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Benennen und herbeischreiben

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Diese beiden Begriffe beschreiben den Konflikt, der zwischen „progressiven“ und „konservativen“ Denkrichtungen ausgebrochen ist. Während progressiv-linke Kreise bestimmten Personengruppen positive Eigenschaften umhängen möchte, berufen sich konservativ-rechte Kreise darauf, die Dinge beim Namen nennen zu dürfen.

Ein exemplarisches Beispiel der „Herbeischreiber“ einer besseren und gerechten Welt ist Claas-Hendrik Relotius. Er fälschte zum Teil seine Reportage oder verwendete in diesen zumindest für diese Textgattung unpassende fiktive Elemente. In seinen Texten fanden unter anderem Zuwanderer etwa Geldtaschen und gaben diese zurück und wussten auch sonst menschlich absolut zu glänzen.

Auf der anderen Seite, die Seite der „Benenner, lauert nur allzu oft der alte weiße Mann der, Lebenserfahrung sei Dank, einen untrüglichen und scharfen Blick auf die Realität hat und diesen auch gerne teilt. Missmutig sieht er, wie Zuwanderer Orangenschalen einfach auf den Boden werfen und sich auch sonst nicht an „unsere“ Regeln halten.

Beiden ziehen Rückschlüsse aus einzelnen oder sich häufenden Ereignisse und leiten daraus das große Ganze ab. Weil sich Migranten als hilfsbereit herausstellen, sind sie per se eine Bereicherung. Weil sie sich nicht an „unsere“ Regeln halten wollen, sind sie eine Gefahr und stellen unsere Kultur-Identität in Frage.

Der Blick von beiden Seiten ist von vornherein voreingenommen. Der „alte weiße Mann“ sucht nach Abweichungen, nach Anomalität im Verhalten und nimmt sein Denken und Verhalten als Maßstab. Seine Blickwinkel gilt ihm als unbestechlich und als beinahe schon unantastbar objektiv.

Der „Herbeischreiber“ hingegen blendet gerne aus. Er hat Angst Missstände zu benennen, weil sie dem „Benenner“ und seinen Weltanschauungen in die Hände spielen könnten. Stattdessen sucht er nach Positivbeispielen, die das Narrativ der Bereicherung und des Fortschritts durch Zuwanderung Antrieb geben.

Dass wir die Welt nicht so erkennen können, wie sie wirklich ist, gilt zurecht als postmodern-philosophischer Gemeinplatz. Beide hier kurz beschriebenen Denkgruppierungen sind im überkomplexen Netz einer von Diskursen, Meinungen und Ansichten übertünchten Realität gefangen und nur bedingt denkhandlungsfähig.

Letzen Endes bleibt nur eine Denkposition, die in der überhitzten Debatten-Kultur der Gegenwart sinnvoll erscheint: Die des „Neutrums“, wie es der französische Kultur-Theoretiker Roland Barthes beschreibt. Dieses beobachtet, ohne Rückschlüsse zu ziehen, schreibt nichts herbei, sondern beschreibt was es sieht.

Solche Denker scheinen sehr aus der gegenwärtigen Zeit gefallen zu sein. Es ist eine Zeit der Bekenntnisse, der Positionierung und der Spaltung. Womöglich ist ein solches Denken also hilfreich und heilsam.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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