Die Leute glauben bzw. man macht die Leute glauben, wir Österreicher lebten friedlich in einem schönen, friedlichen Almenland. Dabei ist unser Leben täglich gefährdet. Von Schwarzvieh, Rotvieh, aber hauptsächlich vom hierzulande weitverbreiteten Braunvieh, das noch immer für eine harmlose Haustierrasse gehalten wird. Schon auf ausgeschilderten, vielbegangenen Wanderwegen muss der Arglose mit Angriffen rechnen. Aber das darf man ja nicht laut sagen. Und was man nicht laut sagen kann, dagegen kann man auch nichts unternehmen. Und wenn man nichts unternehmen kann oder will, beruft man sich auf die Eigenverantwortung des Bürgers. Schließlich leben wir in einem liberalen Staat, in dem jeder für sich selbst verantwortlich sei. Bis auf die Rindviecher eben. Die sind für gar nichts verantwortlich. Für die sind nicht einmal ihre Züchter und Halter verantwortlich.
Immer wenn uns also eine Anschlagtafel mit Hinweis auf die Eigenverantwortung begegnet, sollten wir vorsichtig werden. Besonders in bäuerlichen Weidegebieten. Denn Bauernland ist in Bauernhand, und Rindviecher haben in Österreich seit Jahrzehnten Narrenfreiheit, das sollte man wissen. Sollte dir also hierzulande ein wutschnaubendes Rind den Weg zum erstrebten Ziel verstellen, hast du so lange steif und fest zu verharren, bis dem Rindvieh die Wegelagerei zu blöd wird. Wenn nicht, ertrage die Konsequenzen. Dann kommst du eben nie dort an, wo der Weg dich und andere hätte hinführen sollen, wie es groß am Wegweiser angeschrieben stand.
Versuchst du trotzdem, diesen Weg zu beschreiten, weil es der einzig zielführende ist, so wisse: Du tust das auf eigene Verantwortung. Wenn etwas schiefgeht, ist das Opfer schuld. Denn man hatte a) jemanden oder etwas dabei, der oder was das Vieh scheu machte (ein Hund, eine falsch farbige Parteikappe, eine Jacke mit unerwünschtem Logo) und wurde deshalb attackiert; oder b) man überholte die trägen Rindviecher zu schnell (z.B. mit einem Öko-Fahrrad oder gar als proletarischer Fußgänger), was diese naturgemäß erschreckt; oder c) man kam einfach zu einem ungünstigen Zeitpunkt des Weges, weil das Vieh wegen interner Querelen und der mageren Wiesen gerade schlecht gelaunt war.
Also am besten, du nimmst dir in diesem Land gar nicht erst vor, hoch hinaus zu wollen, oder ein ferngestecktes Ziel erreichen zu wollen. Es gibt einfach noch zu viel Rindviecher, die dem Fortschritt im Weg stehen. Deshalb kommen wir in Österreich auch nie dort an, wo wir eigentlich hinsollten. Es gibt zwar EU-Richtlinien, auch österreichische Gesetze und Verordnungen, aber die werden halt nicht ausgeführt. Es werden bloß die erforderlichen Schilder aufgestellt, und dann entscheidet jeder in Eigenverantwortung, dass er sich nicht daran halten will. Und die Rindviecher selbst lesen die sie betreffenden Schilder einfach nicht. Wichtig jedoch für allfällige Strafverfahren: man hat das Papier öffentlich ausgehängt. Wenn dann zielstrebige Menschen zu Schaden oder gar zu Tode kommen, haben die eben selber was falsch gemacht, einen Weg eingeschlagen, bei dem sie unbotmäßig die auf altgewohnten Almwiesen grasenden Rindviecher in ihrer ewigen Ruhe aufstörten. Die Leute hätten ja anders wählen können.