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Aus dem Meinungsgemetzel

5 Minuten Lesedauer

Kürzlich schrieb ich eine Glosse mit dem Titel „Es wird kalt, weil es wärmer wird“, das Thema, in der hübschen Formulierung aus der „Achse des Guten“: „Die klirrende Winterkälte (volkstümlich: ‚Russen-Peitsche‘) hat eine originelle Ursache, wie BILD zu entnehmen ist: Ein Wissenschaftler erklärt, dass die globale Erwärmung schuld am ‚Schnee-Chaos‘ ist.“

Eine jener Personen, die sich im Internet nur mit ihrem Vornamen ausweisen, hat darauf reagiert. Man könnte „Harald“ immerhin zugute halten, daß er nicht als „ZombieKing“, „canchanchara“ oder „Hortensia die Erste“ firmiert, sondern einen netten, altmodischen Vornamen verwendet, der unter den heutigen Medeas, Vincents oder Philomenas geradezu exotisch wirkt.

Das Mißfallen an dem, was ich geschrieben hatte, gipfelt darin, daß „Harald“ mich, ohne weitere Angabe von Gründen, einen „Leugner“ nennt. Wenn es nicht so uninteressant wäre, wäre direkt interessant zu erfahren, was ich seiner Meinung nach leugne. „Er leugnet das Klima!“ Das wäre doch ein knackiger Satz geworden, geradezu wie in Erz gegossen.

Es hätte genauso gut um das einzige andere Thema, das geblieben ist, gehen können, unsere Pandemie. Vor ein paar Jahren wäre es um die Flüchtlinge und Flüchtlinginnen gegangen, oder die Migrantinnen und Migranten, oder, wenn wir schon bei den Innen sind, um den Genderismus und seinen immer irreren Sprachumbau, der an das erinnert, was in der wirklichen Welt draußen gern als „Neugestaltung“ bezeichnet wird, an deren Anfang etwas so irgendwie war und an deren Ende regelhaft Verwüstung steht. Wo immer man heutzutage anderer Meinung ist als jemand anderer, wird man flugs zum „Leugner“ ernannt, oder, mit einem anderen netten Wort, zum Obskurantisten. Daß dieser andere selber im gleichen Atemzug etwas leugnen könnte oder eben verdunkeln, daß sich nämlich, in bisherigem Sprachgebrauch, ganz schlicht und einfach aus verschiedenen Standpunkten verschiedene Meinungen ergeben könnten, scheint unvorstellbar.

Im Wörterbuch der Wohlmeinenden, die uns „Leugner“ (wovon auch immer) von unseren hartnäckig gehegten Irrtümern befreien möchten, gibt es seit 2013 das auf den italienischen Informatiker Alfredo Brandolini zurückgehende und nach ihm benannte Gesetz, das besagt: Das Widerlegen von Unsinn erfordert eine Zehnerpotenz mehr Energie als dessen Produktion.

Da liegt allerdings genau das Hase im Pfeffer: Was ist Unsinn und muß demgemäß widerlegt werden? Der vor allem für seine Forschungen über Radiästhesie bekannte Gelehrte Jörg Purner hat kürzlich ein umfangreiches Buch unter dem selbsterklärenden Titel „Bewußtsein schafft Realität“ (2 Bde., 2029 und 2020) veröffentlicht, das eine Menge anregender Gedanken in dieser Hinsicht enthält. So wird dort ausführlich auf den Umstand eingegangen, daß „vieles, was wir von wissenschaftlicher Seite als ‚Wahrheit‘ oder ‚Wissen‘ serviert bekommen, nicht nur zu relativieren ist, sondern sich als Flop oder Fake News erweisen kann.“ Etwas knalliger drückt sich Nicolás Gómez Dávila aus: „Um eine Wahrheit aufzuzeigen, reichen wenige Zeilen. Um einen Irrtum zu widerlegen, ist nicht einmal eine Bibliothek ausreichend.“

Knallig oder anders, wenn Wissenschaft irgend einen Sinn haben soll über die geistige Selbstbefriedigung der dafür Angestellten und Bezahlten hinaus, dann muß ihre Erkenntnis aus dem Dialog und Widerstreit der jeweiligen Meinungen entstehen, und das tut sie ja in der Regel auch. Bloß wird manchmal ein sinnvolles Ergebnis etwas verzögert durch den Wahrheits-Monopol-Anspruch einer gerade dominierenden Gruppe. Später nennt man das dann Wissenschaftsgeschichte und macht interessante Bücher und Filme draus („Das Jahrhundert der Chirurgen“!). Aus betrüblichen Einzelheiten wie der, daß sein Rechthaben gegen alle anderen etwa den Herrn Doktor Semmelweis ins Irrenhaus und ein frühes Grab gebracht, zieht diese Wissenschaftsgeschichte dann eine merkwürdige, morbide Befriedigung. Für die Semmelweise heißt es hingegen: Selber schuld! Pech gehabt! Tot sind am Ende freilich die einen wie die anderen, egal ob Leugner oder Rechthaber.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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1 Comment

  1. Hallo Walter,

    ich hatte grundsätzlich meine Mailadresse angegeben. Dadurch hätten wir uns auch auf weniger offener Bühne unterhalten, auch unter meinem Kommentar hätten wir diskutieren können. Dass sie aber diese Art der Kontaktaufnahme wählen, bestätigt mich darin, meinen Nachnamen nicht dazuzuschreiben 😉 …es gibt Gründe warum es „eine von jenen Personen“ gibt, die ihren Namen nicht komplett offen zu legen. Diese Form der Verkommentarisierung ist nur ein Beispiel.

    Ich habe Sie nicht als Leugner bezeichnet. Dass Sie das hier behaupten hat vielleicht mit einem Opfergeltungsdrang zu tun, mit der Realität jedoch nichts. Diese semantische Ungenauigkeit finde ich recht amüsant.

    Außerdem hatte ich in meinem Kommentar einfach die (inhaltliche) Frage gestellt, warum Kommentatoren in polemischen Ergüssen aufgehen, wenn es um ein recht komplexes wissenschaftliches Thema geht, sie aber nicht vom Fach sind. Natürlich können wir Studien links, Abhandlungen rechts oder den einen oder anderen Zeitungsartikel als Argumentationsstütze heranziehen und zitieren, aber für diese Polemik und Abschätzigkeit, die Ihre Kommentare zu diesem Thema oftmals durchzieht, fehlt Ihnen dann doch das Fachwissen. Zumindest haben Sie mit diesem bisher nicht geglänzt. Sollten Sie ein dementsprechendes Studium abgeschlossen haben, tut es mir leid, Ihnen dieses Wissen abgesprochen zu haben. Es geht halt manchmal um mehr als um die bloße Meinung, das Kund tun von sagen wir mal „alltagstauglichem“ Geplauder über das Wetter und wenn ich spitz und pointiert einen gegenteiligen Standpunkt aufzeigen möchte (also „etwas leugnen möchte“ um Ihre Argumentation aufzugreifen), dann wäre ich halt vom Fach und würde ein inhaltliches Angebot machen. Ich weiß schon, dass sich das dann nicht so catchy verkaufen lässt, keiner reinklickt, wenn man nur die Ergebnisse der letzten 3 Klimaweltreporte darlegt oder wirklich tragfähige Wissenschaftler*innen der letzten Jahre rezitiert, es wäre aber dem Thema und dem eigenen Wissensstand angemessen und generell dienlicher.

    Und nein, ich mache jetzt keine Verweisliste um Ihnen Punkt für Punkt Ihren (meiner Meinung nach) polemischen Tonfall zu skizzieren. Sie sind a) sicher fähig Ihre eigenen Texte kritisch zu lesen und b) Schlussfolgerungen aufgrund dessen anzustellen. Dafür braucht es mich nicht.

    Es kann schon sein, dass man sich in der „Kritiker*innenrolle“ gefällt, in der Rolle gefallen sich viele. Um aber über die Polemik hinaus Angebote zu machen, braucht es aber mehr. Das vermisse ich in Ihren Kommentaren und finde es vor allem schade, weil das Thema zu wichtig ist um es der persönlichen Befindlichkeit und moralischen Überlegenheit zu opfern.

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