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Neue Tischkultur

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Wen haben sie nicht beeindruckt: die Bilder von Putin und Macron oder Putin mit seinem Außenminister Lawrow, jeweils zwei einsame Gestalten an den Enden eines elendslangen Tisches, meilenweit auf Abstand voneinander? Nicht einmal Angst vor einer Corona-Ansteckung konnte eine solche Distanz rechtfertigen. So etwas gab es zuletzt zu Zeiten absolutistischer Kaiserhöfe, und selbst damals wurden die Plätze an den Längsseiten zumindest mit Höflingen aufgefüllt. Heute sind die Herrscher offenbar so einsam, dass sich niemand mehr findet, die Lücke zwischen den Kopfenden zu füllen.

Dabei kannte schon die mittelalterliche König Artus-Legende die Tafelrunde, an der die besten, aber auch eigensinnigsten Ritter sich in egalitärer Tischordnung zu versammeln pflegten. Und der große Vorsitzende Artus war dabei nicht unbedingt derjenige, der alles zu sagen hatte. Die berühmtesten Ritter wie Iwein, Gawein und Parzival bewegten sich in der Verfolgung des hehren Ziels eines besseren Lebens oft sogar widerständisch und benahmen sich regelmäßig ziemlich daneben. Nicht nur Artus wurde ab und zu von ihnen betrogen. Natürlich ist das nur Legende. Und wenn es die Tafelrunde je gegeben hat, so lebt sie heute nicht mehr.  Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da wimmelte es in der Weltpolitik nur so von Runden Tischen. Die Langtischkultur scheint nun wieder einmal das Ende der Rundtischkultur einzuläuten.

Bis vor Kurzen gab es zumindest noch die Rundtische in unseren Wirtshäusern, meist mittels eines imposanten Aschenbechers als „Stammtisch“ gekennzeichnet. Hier wurde gleichberechtigt gemotzt und intrigiert, was das Zeug hielt. Diese Tische nahe der Bar waren das demokratische Ventil eines jeden Dorfes, wo sich alle, die glaubten, etwas zu sagen zu haben (außer die Frauen natürlich), allwöchentlich zum Meinungsaustausch versammelten. Nun haben Wirtshaussterben und Corona auch dieser Form des Round Table noch den letzten Todesstoß versetzt. Werden wir einander also in Zukunft, falls wir uns nicht völlig aufs Internet zurückziehen, auch noch nach Corona über pseudo-fürstliche Tafeln hinweg unsere divergierenden Meinungen gegenseitig laut zuschreien müssen? Oder werden sich die, die glauben, etwas zu sagen zu haben, gar nicht mehr an einen gemeinsamen Tisch setzen?

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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