Verantwortung ist der Preis der Freiheit

Warum sich liberale Gesellschaften nicht von selbst tragen
10. Juni 2026
7 mins read

Liberale Gesellschaften erscheinen uns oft als natürlicher Zustand moderner Zivilisation. Als Endpunkt einer Entwicklung, die mit der Aufklärung begann und in Rechtsstaat, Demokratie und Marktwirtschaft ihre überzeugendste Form gefunden hat. Doch dieser Eindruck täuscht: Freiheit ist kein Gleichgewicht, das sich von selbst erhält. Sie ist ein Zustand, der von Menschen getragen werden muss, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

In seinen letzten Lebensjahren lässt Fjodor Dostojewski den Starez Sossima – ein geistlicher Altvater der russisch-orthodoxen Tradition – in den Brüdern Karamasow eine Diagnose formulieren, die mich nicht losgelassen hat. Ich paraphrasiere: Die moderne Welt hat Freiheit mit der Befriedigung immer neuer Bedürfnisse verwechselt. Doch wer seine Wünsche ständig vermehrt, wird nicht freier, sondern abhängiger. Aus der versprochenen Freiheit werden Neid, Einsamkeit und innere Unfreiheit. Der Mensch, dem man sagte, er dürfe alles wollen, verlernt zunehmend, warum er überhaupt etwas will. Flankiert werden diese Ausführungen in Dostojewskis letzten und meines Erachtens großartigsten Roman von der schonungslosen Parabel vom Großinquisitor, die sich mit einer zentralen Herausforderung der Moderne auseinandersetzt: Moralischer Verantwortung des Einzelnen ohne metaphysische Absicherung – also ohne absolute bzw. objektiv garantierte Moral.

Ich denke oft an diese Passagen, wenn ich die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre beobachte. Der Liberalismus – die ideelle Grundlage unserer westlichen Demokratien – wirkt ermüdet, ausgehöhlt und unter Druck. Vieles deutet darauf hin, dass das keine Randbeobachtung mehr ist, sondern vielmehr eine strukturelle Krise.

Freiheit als historische Ausnahme

Liberalismus und seine Grundprinzipien – so insbesondere universelle Menschenrechte, demokratische politische Teilhabe, Rechtsstaat, Marktwirtschaft und Eigentumsrechte – sind kein Naturgesetz. Sie sind, historisch betrachtet, eine absolute Ausnahme. Wir leben in einem Wimpernschlag der Menschheitsgeschichte, in dem diesen Werten in unseren westlichen Gesellschaften eine herausragende Stellung eingeräumt wurde. Dies als Ergebnis eines jahrhundertelangen Kampfes, bürgerlicher Revolutionen und der Kumulation vieler mühsam errungener Kompromisse.

Vor allem in den letzten Jahren wurde die 1989 vom US-amerikanischen Politologen Francis Fukuyama getätigte Diagnose, dass nunmehr das Ende der Geschichte – gemeint im Sinne des Ideenstreits, wie menschliche Gesellschaften organisiert sein sollen – erreicht ist, vielbemüht. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus sei, so damals Fukuyama, keine überzeugende ideologische Alternative zur liberalen Demokratie in Verbindung mit Marktwirtschaft mehr übriggeblieben.

Vielbemüht ist dieser Ausspruch inzwischen nicht deswegen, weil sich die Prognose bewahrheiten sollte, sondern weil sie wohl verfrüht getätigt wurde: Schien sich nach dem Zerfall der Sowjetunion zunächst die Stoßrichtung zu bewahrheiten – im Jahr 2000 gab es nach Erfassungen des liberalen Thinktanks Freedom House einen Allzeit-Höchststand von 120 Demokratien – verzeichnete die Organisation in ihrem Bericht 2024/25 den 19. Rückgang in Folge: nur noch 106 von 195 untersuchten Ländern seien Wahldemokratien. Seit 2006 verzeichnete Freedom House weiters in 113 Demokratien Qualitätsverluste (dies etwa in Bezug auf unabhängige Medien, unabhängige Justiz etc.). Elemente „illiberaler Demokratien“, wie sie Rechtspopulisten propagieren, setzen sich durch. Völkerrecht ist zunehmend auf dem Rückzug und Großmachtdenken kehrt zurück. Es bleibt abzuwarten, ob jüngste Gegenbewegungen, wie der Wahlsieg Péter Magyars in Ungarn, eine nachhaltige Gegenbewegung auslösen können.

Warum ist das so? In meiner Wahrnehmung gerät ausgerechnet jenes Prinzip, das den Liberalismus im Innersten zusammenhält, zunehmend aus dem Blick: Die Verantwortung.

Liberale Demokratien sind kein bequemes Gesellschaftsmodell

Warum erliegen so viele Menschen den Versprechen illiberaler Bewegungen? Ich glaube, die ehrlichste Antwort lautet: Weil liberale Demokratien Anforderungen an den Einzelnen stellen, die kaum ein anderes politisches System in vergleichbarer Weise kennt. In einer zunehmend komplexen Welt wächst zugleich die Versuchung, die damit verbundene Verantwortung abzugeben. Hierzu sei mir die Spannung eines weiten Bogens gestattet:

Freiheit ist untrennbar mit Verantwortung verbunden: Wer frei handeln soll und darf – und das ist in liberalen Gesellschaftsordnungen jeder einzelne Mensch – muss auch die Konsequenzen seines Handelns tragen. Verantwortung ist also nicht optional, sondern der Preis der Freiheit. Doch genau darin liegt das Problem. Denn Freiheit bedeutet nicht nur Selbstbestimmung, sondern erfordert auch, Entscheidungen ohne letzte Gewissheit zu treffen sowie Sinn und Selbstwert nicht vorzufinden, sondern selbst zu schaffen.  

Diese Form der Freiheit ist anspruchsvoll. Sie verlangt Reife, Orientierung und innere Stabilität. Genau dieser Aspekt wurde in den Brüdern Karamasow eindrucksvoll in der Parabel vom Großinquisitor erörtert, aber etwa auch von Existenzialisten wie Jean-Paul Sartre aufgegriffen wurde, der den Menschen als zur Freiheit verurteiltes Wesen bezeichnet hat.

Liberale Demokratien sind also kein bequemes Gesellschaftsmodell. Im Gegenteil: Sie sind historisch einzigartig gerade deshalb, weil sie hohe Anforderungen an den Menschen stellen, die kein anderes politisches System in dieser Form kennt. Dies trifft gegenwärtig auf eine Welt rapide zunehmender Komplexität. Eine Welt omnipräsenter Risiken und Krisen – geopolitischer wie klimatischer Natur. Eine Welt hoher moralischer Sensibilität, in der jedes Ereignis, jede Entscheidung und jedes Wort in kürzester Zeit global bewertet, moralisiert und politisiert wird. Und zugleich eine Welt von erstaunlich niedriger individueller Sinnstiftung sowie der Befürchtung, dass das Naturgesetz der Nachkriegszeit, dass es die nachfolgende Generation materiell besser hat als die jetzige, nicht mehr eingehalten werden kann.

Über Jahrzehnte hinweg wurde die Last der Freiheit auch dadurch abgefedert, dass liberale Gesellschaften ihren Bürgern ein glaubwürdiges Aufstiegsversprechen machten. Wer Verantwortung übernahm, sich anstrengte und seinen Beitrag leistete, durfte darauf hoffen, dass es ihm und seinen Kindern einmal besser gehen würde. Dieses Versprechen wirkte weit über seine materielle Dimension hinaus. Es stiftete Orientierung, Vertrauen in die Zukunft und verlieh den Anstrengungen des Einzelnen einen erkennbaren Sinn.

Gerät dieses Versprechen jedoch – wenn auch nur subjektiv – ins Wanken, verliert die Freiheit einen wichtigen Teil ihrer Legitimation. Denn liberale Gesellschaften beruhen zwar auf der Idee gleicher Würde und gleicher Rechte aller Menschen. Faktisch unterscheiden sich die Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, Sicherheit zu gewinnen oder das eigene Leben zu gestalten jedoch oft erheblich. Solange sozialer Aufstieg als erreichbar wahrgenommen wird, werden diese Unterschiede vielfach akzeptiert. Wenn jedoch der Eindruck entsteht, dass Erfolg zunehmend von bestehendem Vermögen, Herkunft oder sozialen Netzwerken abhängt, beginnt das Vertrauen in die Fairness des Systems zu erodieren. Soziale Medien verstärken diesen Effekt zusätzlich.

Wenn Menschen erleben, dass sie in diesem Spiel dauerhaft verlieren – und vielleicht sogar der gesamtgesellschaftliche Wohlstand abnimmt – verlieren sie nicht nur Vertrauen in sich selbst, sondern auch in das System.

Nicht der Tyrann, sondern der erschöpfte Mensch ist der größte Feind der Freiheit

Doch die eigentliche Herausforderung reicht noch tiefer. Materieller Wohlstand und die Aussicht auf sozialen Aufstieg konnten lange Zeit verdecken, dass Freiheit allein noch keinen Sinn stiftet. Solange die Zukunft Wohlstandsgewinne versprach, stellte sich die Frage nach dem Wozu für viele Menschen nicht mit derselben Dringlichkeit. Wenn dieses Versprechen jedoch an Überzeugungskraft verliert, tritt eine Leerstelle zutage, die materieller Fortschritt allein nie dauerhaft füllen konnte. Die Tragik besteht also darin – und ich komme damit auf die eingangs erwähnten Gedanken des Starez Sossima zurück –, dass wir Freiheit gewonnen haben, zugleich aber zunehmend vergessen, wozu. Unsere Gesellschaften haben verlernt, über Zweck und gemeinsame Richtung zu sprechen. Ohne eine überzeugende Antwort auf die Frage nach dem Wozu wird Freiheit jedoch leicht zur Last. Und Lasten möchte man abgeben.

In dieser Gemengelage wirken illiberale bzw. autoritäre Versprechen nicht primär rational, sondern emotional. In einer Welt zunehmender Komplexität vermitteln sie das Gefühl von Auserwähltheit und Zugehörigkeit zu einer größeren historischen Erzählung. Nicht Argumente, sondern Sinnangebote stehen im Vordergrund. Indem sie Identität – sei es über Gemeinschaft, Herkunft oder kulturelle Zuschreibungen – in den Mittelpunkt stellen, versprechen sie eine Form von Transzendenz in einer als banal empfundenen Welt. Besonders wirksam sind sie bei jenen, die sich übersehen, zurückgedrängt oder gedemütigt fühlen. Sie überbrücken die Kluft zwischen subjektivem Selbstwert und erlebter sozialer sowie ökonomischer Realität – und liefern zugleich einfache Erklärungen, indem sie Verantwortlichkeiten nach außen verlagern.

Wenn der Mensch nicht an etwas Größeres gebunden ist, ist es nur zu leicht, Verantwortung abzugeben und sich willfährig an etwas Kleineres zu ketten: An Sicherheitsversprechen, an Identität, an Führer. Wo Freiheit also nicht mehr getragen wird, wird sie abgegeben – nicht an das Böse, sondern an das scheinbar Einfache und Naheliegende. Insofern ist meines Erachtens nicht der (illiberale) Tyrann die größte Gefahr der Freiheit, sondern der erschöpfte Mensch.

Was also tun?

Dostojewski hätte auf diese Frage vermutlich religiös konnotiert geantwortet. Doch das scheint mir in modernen Gesellschaften zu eindimensional gedacht. Letztlich geht es aus meiner Sicht um die Fähigkeit des Menschen, sich freiwillig an etwas zu binden, das größer ist als sein unmittelbares Eigeninteresse. Stabile liberale Gesellschaften entstehen dort, wo Menschen unter Achtung von Grund- und Freiheitsrechten kontinuierlich den Mut entwickeln, über sich selbst hinauszudenken.

Der Staatsrechtler Ernst Wolfgang Böckenförde hat die Verletzlichkeit liberaler Demokratien bereits in den 1960er-Jahren präzise beschrieben. Sein berühmt gewordenes Diktum lautet: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“

Der liberale Staat kann nicht sicherstellen, dass aus der Freiheit, die er erlaubt, die Freiheit verantwortlicher, vernünftiger Selbstbestimmung wird, die er zu seiner eigenen Reproduktion benötigt. Diese Werte lassen sich nicht verordnen. Sie entstehen nur dort, wo Menschen bereit sind, sie einzuüben, weiterzugeben und mit persönlicher Verantwortung zu verbinden.

Daraus folgt eine ernste Konsequenz: Der Erhalt der Freiheit lässt sich letztlich nicht an Institutionen delegieren. Unsere liberale Gesellschaft wird langsam verwelken, wenn sie nicht von jeder Generation mit neuem Leben befüllt wird. Um dies zu bewerkstelligen, erscheinen mir drei Aspekte entscheidend.

Erstens: Die materielle Grundlage der Freiheit ernst nehmen. Wo der Eindruck entsteht, dass wirtschaftlicher Erfolg zunehmend von bestehendem Kapital (sei es finanzieller oder sozialer Natur) abhängt und immer weniger von eigener Leistung, gerät das liberale Versprechen ins Wanken. Große Ungleichheiten wirken nicht nur materiell, sondern vor allem moralisch zersetzend. Eine Erneuerung des liberalen Versprechens kann also nicht allein kulturell gedacht werden. Es braucht gesellschaftliche Bedingungen, unter denen Freiheit wieder als gerecht empfunden wird – als reale Möglichkeit zur Teilhabe und zur Selbstwirksamkeit. Gleichzeitig bedarf es jedoch einer bewussten Stärkung von Unternehmertum, Eigenverantwortung und jener Haltung, die Welt nicht bloß hinzunehmen, sondern sie aktiv gestalten zu wollen. Freiheit entfaltet ihren eigentlichen Wert erst dort, wo Menschen den Mut entwickeln, Verantwortung zu übernehmen, Risiken zu tragen und durch eigenes Handeln wirksam zu werden.

Zweitens: Freiheit wieder als kulturelle Praxis begreifen; nicht als bloßes Recht zur Bedürfnisbefriedigung, sondern als Fähigkeit zur Mündigkeit und zum verantwortlichen Handeln. Dazu gehört auch die Wiederentdeckung von Sinn und Transzendenz in einer weitgehend entzauberten Welt – nicht notwendig religiös, sondern als Erfahrung des Verbindenden und des Über-sich-selbst-Hinauswachsens: in Kunst, Natur, Ritualen oder im Dienst am Mitmenschen.

Drittens: Die sozialen Räume stärken, in denen Freiheit erst erlernt wird. Was der Staat nicht garantieren kann, muss anderswo entstehen; so etwa in Bildung, in Kultur oder in freiwilligen Gemeinschaften. In einer Zeit algorithmisch erzeugter Echokammern gewinnen reale Begegnung, Dialogfähigkeit und gemeinschaftliches Engagement als Fundament gelebter Demokratie neue politische Bedeutung.

Sartre, der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg über Verantwortung schrieb, bringt es auf den Punkt: „Und wenn wir sagen, dass der Mensch für sich selber verantwortlich ist, so wollen wir nicht sagen, dass der Mensch gerade eben nur für seine Individualität verantwortlich ist, sondern dass er verantwortlich ist für alle Menschen.

Wollen wir liberale Gesellschaften stärken, müssen wir die Anforderungen der Freiheit wieder ernst nehmen. Die liberale Gesellschaft wird nicht daran scheitern, dass ihre Gegner stärker werden. Sie wird scheitern, wenn von innen heraus niemand mehr bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und ihr damit jene Menschen verloren gehen, die sie tragen.

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