Der Krieg ist schon an den Zapfsäulen, bald wird er in den Wohnungen sein.
In Krisenzeiten werden die alten Familienchroniken hervorgeholt, wo in zerfledderten Schriften jemand aufgeschrieben hat, wie schwierig es ist, den Alltag zu bewältigen mit Essensmarken und Berechtigungsschein für den Bunker.
Wie weit die Kriegsvorbereitungen einer Epoche gediehen sind, zeigt sich an den privaten Schriften, die zunehmend geheim geschrieben werden in der Hoffnung, dass die übernächste Generation daraus einmal Dissertationen macht, wenn es dann überhaupt noch ein akademisches Leben gibt.
Die meisten dieser Schriften sind mittlerweile in den Archiven eingelagert und werden zu Forschungszwecken und an Gedenktagen kurz herausgeholt aus den feuerfesten Schatullen.
Den Nachfahren stellt sich in einer Forschungspause die Frage, wie man das Aufgeschriebene retten könnte im nächsten Krieg, wenn sich auch die Clouds in Schall und Rauch aufgelöst haben wie alles Papierene, das noch herumliegt.
Manchmal juckt es die Forschenden, selbst ein paar Zeilen zu schreiben, für die Cloud, für die Enkel, oder auch nur, um die Tinte in der therapeutischen Füllfeder flüssig zu halten.
Aus einem digitalen Tagebuch in einer verschollenen Cloud:
April 2026 – Unser Allerheiligstes, der Spritpreis, wankt und wir geraten in Panik!
Bald wird der Dieselpreis auf fünf Euro klettern.
Schon jetzt bringen sich fallweise angesehene Leute um, weil sie sich den Spritpreis nicht mehr leisten können.
Die Regierung versucht, mit schönen Worten zu beruhigen und will fünf Cent pro Liter aus der Staatskasse beisteuern.
Was aber, wenn es keinen Krieg gibt, der uns alle umbringt und die Schulden tilgt?
Dann müssen unsere Nachkommen die Schulden zahlen und auch noch unsere Schriften lesen, falls diese das digitale Inferno überleben.
Überall wird geredet, was man machen könnte, aber alle bleiben deprimiert.
Am ehesten scheint noch der Tankwart in der Nachbarschaft Hoffnung zu vermitteln.
Er hat den Zapfschlauch, der üblicherweise drei bis vier Meter lang ist, um zehn Zentimeter gekürzt.
So verdunstet nicht mehr so viel Sprit im Tankschlauch, während wir tanken, sagt er.
Er gibt zwar etwas Hoffnung, aber schon zu Mittag sind wir wieder depressiv, wenn an der Schautafel die Preise für den Sprit abermals erhöht werden.
STICHPUNKT 26|28, geschrieben am 31.03. 2026