Autogesichter

8. Juni 2026
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Foto von Łukasz Nieścioruk auf Unsplash

Haben Sie mal nicht auf den Verkehr, sondern auf die Ihnen entgegenkommenden Autovisagen geachtet? Die Designer haben heuer eine Vorliebe für schmallippig heruntergezogene Lefzen und gefährlich dreinblickende Augen. Die überall auskragenden harten Kanten machen das Auto zur Rüstung eines Science Fiction- Kriegers.

Wenn Kunst uns den Blick auf Möglichkeits-Räume erschließt, dann erschließt uns Design den Blick auf den Ist-Zustand der Welt. Das gilt auch für unsere Mobilitätsvehikel.  In den Anfängen als ringsum chromblitzender Ausdruck von Luxus, dann durch die zunehmende Aufsplittung in Volkswagen gegen Luxuskarossen als Darstellung des sozialen Aufstiegs oder der nationalen Zugehörigkeit. Aber nun? Irgendwie sehen inzwischen alle Autos eines Jahrgangs, in ihrem technischen Innenleben wie auch im äußeren Design, ziemlich gleich aus. Nur die Amerikaner und Russen geben sich noch — übergroß, ressourcenfressend, überteuert – mit dem immergleichen Design und miserabler Ausstattung mit ihrer jeweiligen althergebrachten Tradition zufrieden. Die europäischen und asiatischen Marken dagegen haben sich inzwischen bis zur Ununterscheidbarkeit aneinander angeglichen, globalisiert. Wie die Menschen, die drinnen sitzen. Die Europäer versuchen zwar krampfhaft noch ein Weilchen mit Logos individuelle nationale Qualität vorzutäuschen. Doch vergeblich.

Dabei verraten Ausstattung und Styling der Autos schon die neuen Machtverhältnisse auf dem Globus. Stets sind ja die Mächtigsten die Trendsetter. Und das ist nun eben China. Made in Germany, France oder Italy ist bloß noch ein leerer Name. Die meisten Teile, wenn nicht schon das ganze Gefährt, sind längst chinesisch. Lange versuchte man das dem Käufer zu verschleiern, doch seit Kurzen wird es offen hergezeigt. Vor allem im Design der Frontleuchten.

Die bedeuteten zu allen Zeiten mehr als nur gute Sicht auf die Straße. Sie bildeten mit dem Kühlergrill sozusagen das Gesicht, mit dem wir uns auf der Straße zeigen wollten. Waren bis in die Siebzigerjahre die Frontleuchten kindlich runde Guckaugen, der Kühlergrill ein Lächeln, wurden beide zunehmend eckiger und größer, je teurer und deutscher das Modell. Die Arglosigkeit der Auto-Gesichtszüge wurde bei den Luxusmarken von einer mächtig daherkommenden, zähnebleckenden Front abgelöst. In der Folge blendeten dann auch noch deren Halogenscheinwerfer unbarmherzig jeden proletarisch Entgegenkommenden. Man interessierte sich eben nur noch für die Beleuchtung der eigenen Spur. Der Kühlergrill wurde zunehmend zu einer missmutig oder aggressiv heruntergezogenen Mundpartie. Ziel der neuen Optik schien, bei Entgegenkommenden nicht mehr Sympathie, sondern Angst und Schrecken zu erzeugen. Und seit heuer tragen nun sogar auch schon die Frontansichten kleinerer Mittelklasse-Fahrzeugen diese aggressiven Züge. Ja, mehr als das: Die Leuchten der neuesten Modelle sind nun fast ausnahmslos schräggestellt, eindeutig zu Schlitzaugen mutiert! Interessanterweise passierte das nicht vor Jahrzehnten mit dem Aufstieg der ostasiatischen Autoindustrie, sondern erst jetzt, seit China unverhohlen seine Weltherrschaftsansprüche kundtut. Die Autodesigner haben erkannt, woher der neue Wind weht.

Ob die Vorliebe für schlitzäugige Frontleuchten allerdings der zunehmenden Aggressivität der westlichen Käuferschaft geschuldet ist oder Ausdruck eines neuen Schönheitsideals? Das bleibt noch die Frage.

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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