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Swarovski und die Voest-Alpine. Staat und Privat in der öffentlichen Wahrnehmung

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„Der Staat ist ein schlechter Unternehmer“. So lautet eine weit verbreitete Meinung. Sie wird nicht nur von Politikern, sondern auch von Journalisten immer wieder vorgebracht. Sie ist so stark in den Köpfen verankert, dass Mitte der 90er Jahre die damalige ZIB 2-Moderatorin Ingrid Thurnher den Generaldirektor der Voest-Alpine ganz überrascht fragte, wie es denn möglich sei, dass letztere als noch mehrheitlich verstaatlichtes Unternehmen Gewinne schreiben könne. Sie stand offenbar unter dem Eindruck der weltweiten Stahlkrise, die in den Jahren zuvor viele große Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie in eine tiefe Krise gestürzt und tausende Menschen den Job gekostet hatte. In Österreich sprach man jedoch nicht von einer Stahlkrise, sondern von einer Verstaatlichtenkrise, weil es offenbar in die Vorstellung passte, dass staatliche Unternehmen von vorneherein schlecht wirtschaften. Dass auch private Unternehmen in eine Krise geraten können – wie gerade die jüngste Erfahrung des Tiroler Flaggschiffes Swarovski zeigt –, wurde dabei ausgeblendet.

Dem Vorurteil vom Staat als schlechtem Unternehmer liegen zumindest zwei Irrtümer zugrunde.

1. Bei den rund 70 größeren Unternehmen, die nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlicht wurden, handelte es sich nur insofern um staatliche Unternehmen, als der Staat und damit die von der Bevölkerung gewählte Regierung ihr Eigentümer wurde. Geführt wurden sie hingegen wie bei privaten Aktiengesellschaften von Managern. Sie wurden vom Aufsichtsrat als Vertreter der Aktionäre bestellt – in diesem Fall der österreichischen Steuerzahler, vertreten durch die jeweilige Bundesregierung. Die eigentlichen Unternehmer waren daher die Manager und nicht der Staat, der als Eigentümer lediglich eine bessere oder weniger gute Auswahl der Manager treffen konnte.

2. Die vom Staat bestellten Manager wurden in ihren wirtschaftlichen Handlungen – anders als staatliche Beamte – nicht etwa von den Vorgaben der einzelnen Regierungen bestimmt, sondern wie die Manager privater Unternehmen von den Chancen und Herausforderungen des Marktes. Bei den einen wie den anderen gehörte es zum Selbstverständnis ihres Berufes, sich in ihren Branchen erfolgreich zu behaupten. Diesem Streben nach wirtschaftlichem Erfolg stand eine etwaige Nähe zur einen oder anderen Großpartei anders als vielfach angenommen offenbar nicht im Wege. So kam es, dass die verstaatlichten Unternehmen – wie ich in einer breit angelegten Studie zeigen konnte –zwischen den späten 40er und den späten 70er Jahren in Summe etwa gleich gut abschnitten wie die privaten. Wenn sie in Schwierigkeiten gerieten, war dies bei den einen wie den anderen fast durchwegs branchenspezifischen Umständen und nicht ihrer Eigentümerstruktur geschuldet. So war es auch bei der bereits angesprochenen, durch eine weltweite Überproduktion verursachten Stahlkrise der 70er und 80er Jahre der Fall.

Die Erfahrung der verstaatlichten Industrie in Österreich zeigt aber nicht nur, dass sie ebenso erfolgreich wirtschaften konnte wie private Unternehmen, sie erlaubt auch den vielleicht etwas gewagten Schluss, dass sie mit den sozialen Folgen einer Krise besser umzugehen vermag. Angesichts der berechtigten Forderung der Öffentlichkeit nach einer Erhaltung möglichst vieler Arbeitsplätze konnte die Regierung die von ihr bestellten Manager dazu veranlassen, die notwendigen Umstrukturierungen in den Unternehmen mit einem nur unbedingt notwendigen, auf jeden Fall aber verlangsamten Abbau von Arbeitsplätzen zu verbinden. So geschah dies auch bei der Voest-Alpine, die noch als staatliches Unternehmen auf eine Art umstrukturiert wurde, die deutlich weniger Menschen ihren Arbeitsplatz kostete als dies bei den privaten Stahlunternehmen der großen Industrieländer der Fall war. Als wieder gewinnbringendes, wenn auch verkleinertes Unternehmen konnte sie in der Folge privatisiert werden und nimmt inzwischen unter den Stahlunternehmen der Welt wieder eine führende Position ein. Vielleicht könnte man angesichts des zumindest relativen Erfolges bei den sozialen Auswirkungen der Krise nicht nur die verstaatlichte Industrie, sondern vielleicht auch die Bewältigung von Krisen bei privaten Unternehmen wie derzeit bei Swarovski in einem anderen Licht sehen…

Geboren 1946 in Hohenems. Er studierte Geschichte und Anglistik an der Universität Innsbruck, wo er auch als Assistent, Dozent und seit 1993 als Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte tätig war. Seit 2010 befindet er sich im Ruhestand.
>> Mehrere Forschungsaufenthalte im Ausland, u.a. an der Business School in Harvard, sowie Gastprofessuren in Salzburg, Brixen, Trient und New Orleans.
>> Forschungsschwerpunkte: Stadtgeschichte, Unternehmensgeschichte, Bedingungen wirtschaftlicher Entwicklung im österreichischen, europäischen und außereuropäischen Rahmen.
>> Publikationsauswahl: Mit der Großstadt aus der Armut. Industrialisierung im globalen Vergleich, Innsbruck 2015; Unter den Reichsten der Welt - Verdienst oder Zufall? Österreichs Wirtschaft vom Mittelalter bis heute, Innsbruck 2007; Die deutsche Wirtschaft im 16. Jahrhundert (Enzyklopädie Deutscher Geschichte 11), München 1992; Big Business in Österreich. Österreichische Großunternehmen in Kurzdarstellungen, Wien 1987; Big Business in Österreich II. Wachstum und Eigentumsstruktur der österreichische Großunternehmen im 19. und 20. Jahrhundert. Analyse und Interpretation, Wien 1990.

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