(c) Helmuth Schönauer

Der Morgenmoderator (1)

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Die wahren Helden der Arbeit, das wissen wir seit dem Katastrophenjahr, arbeiten nie dort, wo es Kohle und Keks gibt. Neben den hochgerühmten Pflegekräften, die aber finanziell nach wie vor verhöhnt werden, sind es kleine Außenposten der Zeitgeschichte, die das Leben in schwierigen Zeiten mit schönen Worten versüßen und so dafür sorgen, dass die Stimmung für die Verlogenheit von Parolen rund um die Uhr gut bleibt. 

Eine wichtige Funktion bei der Aufrechterhaltung jener Trance, in der das Volk schon seit Jahrzehnten gehalten wird, fällt dabei den Morgenmoderatoren zu. Tag für Tag radeln sie bei Finsternis in ihr jeweiliges Studio, um die Bevölkerung mit der Morgensendung zu wecken und sofort in beste Laune zu versetzen.

Dieser Tage ist der berühmte „Afta Grins“, wie er sich hinter dem Mikro gerne nennt, in Pension gegangen. Er vermutet, dass er noch eine Weile unter Info-Schock stehen wird, bis er sich an das Rentnerdasein akklimatisiert hat. Menschen, die im Info-Bereich arbeiten, neigen dazu, alles für eine Nachricht zu halten. Dabei ist es umgekehrt: Die Welt in ihrem Kern ist eine Nicht-Nachricht, auf der fallweise zu Unterhaltungs- oder Geschäftszwecken News aufgesetzt sind. (Der Nachricht ist es übrigens egal, ob sie Fake oder Fakt ist, ihre Aufgabe ist es, sich möglichst gegendert und kugelförmig zu ducken, damit sie mit jedem Moderationsmund ausgesprochen werden kann.) 

Afta Grins wird jetzt öfter gefragt, wie er wirklich heißt, er könne es ja nun sagen, wo er weg vom Mikro ist. Aber er bleibt bei seiner Story, wonach er Kufsteiner ist, und dort sagt man bei jeder Gelegenheit „afta“, was so viel heißt wie „also“. „Afta gehen mas an!“ ist eine gern formulierte Ermunterung, die, schlitzohrig wie die Unterlandler sind, das Scheitern in sich birgt. Und dann wird das „also“ wirklich zum After und „wird Oasch“, wie man dann sagt. 

„Obwohl ich Kufsteiner bin, habe ich in meiner vierzigjährigen Dienstzeit nie das Kufsteiner-Lied gespielt, das müssen mir die Jungen erst einmal nachmachen!“ Um dem Dilemma zu entkommen, einen Schas zu spielen, aber ihn nicht als solchen zu bezeichnen, hat er vierzig Jahre lang an jedem Montag „Monday Monday“ von den Mamas und Papas gespielt. „Und den Rest der Woche No Milk Today von Herman’s Hermits!“ 

Dem Exmoderator macht in der ersten Pensionswoche vor allem der Zustrom von tollen Geschichten zu schaffen. Überall erzählt man ihm jetzt „die Wahrheit“, die man ihm bislang vorenthalten hat, weil er sie sonst in Witzchen verpackt auf Sendung gebracht hätte. 

Die Geschichten, die allein in der letzten Woche auf ihn eingeströmt sind, machen ihn depressiv, weil er ahnt, dass er sein Leben verpfuscht hat, indem er sich in die Blase des Rundfunks gesetzt hat. 

Einer beispielsweise ist tagsüber völlig unauffällig, schläft aber in der Nacht mit einem Stirnband, auf dem dunkle Haare aufgemalt sind. Damit bekämpft er den Spruch, dass alte weiße Männer nicht träumen dürfen. Tatsächlich träumt er jede Nacht, dass er der Prinz auf der Liege ist und aufwachen muss, weil er eine Erektion unter der Matratze hat. 

Ein anderer übt tagsüber fest mit den Hanteln, weil er eines Tages seine Frau zu erwürgen gedenkt. Das hat er in der Zeitung gelesen, wonach ein Rentner sich Hanteln gekauft hat, um trainiert seine Partnerin beiseite zu würgen. Heuer sei ein gutes Jahr für solche Klärungen, sagt er, weil in der Menge der Frauenmorde der einzelne Fall gut untertauchen kann. Und wer will schon mit einem Mord in der Zeitung stehen! 

Der Moderator ist sich nicht sicher, ob diese Geschichten nicht aus den Landkrimis herausgelesen sind, die sein Sender Jahrzehntelang verbreitet hat. 

Eine Nachbarin bittet er, mit ihm kurz die neue Gartensitzgruppe einzuweihen, welche die Wohngenossenschaft soeben aufgestellt hat. Aber die Nachbarin winkt ab, sie hat in der Pandemie nicht nur den Geruchssinn verloren, sondern auch das Sitzfleisch. „Schauen Sie mich an! Ein Riesenloch, da wo andere draufsitzen!“

Als er seinen Freund in einem Schlafdorf des Umlandes für einen Umtrunk einladen will, schildert dieser sofort sein Unglück: Er sein soeben analog gehackt worden! „Nichts geht mehr, alle schneiden mich, seit ich vorgeschlagen habe, statt der Entnazifizierung der Straßennamen braune Schilder aufzuhängen wie in Innsbruck.“ 

Gibt es eigentlich was Schönes, wenn man in Rente ist?
Oh ja, es entstehen täglich neue Wörter, die man nicht mehr lernen muss. So heißt es „entfolgen“, wenn man als Follower bei Instagram aussteigt.
Der berühmteste „Entfolger“ dieser Tage ist Max van Stappen, der sich von Lewis Hamilton entfolgt hat.

STICHPUNKT 21|72, geschrieben am 05.10. 2021

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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