmte Höhe erreicht, wissen die Rekruten des Konsums, dass sie das nächstbeste Öffi nehmen müssen, egal an welche Front dieses fährt.
3.
Meine Lieblingslinie „T“ fährt von einem Konsumparadies zum anderen, und ich kann in der Mitte dieser Paradieslinie zusteigen.
Dann überrasche ich mich selbst, indem ich entweder ins DEZ in den Osten oder ins CYTA in den Westen fahre.
Es gibt dort überall das gleiche, das gibt Halt.
Zu Kindern sagt man oft „Handi geben!“, wenn es gefährlich wird. Diesen Halt gibt freilich auch die Buslinie. Nicht nur, weil in den Fahrgasträumen ordentlich Haltegriffe ausgelegt sind, sondern auch durch einen Fahrplan, der verlässlicher ist als der Lauf der Sonne.
Als neulich im Bus vor dem Altersheim ein Kühlschlauch platzte und er w.o. geben musste, hatte die IVB-Zentrale innerhalb von zehn Minuten einen T-Ersatzbus parat und fuhr weiter, als sei nichts geschehen.
So eine Verlässlichkeit gibt Halt. Nicht nur uns Alten, die von der Zeit beinahe schon gebrochen sind, sondern auch der aktiven Gesellschaft, die sich gerade auf Kriegswirtschaft einstellen muss, zumindest wenn es nach den Tankstellen geht.
Der Öffi hat sich als Kirchenersatz bestens bewährt. Während dort die einen massenhaft austreten, um nicht mehr auf die Kirchturmuhr schauen zu müssen, kaufen die anderen massenhaft Klimatickets, um in den Genuss der Öffis mit verlässlichen Fahrplänen zu gelangen.
STICHPUNKT 26|32, geschrieben am 21.04. 2026