Was wir von Johann Sebastian Bach & Co. lernen könnten

10 Minuten Lesedauer

Die „Alte Musik“ und die junge Generation


„Schade.“ „Unverständlich“. Die Stimme aus dem Radio klingt müde. Brüchig. Rau. Sie gehört zweifellos einem Mann jenseits der Sechzig. Das Wetter ist spätwinterlich. Es ist kühl, regnerisch. Ich befinde mich auf dem Weg zu einem Konzert der „Innsbrucker Abendmusik“.
Zwischen den Zeilen des Mannes klingt durch, dass ihm jegliches Verständnis dafür fehlt, dass neben Mozart und Beethoven Musik aus dem 15. und 16. Jahrhundert in der Kanonisierung und der Aufführungspraxis moderner Opernhäuser und Konzertreihen oft sträflich vernachlässigt wird.
Es ist nur allzu leicht dem Unterton seiner Stimme eine beinahe schon fatalistische Resignation zu entnehmen. Dazwischen mischt sich eine Form von Altersweisheit und Altersmilde.
Beiläufig hat er in seinen Ausführungen einen zentralen Begriff erwähnt: „Unverständlich.“ Das setzt voraus, dass es etwas zu verstehen gibt, dass Wissen verloren gegangen ist.
Sein Bedauern drückt aus, dass er diese teilweise abgebrochene Überlieferung des Wissen gerne wiederhergestellt vorfinden würde. Er wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Er weiß, dass sein Wissen nicht das Wissen der Menschen von 20 – 40 ist. Sie haben sich anderen Phänomen und anderen Musikrichtungen zugewandt. Die Schönheit der „Alten Musik“ erkennen sie nicht mehr. Weil ihnen die Bildung fehlt? Weil ihnen die in dieser Musik konservierte und manifestierte Welt fremd ist? Wer weiß.


Das Konzert der Alten


Die Ankunft im „Canisianum“ machte klar, dass die „Alte Musik“, zumindest was das Publikum betrifft, tendenziell ein Publikum anspricht, das älter als vierzig Jahre ist. „Schade“ könnte man sagen. Und „unverständlich“. Schließlich konserviert die „Alte Musik“ eine Lebenswelt, die uns allen vertraut ist. Vor allem in der Musik des Barock werden Affekte und Gefühlsregungen auf überaus präzise und klug konstruierte Weise verhandelt und inszeniert.

Hatte das Klanguniversum von J.S. Bach verinnerlicht: Peter Waldner (Bild: http://www.peterwaldner.at/)
Hatte das Klanguniversum von J.S. Bach verinnerlicht: Peter Waldner (Bild: http://www.peterwaldner.at/)

Affekte und starke Gefühle sind uns auch im Heute nicht fremd. Möglicherweise ist es aber der zum Teil kühle und analytische Umgang mit ihnen. Die Musik, die daraus entsteht, ist zwar nicht kühl, aber Barockmusik versucht die rationale Oberhand über die irrationalen Gefühlsregungen zu behalten.  J.S. Bach, der an diesem Abend im Zentrum stand, war ein Komponist, dem es um die ausgewogene, streng durchdachte und konzis konstruierte Komposition ging.
Vorausgeschickt: Der Abend mit Peter Waldner und Petra Mülllejans war eine Offenbarung. Peter Waldner hatte das bachsche Universum verinnerlicht und ließ sich von den klanglichen und spielerischen Freiheiten und Extravaganzen von Petra Müllejans erst recht befeuern, „seinen“ Bach noch präziser und leidenschaftlicher in Szene zu setzen. Vor allem auch die d-moll Chaconne für Violine solo geriet zum Triumpf. Im zweiten Teil des Abends konnte Peter Waldner wiederum mit einem Cembalo-Solo-Teil im Allegro glänzen.
Am gestrigen Abend eine Offenbarung: Petra Müllejans (Bild: Dackweiler)
Am gestrigen Abend eine Offenbarung: Petra Müllejans (Bild: Dackweiler)

Vor dem Konzert konnte man in den gewohnt präzisen und substantiellen Texten von Franz Gratl schmökern, der im Begleitheft zum Konzert gelehrt über den Geigenbauer Jacob Stainer und die Zeit von Johann Sebastian Bach schreibt. Das kulturelle Wissen eines sehr großen Teiles der anwesenden Gäste wurde damit bestätigt und unter Umständen auch um die eine andere Facette bereichert.
Nach der Lektüre weiß man mehr über die Echtheit der Stainer-Geige, die später in den Händen von Petra Müllejans erstaunlich, wendig und zugleich historisch als auch heutig zum Klingen gebracht wird. Man erfährt ebenfalls viel über die geschickte Konstruktion und den außergewöhnliche Aufbau so mancher Bach-Sonate.
Es gibt also jede Menge zu verstehen. Und doch bleibt für den Außenstehenden vermutlich vieles unverständlich. Derjenige, der nicht im Diskurs der „Alten Musik“ und der historischen Aufführungspraxis verhaftet ist, wird womöglich mit einer notwendigen Distanzierung auf diese Art von Gelehrsamkeit reagieren.
Nach dem Konzert sichtbar glücklich: Peter Waldner und Petra Müllejans (Bild: Innsbrucker Abendmusik)
Nach dem Konzert sichtbar glücklich: Peter Waldner und Petra Müllejans (Bild: Innsbrucker Abendmusik)

„Schade“ ist somit, dass die Musik, die an diesem Abend besonders lebendig, gegenwärtig und intensiv war, diskursiv nicht in das Hier und Jetzt eines jüngeren Publikums geholt wurde. Es bräuchte vermutlich nur einen kleinen Schritt, einen letzten Auslöser, damit sich verstärkt auch Menschen unter oder um die dreißig von der ungebrochenen Macht und Wucht einer Sonate von J.S. Bach genauso beeindrucken ließen wie von einem Noise-Track, sagen wir von „Merzbow.“
Eine Offenbarung: Petra Müllejans (Bild: Marco Borggreve)
Eine Offenbarung: Petra Müllejans (Bild: Marco Borggreve)


J.S. Bach in der Gegenwart


Es wäre eine Option von dieser Spielart auszugehen und J.S. Bach als eine Art „Gegenpart“ zu etablieren. Während sich der Rezipient beim „Noise“, mehr noch beim „Harsh-Noise“, von der Fülle und Überfülle, von der Überlagerung der einzelnen Soundschichten in eine Art von Rauschzustand versetzen lässt, behält bei Bach das rationale und analysierende Subjekt stets die Oberhand.
„Noise“ ist somit ein Ausdruck des Zeitgeistes. Die Welt ist so komplex und unüberschaubar geworden, dass die Musik nur mehr mit „Rauschen“ und Überfülle bis hin zur Unverständlichkeit reagieren kann. Es lässt sich nichts mehr verstehen, man lässt diese Musik einfach über sich hinwegrauschen, verliert sich darin als Subjekt, löst sich auf.
Bei Bach hingegen ist das komponierende und auch rezipierende Subjekt immer eingeschrieben, omnipräsent. Möglicherweise ist die Musik damit wiederum sehr mit der Epoche des Barock verbunden. Die Aufklärung, das mündige Subjekt, das die Welt verstehen will und sich behaupten möchte, sind zentral. Unter Umständen war die Welt damals auch noch leichter zu verstehen. Im heuten haben wir uns verloren und verlaufen in einem Dickicht der Diskurse, die zu einem großen Teil auch noch medial vermittelt werden und die somit stets abstrakter und immer unverständlicher werden.

Der "Gegenspieler" von J.S. Bach? Merzbow (Bild Michael Hoefner)
Der „Gegenspieler“ von J.S. Bach? Merzbow (Bild Michael Hoefner)

Genau deshalb könnte die Musik von J.S. Bach eine so wichtige Rolle im Heute spielen. Das Subjekt behauptet sich wieder, schottet sich vor der Überflutung durch sinnentleerte und dadurch unverständlichen Informationen ab und findet so wieder zur eigenen subjektiven Souveränität und Rationalität. J.S. Bach könnte damit das „Gegengift“ für das entfremdete und sich von der Welt entfremdende Subjekt sein, das sich in der Unverständlichkeit und im Rauschen der Gegenwart suhlt.
Es wäre einen Versuch wert. Die Musik von J.S. Bach könnte höchst relevant für die Gegenwart sein. Denn der Umgang mit seiner Musik und der Musik des Barock wird von Missverständnissen gekennzeichnet. Barock geht es nicht um die Fülle oder gar um die Überfülle. Es geht den Komponisten des Barock, allen voran J.S. Bach, um den sinnvollen, rationalen Umgang mit Fülle und Komplexität, die in eine angemessene, verständliche und verstehbare Form gebracht werden.
Wir könnten viel von J.S. Bach und seiner Musik lernen. Wenn wir uns nur darauf einlassen. Und uns von der Wucht und der gleichzeitigen Klarheit seiner Musik anregen ließen.


Zum Reinhören



Titelbild: (c) Michael Hoefner

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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