Innsbrucker Abendmusik: Über Nacht und Träume

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Peter Waldner hat mir einmal in einem Gespräch verraten, dass es ihm in der Konzertreihe nicht um seine Person ginge. Genau das merkt man der Konzertreihe „Innsbrucker Abendmusik“ an, deren künstlerischer Leiter er ist. Entscheidender als seine Person ist das Konzept und die unbedingte Grundhaltung zu künstlerischem, musikalischem und konzeptionellem Niveau. In der Spielzeit 2014/2015 ist der konzeptionelle Rahmen mit dem Motto „Im Reich der Träume und der Fantasie“ gesetzt. Im Konzertabend am 26.11. mit Peter Waldner selbst am Hammerklavier und Daniel Johannsen als Tenor wurde dieser eindrucksvoll ausgefüllt.
Es besteht kein Zweifel. Mit der „Innsbrucker Abendmusik“ hat Peter Waldner und sein Umfeld eine Konzertreihe geschaffen, welche das Publikum erst hervorgebracht hat, welches das Fachwissen und die Aufmerksamkeit aufbringt, sich dieser Art von Musik auf diesem spielerischen Niveau auszusetzen und dieses auch zu schätzen. Perlen vor die Säue zu streuen ist eine Metapher, die hier nicht zutrifft. Ich gehe davon aus, dass so gut wie alle gestern anwesenden Menschen mehr von „Alter Musik“ und Musik generell verstehen als ich es tue. Das eröffnet einen riesigen Möglichkeitsraum um mit Erwartungshaltungen zu spielen und kreativ umzugehen.
Die „Innsbrucker Abendmusik“ ist bekannt dafür, Grenzen und Erwartungshaltungen dezent aber nachhaltig zu verschieben, ohne auf einfache Provokation zu setzen. Das Bild, das ich von einem Liederabend mit Franz Schubert und Robert Schumann im Kopf hatte lässt sich in dieser Hinsicht leicht beschreiben: Steif, akademisch, leblos. Wie soll auch Liedern, die so oft gespielt wurden, immer wieder neues Leben eingehaucht werden? Wie sollen sie im Hier und Jetzt berühren, wenn sie doch in den Zwängen der richtigen Interpretation und der achtsamen und demütigen Interpretation gefangen sind?
Ich teile mit Peter Waldner vor allem auch einen Zugang: Das Publikum für eine Konzertreihe, die keine Zugeständnisse an den Massengeschmack macht und auf absolute Qualität setzt, muss erst geschaffen werden. Es ist eine mühsame Arbeit, die nur nachhaltig und kontinuierlich funktioniert. Konstanten sind die Grundregeln, vor allem wenn es um die künstlerische Klasse der Interpreten geht, die alleinig zählt.

Einer der "Stars" des Abends: Das Hammerklavier
Einer der „Stars“ des Abends: Das Hammerklavier

Eine Konzertreihe lässt sich nicht mit großen Namen machen, wenn sie die diese künstlerische Klasse zum Teil nicht erfüllen können. Ebenso wenig wie das Ego des künstlerischen Leiters wichtig ist, sind es auch die große und übergroßen Namen mancher Superstars in diesem Bereich nicht. Vielmehr zählt, ob sie aufgrund ihrer Klasse in den hohen Erwartungsrahmen dieser Konzertreihe passen. Kein Ego-Trip von einzelnen Musikern, sondern eben die perfekte Erfüllung eines Anspruches, eines Rahmens und eines Konzeptes, das sich in dieser Saison auf avancierte Weise mit dem Thema Nacht und Träume beschäftigt.
Peter Waldner und Daniel Johannsen: Ein perfektes Duo, das berührt
Peter Waldner hat in dieser Hinsicht mit dem Tenor Daniel Johannsen abermals ein geschicktes Händchen für passende und musikalisch hochkarätige Musiker bewiesen. Eindrucksvoll wie der Sänger in sich versunken, aufs äußerste angespannt und konzentriert vor der ersten Note auf der Bühne steht um dann mit seiner glasklaren Intonation und seiner zutiefst berührenden Stimme zu begeistern. Er wirkt dabei so, als würde er den Blick im ersten Lied in sein Inneres richten, weniger aufs Publikum. Er scheint in den Noten zu leben, im Lied, in der Intention der Komponisten Franz Schubert und Robert Schumann. Er wird dabei aber nicht zum Erfüllungsgehilfen einer kühlen, sachlich richtigen Interpretation dieser zum Teil schon sehr oft gehörten Lieder, sondern er interpretiert sie auf seine Weise: Wenig pathetisch, klar und doch unglaublich berührend.
Berührte und begeisterte das Publikum: Der Tenor Daniel Johannsen.
Berührte und begeisterte das Publikum: Der Tenor Daniel Johannsen.

Es wirkt so, als würde er diese Lieder, welche vielleicht über die Zeit ein wenig Staub angesetzt haben, wieder entstauben. Wie diese Lieder, Emotionen und Texte im Hier und Jetzt auf feinfühlige, respektvolle und doch individuelle Art interpretiert und vergegenwärtigt werden, lässt mich staunen. Berührt mich. Rührt mich zum Beispiel bei „Ich hab´ im Traum geweinet“ fast zu Tränen und lässt mich wenige Augenblicke zuvor glückstrahlend an den noch weit entfernten Frühling denken.
Peter Waldner, virtuos und doch zurückhaltend auf dem Hammerklavier, wird dabei zum „Gehilfen“ um der Stimme von Daniel Johannsen Geltung zu verleihen, sie zur Entfaltung kommen zu lassen. Er spielt sich niemals in den Vordergrund, sondern behandelt seinen Gast so, wie es ihm angesichts seiner künstlerischen Klasse gebührt: Zuvorkommend, wertschätzend. Auch hier wird die Haltung von Waldner belegt, dass es nicht um ihn geht, sondern um die Qualität der Konzertreihe.
In Summe ergab das einen beglückenden Konzertabend, nach dem ich beschwingt und todtraurig von den Liedern von Schubert und Schuhmann meinen Weg vom Canisianum hinauf nach Hötting zu Fuß ging. Textzeilen, Melodien und die wunderbaren, meist unerwartet leisen aber umso nachdrücklicheren Akkorde des Hammerklaviers noch im Ohr. Ein nahezu perfekter Konzertabend!

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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