(Ab) Heute ist mir einfach alles scheißegal!

9 Minuten Lesedauer

Scheiße, ich bin sowas von privilegiert aufgewachsen. Ich habe Eltern die auf mich geschaut haben, denen meine Schulbildung – und Bildung generell – immer wichtig waren und die mich auch finanziell unterstützen konnten. Irgendwie habe ich seit ich denken kann den inneren Trieb verspürt, mich mit Leistung für dieses Privileg bedanken zu müssen.
Bis auf einige wenige Jahre während meiner Pubertät, habe ich mich deshalb stets bemüht korrekt zu sein – strebsam, aktiv, gerecht, verständnisvoll, fair und so weiter und so weiter. Ich habe in den richtigen Augenblicken Aufmerksamkeit, Leistung und Willen gezeigt und in den anderen richtigen Augenblicken meinen Mund gehalten. Ich habe selten jemanden (bewusst) beleidigt, nur in Ausnahmesituationen übertriebene Gefühle zugelassen, habe niemanden gehasst und selten öffentlich verurteilt.  Dank der günstigen Vorzeichen habe ich es aufs Gymnasium und später auf die Uni geschafft. Dass ich jetzt als freier Autor meinen Traum leben kann, habe ich auch dem Glück zu verdanken, in eben diese heile Welt reingeboren worden zu sein.
In all diesen Jahren habe ich mich an die Etikette gehalten und fest daran geglaubt, dass jene mit dem größten Talent, dem stärksten Willen, dem höchsten Bemühen und dem meisten Fleiß, weit kommen würden. Mein Umfeld hat es mir erlaubt lange an diesem (Un)Glauben festzuhalten. Wir wollten gemeinsam die Welt entdecken, sie erobern. Wir waren neugierig, offen, tolerant und wollten gute Menschen sein. Wenn wir etwas nicht verstanden hatten, haben wir nachgefragt. Wenn wir etwas ungerecht fanden, haben wir versucht es zu ändern. Ich war der festen Überzeugung, dass diese Welt so funktioniert. Im Kern musste doch einfach jeder Mensch gut sein. Kriege, Unrecht, Ausgrenzung, Hass – das waren Dinge die ich mir nie erklären konnte. Wie konnte das alle nur passieren? Wenn es hart auf hart kommt, kann man sich doch immer an einen Tisch sitzen und mit einander reden. Und am Ende würde eine gemeinsame Lösung stehen.
Scheiße, heute habe ich verstanden, dass die Welt so eben nicht tickt. Höchstens die kleine, heile Welt in der ich aufwachsen durfte. Und es hat mehr als ein Vierteljahrhundert gedauert, bis ich das verstanden habe. Obwohl mir stets bewusst war, dass ich echt Fetten hatte, dass ich echt ein riesen Glück hatte, so aufgewachsen zu sein, habe ich lange nicht kapiert wie es wirklich zugeht. Von wegen Strebsamkeit. Von wegen Neugier allem gegenüber. Von wegen Wunsch nach Harmonie. Von wegen Verständnis untereinander. Von wegen Interesse an einer niveauvollen Diskussion. Von wegen Toleranz gegenüber anderen. Nein. All das existiert höchstens in meinem Hirn, in meiner kleinen Welt.
Ich komme mir schön blöd vor, wenn ich daran denke wie viele Gedanken ich mir gemacht habe, bevor ich einen Text geschrieben habe. Niemand sollte beleidigt sein, möglichst viele Menschen sollten mein Anliegen verstehen, eine neue Erkenntnis gewinnen, mit mir diskutieren oder mir ihre Ansichten mitteilen. Und ich komme mir auch ganz schön dämlich vor, wenn ich darüber nachdenke wie oft ich mich in meinem Leben selbst gestresst habe. In der Volksschule muss ich brav sein und mich fest bemühen, damit ich danach aufs Gymnasium gehen darf. Im Gymnasium muss ich leise sein, aufpassen und strebsam sein, damit ich auf die Uni darf. Auf der Uni muss ich mitdiskutieren, Interesse zeigen und lernen, damit ich meinen Abschluss bekomme. Währenddessen muss ich sozial engagiert sein, mir Softskills zulegen, viel lesen, um mich weiterzubilden und Sport machen, damit ich dünn bleibe. Party machen ist zwar erlaubt und wichtig, aber zu viel ist auch nicht gut. Nach der Uni muss ich mir einen Job suchen, der mir Aufstiegschancen bietet. Dort muss ich dann echt gut arbeiten, Überstunden machen und ja nicht negativ auffallen, damit ich irgendwann mehr als 1.800 brutto im Monat verdiene.
So ein Dreck. Es hat zwei Jahre Selbstständigkeit gebraucht, bis ich endlich so frei im Schädel war, um mir einmal länger als 60 Minuten Mittagspause und ein normales Wochenende zu gönnen. So sehr war ich im Leitungs- und Sicherheitsdenken verankert. Was würden wohl meine Eltern denken und wie würden sie dastehen, wenn ihr Sohn nicht ein guter und strebsamer Mensch wäre? Was würden meine Freunde von mir halten, wenn ich auf die Frage – wie geht’s dir eigentlich so – mit – naja, eher schlecht – antworten würde? Was würden meine Kunden denken, wenn ich ihnen einmal sagen würde – nein, ich kann die Deadline nicht einhalten, weil ich echt müde bin, weil ich einmal einen Tag Ruhe brauche und erst danach wieder kreativ sein kann. Was würde ich von mir selbst denken, wenn ich so handeln würde? Wenn ich plötzlich zu mir und meinem Umfeld ehrlich wäre?
Scheiße, ich scheiß jetzt drauf. Aber so richtig. Wenn Sargnägel dafür gefeiert werden, dass sie Worte wie „blunznfett“ und „bekifft“ unter Weisheiten mischen. Wenn Felix Baumgartners ihre Meinung öffentlich kundtun dürfen, deren Kritiker aber nicht. Wenn Katja Krasavices mehr Abonnenten haben, als Spiegel, ARD und Arte zusammen. Wenn Kinder und Jugendliche zu Youtubern aufschauen und diese dadurch zu politischen und sozialen Meinungsbildern werden. Wenn Vice und Co dir jeden Tag dicke Titten und Swingercluberfahrungen präsentieren. Wenn Agenturen ohne Inhalt plötzlich Content liefern. Wenn Anspruch, Wissen und Qualität aus der Mode zu sein scheinen. Wenn braunes Volks ungeniert seine Parolen plärren darf. Wenn Gutmensch zum Unwort des Jahres gewählt wird.  Wenn dein Umfeld sich langsam teilt, rechts und links sich formieren, du irgendwo dazwischen stehst und kaum mehr weißt was sagen. Dann ist es an der Zeit Schluss zu machen, Schluss mit deiner kleinen, heilen Welt. Rauszugehen und Stellung zu beziehen. Rasch. Bevor es alle anderen tun!
P.S.: Ja, es nervt mich, wenn einer meiner Texte wenig gelesen wird. Ja, ich ärgere mich, wenn mich Leute nicht ernst nehmen, nur weil ich jung bin. Ja, es stört mich, wenn Leute von Dingen reden, von denen sie offensichtlich keine Ahnung haben. Ja, es macht mich wahnsinnig, dass ich dauernd hören muss – „und von was lebst du? Doch nicht nur vom Schreiben, oder?“ Ja, ich kann manche Trend-Phänomene nicht verstehen, versuche sie mir aber zu erklären. Ja, ich bilde mir zu vielen Dingen eine Meinung und tue diese auch gerne kund. Ja, ich weiß, dass ich mich damit aus dem Fenster lehne und mich angreifbar mache. Ja, ich habe lange versucht es jedem Recht zu machen und bin drauf gekommen, dass das nicht geht. Denn. Ja, ich feiere eben nicht jeden Hype. Und ja, ich hasse es, wenn Leute mir meine Meinung verbieten!

Hier geht es zu der vorherigen Folge der Kolumne "Kleingeist und Größenwahn"

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

1 Comment

  1. Stimmt genau. Ich finde Deinen Text sehr gut.
    Wir leben in einer widerlichen Zeit, in der widerliche Oligarchen (ich zähle dazu auch Corporate USA, Corporate Europe) mit ihren widerlichen Politiker_innen-Marionetten (ich meine vor allem die rechtsrechten Falotten und Korruptionisten) tun und lassen können, was sie wollen.
    Aktion ist die einzige Möglichkeit, sich gegen diese Widerlichkeiten zu wehren. TUN und nicht LIKEN/TEILEN ist die Devise.
    Was ich mich darüberhinaus ernsthaft frage: hat die 68-er Generation eigentlich gepennt als die ersten rechten Ratten aus den Löchern gekrochen kamen? Die Bildung zum Luxusgut machen und die die Mindestsicherung zur sozialen Hängematte hochlügen?
    Irgendwas ist da fürchterlich schief gelaufen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code