Orgel trifft Theorbe trifft Genialität

6 Minuten Lesedauer

Der sakrale Raum


Orte sind nicht neutral. Sie sind behaftet. Mit der Konkretisierung eines Konzertes auf einen ganz bestimmten Ort werden Möglichkeiten und Einschränkungen geschaffen. Besonders behaftet ist der Ort Kirche und der sakrale Raum. Die damit verbundene Form eines Konzertes, dessen Verlauf und dessen Strukturen erscheinen vielen Menschen als besonders restriktiv.
Die liturgische Form gibt Sicherheit. Sie schafft Strukturen, reduziert Überraschungen und gibt Gewissheit, was den Ablauf betrifft. Man muss sich nach einigen besuchten Gottesdiensten kaum mehr damit beschäftigen, wann gebetet, wann gekniet und wann gesungen werden soll.
Alles wird verinnerlicht, zum Ritual, das nicht mehr vollständig bewusst und intentional mit jedem Gedanken in jedem Augenblick vollzogen wird. Das „Ich“ löst sich im „Wir“ der betenden Menschenmenge und der liturgischen Form auf. Der Kopf kann sich auf andere Aspekte konzentrieren.
Der Beteiligte kann sich, da der Ablauf verinnerlicht wurde, in seinem Gebet zu Gott hin wenden und muss keinen äußeren Ablenkungen fürchten. Die liturgische Form hat die Unterstützung der eigenen Gedanken und des eigenen Gebetes im Sinn, nicht deren Zerstreuung und deren Irritation.
Folglich hat auch Musik in diesem Dienst zu stehen. Musik, die irritiert, die abweicht, die vollständig neue Formen schafft, hat kaum liturgischen Charakter. Das Ego des Musikers steht nicht im Vordergrund, sondern sein Umgang mit Vorhandenem, mit seiner Interpretation des kontemplativen Zweckes der Musik.


Konzert und Konzept


Nun ist festzustellen, dass Rolf Liselevand kein Konzert im Rahmen eines Gottesdienstes in der Pfarrkirche Mariahilf in Innsbruck gab. Aber der liturgische Charakter wurde vor allem auch durch das höchst barocke Umfeld bestimmt. Ein Musiker, der sich in den Altarraum setzt, begibt sich auch in die Tradition von sakraler Musik.
Ein solcher Raum fordert Demut ein. Vom Publikum und von den Musikern. Ein solcher Ort ist kein Raum Selbstverwirklichung, sondern macht die Fragen nach spiritueller Dimension, nach Vergangenheit und Gegenwart virulent. Diskurse, denen an der Ewigkeit und am ewigen Leben gelegen ist, ermöglichen eine großzügigen Umgang mit der Kategorie Zeit.
Rolf Lislevand begann das Konzert zusammen mit Peter Waldner. Das Klang-Duo aus Theorbe und Orgelpositiv intonierte „Antidotum Tarantulae“ des Komponisten Athanasius Kircher. Dieses sollte auch den Abend beschließen, der unter dem Motto „Ein Klangfest für Barock-Gitarre, Theorbe & Orgel“ stand und im Rahmen der „Innsbrucker Abendmusik“ stattfand.
Es war wohl kein Zufall, dass die harmonisch und musikalisch einfachste und zugänglichste Komposition diesen Abend eröffnete und beschloss. Nach dem nur wenigen Minuten dauernden Anfangsstück begab sich Peter Waldner hinauf zur großen Orgel und setzte den Rahmen stark unter das Vorzeichen der Liturgie.
Es ist allgemein anerkannt, dass sich kein Instrument besser zur Verehrung Gottes eignet als die Orgel. Virtuos und mit brillanter und sensibler Beherrschung gegenläufiger Motive und Melodien lotete Waldner die klanglichen und spielerischen Möglichkeiten der Orgel aus. Er sollte die Orgel im Laufe des Abends immer wieder, kontrastierend zu den Solo-Passagen von Rolf Lislevand, zum Klingen bringen.
Es wechselten sich somit stark liturgisch konnotierte Passagen mit den freieren, auch der Improvisation nicht abgeneigten Teilen von Rolf Lislevand ab. Zweifel an der Richtigkeit der Ortswahl dieses Konzertes verflogen dadurch nach wenigen Augenblicken. Exakt in diesem Wechselspiel entfaltete sich nämlich die Magie dieses Abends.
Die Programmteile von Rolf Lislevand, vorgetragen auf Barock-Gitarre und Theorbe,  waren „gegenwärtig“, vital und dabei doch höchst komplex. Er schaffte es diese Musik ins Hier und Jetzt zu holen und auch den liturgischen Charakter mit einzubeziehen. War diese Musik wirklich schon fast 400 Jahre alt oder war sie erst gestern komponiert worden? Man wusste es manchmal nicht mehr.
Die Virtuosität von Liselevand wurde dabei niemals ostentativ zur Schau gestellt. Er versteht die Beschaffenheit der Stück, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten seiner gespielten Instrumente und wagt es dabei, sich mögliche Freiheiten herauszunehmen und mit diesen zugleich mutig als auch demütig umzugehen. Wer um die jahrhundertelange Geschichte dieser Kompositionen weiß, dem liegt ein respektloser Umgang mit diesen fern. Zugleich aber ist nichts schlimmer, als diese Stücke als bloße Museums-Stücke zu behandeln.
Die musikalische Persönlichkeit, die Rolf Lislevand in seine Interpretationen einbrachte, erweckte diese zu neuem Leben und rührte manchen Konzertbesucher zu Tränen.
Wenn großartige Kompositionen auf eine gelungene Gesamt-Konzeption auf die pure Präsenz der schwer fassbaren Musikalität eines Rolf Lislevand treffen, dann ist deutlich, dass man einem einzigartigen, schwer zu wiederholenden Abend beiwohnen durfte.


Zum Reinhören


Titelbild: Markus Stegmayr

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

1 Comment

  1. ein sehr kluger, sehr anregender artikel . werde für 2018 kontakt mit lislevand aufnehmen. die schlosskirche in diersfordt bei wesel ist ein idealer ort und besitzt eine hervorragende orgel. vielen dank.

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